Mode

Levi Strauss: Ein Buxenmacher aus Buttenheim

Jeans in einem »Levi Strauss store« in New York Foto: picture alliance / REUTERS

Die Nachricht ging im Herbst um die Welt. Bei einer Auktion in den USA wechselte eine gebrauchte Jeanshose für sagenhafte 87.400 US-Dollar den Besitzer. Das leicht abgewetzte Kleidungsstück soll deutlich über 100 Jahre alt sein. Für Freunde des gehobenen Secondhand-Segments allerdings noch wichtiger: Bei der Hose scheint es sich um eine echte Levi’s zu handeln - aus der Frühzeit jenes Unternehmens, dass die Jeans populär machte.

Ein wichtiges Datum in diesem Zusammenhang ist der 20. Mai 1873. Damals, vor 150 Jahren, stellen die US-Behörden ein Patent für vernietete Arbeitshosen auf den Unternehmer Levi Strauss und den Schneider Jacob Davis aus. Eine der vielen Legenden um die Jeans, die damals noch »Waist Overalls« hießen, geht so: Eine Kundin habe Davis gebeten, eine strapazierfähige Hose für ihren Gatten zu schneidern. Denn dieser sei etwas aus der Form geraten und bringe die Nähte in herkömmlichen Modellen jedesmal zum Platzen.

Ungelenkes Englisch Davis verstärkte seine Spezialanfertigung mit Nieten - und immer mehr Kunden gefiel das. Der reißende Absatz weckte offenbar Begehrlichkeiten. Seine Nachbarn würden bereits neidisch ob des Erfolgs - »My nabors are getting yealouse of these success« - schrieb Davis in etwas ungelenkem Englisch an Strauss. Mit finanzieller Unterstützung seines Stofflieferanten hoffte er, sich ein Patent sichern zu können.

Doch Davis und Strauss verband mehr als ihre geschäftliche Beziehung. Beide Männer waren Einwanderer. Und beide waren Juden. Davis stammte aus dem lettischen Riga, Strauss aus dem oberfränkischen Buttenheim südlich von Bamberg. Lange wussten man dort nichts über den findigen Geist, der auszog, um in der Ferne sein Glück zu machen. Erst 1983 kam die ganze Sache ans Licht.

Etwas unklarer ist, woher der Name für die beliebten Baumwollbuxen kommt. Ein wenig lose hängen die Fäden im Webstuhl der Geschichte, wie Pascale Gorguet-Ballesteros vom Musee Galliera in Paris unlängst in einem Radio-Interview erläuterte. Eine Spur führt demnach ins italienische Genua zu dort hergestellten Geweben aus Wolle und Leinen. Die seien im 18. Jahrhundert unter anderem nach London verschifft worden. Die Engländer hätten den französische Namen des Herkunftsortes »Genes« zu »Jeans« verballhornt.

Goldsucher und Cowboys Ebenfalls auf der Insel begehrt gewesen sei ein Wolle-Seiden-Gemisch aus Nimes, das die frühen Textilfabrikanten etwa in Manchester bald schon aus Baumwolle hätten kopieren lassen, so Gorguet-Ballesteros. Übrig blieb der Mode-Expertin zufolge das Label »Denim«, vom französischen »de Nimes« (»aus Nimes«). Den Goldsuchern und Cowboys, die sich die ersten Jeans überstreiften - ab 1890 versehen mit der Nummer 501 -, dürfte all das herzlich egal gewesen sein.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Hose rund um den Globus populär. Hollywood-Ikone James Dean trug sie ebenso wie Woodstock-Gitarrist Jimi Hendrix. Im Westen verband Werbung den Geist von Freiheit und Unangepasstheit mit der Jeans, zum Beispiel beim Marlboro-Mann oder Calvin-Klein-Model Kate Moss.

Im Osten wollten die kommunistischen Apparatschiks davon nichts wissen, wie Historiker Frank Trentmann festhält. Rock’n’Roll, Jeans und Fernsehromanzen galten als »Waffen der ‚ideologischen Diversion‘, durch die der Klassenfeind die Aufmerksamkeit vom Aufbau des Sozialismus ablenken wollte«.

Blaues Wunder Trotzdem sollte die DDR Ende der 70er-Jahre ein blaues Wunder ganz eigener Art erleben. Um die Jugend für den Arbeiter- und Bauernstaat zu gewinnen, ließ Erich Honecker eine Million Jeans der Marken Levi’s, Wrangler und Pioneer einfliegen. Geholfen hat es bekanntermaßen wenig.

In der jüngeren Vergangenheit stehen vor allem die Produktionsbedingungen in der Kritik, angefangen von Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch. Kein Wunder: Pro Sekunde wandern von Australien bis Zypern schätzungsweise 70 Jeans über die Ladentheken.

In Buttenheim erinnert seit dem Jahr 2000 ein Museum im Geburtshaus von Levi Strauss an den Unternehmer und seinen Topseller. Im Fundus lagert seit ein paar Jahren ein ganz besonderes Stück: Ein Beinkleid mit dem Autogramm von Papst Franziskus.

Als Löb Strauss wurde der spätere Unternehmer 1829 in Buttenheim bei Bamberg geboren. Mit seiner Mutter und jüngeren Geschwistern wanderte er 1847 in die USA aus. In New York warteten bereits zwei größere Brüder von ihm. In ihr Texilhandelsunternehmen stieg Löb Strauss ein, der sich bald umbenannte. »The rest is history«, heißt es in Amerika.

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