Familie

Letzter Wohnsitz Lichtenberg

Wer in Berlin über den Wolken wohnt, hat es nicht zwangsläufig zu etwas gebracht. In den Hochhaus‐Plattenbausiedlungen im Osten der Stadt genießt man in den oberen Etagen alles andere als einen schönen Ausblick. Nicht viele möchten hier gerne wohnen. Auch meine Uroma Sofia – ursprünglich Sarah genannt, bevor sie in den 20er‐Jahren ihren Namen änderte, um als Jüdin nicht zu sehr aufzufallen – wollte es vermutlich nicht. Doch Sofia beschwerte sich nie; fast 20 Jahre hat sie in ihrer 20‐Quadratmeter‐Wohnung im Stadtteil Lichtenberg verbracht. Dort starb sie vor einem Jahr, am 13. Juli 2012.

Sofia wurde 1919 geboren, vermutlich am 2. Mai. In ukrainischen Bauernfamilien nahm man es in ihrem Geburtsjahr nicht so genau mit den Daten. Nach dem Chaos der Oktoberrevolution wurde auch noch der Kalender umgestellt – vom julianischen zum gregorianischen. Jedenfalls der Geburtsort steht fest: Narodichi, im ostukrainischen Oblast (Landkreis) Schytomyrska. Das Dorf war bettelarm, Sofia war daszweitälteste von insge‐ samt sechs Geschwistern, um die sich ihre Mutter weitestgehend alleine kümmerte. Der Vater arbeitete als Schneider.

Sängerin Nach acht Jahren Schule – der üblichen Zeit bis zum mittleren Schulabschluss in der Sowjetunion – schrieb sich das künstlerisch begabte Mädchen im Pädagogischen Technikum in Schytomyr ein. Regelmäßig trat Sofia dort auch als Sängerin oder Schauspielerin in kleineren Theatern und in Schulen auf. Sie hätte daraus gerne einen Beruf gemacht. Doch ihr Vater verbot es. Der streng religiöse Mann hielt von künstlerischen Tätigkeiten nicht viel. »Er wollte keine Hure als Tochter«, erinnert sich Sofias Tochter Zhanna mit zittriger Stimme an die Erzählungen ihrer Mutter. In diesem Ruf standen zu der Zeit Frauen, die sich künstlerisch betätigten.

An einem jüdischen pädagogischen Institut ließ sich Sofia stattdessen zur Lehrerin ausbilden, was ihr in ihrem Dorf hohes Ansehen eintrug, noch höheres, als wenn sie Ärztin geworden wäre. Die Revolution saß den Menschen noch frisch in den Knochen, aus den zaristischen Trümmern sollte der neue sowjetische Mensch entstehen. »Es ging darum, ein ganzes Land zu alphabetisieren«, erläutert Zhanna.

Zwei Jahre, nachdem Sofia Grundschullehrerin wurde, heiratete sie Naum. Ihr Mann beendete zu der Zeit gerade seine Ausbildung zum Geschichts‐ und Geografielehrer an der Pädagogischen Hochschule in Odessa. Gleich nach dem Abschluss wurde er zum Schuldirektor ernannt und blieb es sein Leben lang. Mit einer Unterbrechung: als der Krieg ausbrach.

kasachstan Am 22. Juni 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion. Stalin mobilisierte zum »Großen Vaterländischen Krieg«. Sofia lebte zu der Zeit in der ukrainischen Provinz Owrutsch bei der Familie ihres Mannes. Sie arbeiteten beide an derselben Schule – er als Direktor und sie als Lehrerin. Sofia wurde schwanger und Naum zur Armee einberufen. Kurz bevor man ihn einzog, ließ er Sofia noch gemeinsam mit dem Rest seiner Familie nach Kasachstan evakuieren.

Unterwegs nach Vorderasien, unter dem Bombenfeuer der Nazis, gebar sie auf einer Kutsche unter freiem Himmel damals ihr erstes Kind, Alexander, Zhannas Bruder. Auch diese Geschichte kennt Zhanna in‐ und auswendig: »Im Hintergrund hörte man die Nazis bei ihrem Vormarsch durch die Ukraine laut schreien und Befehle erteilen.« Zhanna stockt kurz beim Reden, schaut so ernst und mitgenommen, als hätte sie es selbst erlebt. »Die deutschen Bomben machten die Nacht zum Tag.«

Es verging ein Jahr. Es verging ein zweites Jahr. Und es verging ein drittes Jahr – bis Sofias Mann 1944 auf Krücken von der Front wiederkam. Naum war schwer verwundet worden, man hatte ihm durch beide Beine geschossen.

Nach dem Krieg zog Sofia mit ihrem Mann zurück nach Owrutsch, wo er eine Schule für Kriegswaisen gründete und deren Direktor wurde. Sofia arbeitete mit ihm als Lehrerin.

polen 1952 gebar Sofia ihre Tochter Zhanna. Im selben Jahr erschien mitten in einer Nacht ein Schüler Naums in ihrer Wohnung, um das Ehepaar vor der Verhaftung zu retten. Als Mitarbeiter der Geheimpolizei GPU hatte er erfahren, dass im Rahmen der sogenannten Ärzteprozesse auch Naum mit seiner Familie abgeholt werden sollte. Stalin hatte noch kurz vor seinem Tod im März 1953 eine antisemitische Kampagne gegen »wurzellose Kosmopoliten und Zionisten« initiiert, der vor allem Angehörige der sowjetischen jüdischen Intelligenz zum Opfer fielen.

Der Schüler brachte Sofia und ihren Mann, zusammen mit den beiden Kindern, in eine kleine Siedlung in Polen, wo sie sich bis zu Stalins Tod 1953 aufhielten. Auch dort berief man Naum wieder an die Leitung einer Schule, Sofia arbeitete wieder als Lehrerin, bis die Familie nach Stalins Tod in die Ukraine zurückkehrte. Naum starb dort 1981. Um der Einsamkeit zu entfliehen, zog Sofia zu ihrer Tochter nach Iwano‐Frankiwsk. Zhanna war zu der Zeit bereits lange selbst verheiratet und hatte eine eigene Tochter. Sie lebten dort alle gemeinsam – bis 1990 der Zusammenbruch kam.

berlin Über Nacht hatte sich die Sowjetunion aufgelöst, jeder, der konnte, versuchte, sie so schnell wie möglich zu verlassen. Meine Mutter floh mit meinem Vater im Juli 1991 aus dem ehemaligen Leningrad in den Osten Berlins. Zwei Jahre später zog der Rest der Familie – auch Sofia – aus der Ukraine nach.

Wie viele meiner Generation bin ich areligiös aufgewachsen. Im Gegensatz zu vielen jüdischen Generationsgenossen habe ich für mich beschlossen, das auch zu bleiben. Dennoch: Schwarz gekleidet folgten meine Familie und ich vor einem Jahr im prasselnden Juliregen Sofias Sarg – dem Sarg meiner Uroma. Nach jüdischer Tradition wurde er in Anwesenheit zehn jüdischer Männer gehoben und zur Grabstätte auf dem Friedhof in Berlin‐Weißensee getragen.

Tausend Gedanken schossen mir damals durch den Kopf. Ich erinnerte mich an So‐fias fahles Gesicht in den Monaten, bevor sie starb, an ihre grauen mittellangen Haare, die durch die großen Fenster im Sonnenlicht glänzten, wenn sie auf ihrer Couch saß. Ich hörte den Rabbiner sein Gebet rezitieren. Mein bester Freund hielt meine Hand.

Seine vietnamesische Familie lebte mit Sofia auf derselben Etage. Im asiatischen Restaurant seiner Eltern nahmen wir nach der Beerdigung das von Freunden der Familie zubereitete obligatorische Trauermahl zu uns. Zuvor hatte ich an Sofias Grab einen Zettel aus der Hosentasche gezogen, aufgefaltet und das Kaddisch abgelesen. Um religiöse Überzeugungen ging es dabei nicht. Im Judentum sprechen Männer das Kaddisch – ich war ihr nächster und einziger männlicher Verwandter vor Ort.

Tel Aviv

Jedes Jahr aufs Neue!

An Purim ist die Stadt noch lauter und schriller als sonst

von Andrea Kiewel  20.03.2019

Purim

Der Rest der Welt

Hänsel und Gretel im Schlaflabor oder Warum ich am Losfest als Frankenstein gehe

von Margalit Edelstein  20.03.2019

Kino-Tipp

Eine verhängnisvolle Affäre

»Der Fall Sarah & Saleem« erzählt die Geschichte einer israelisch-palästinensischen Liebe

von Dietmar Kanthak  19.03.2019