Dokumentarfilm

»Lernen, wieder selbst zu denken«

Der kanadische Dokumentarfilmer Larry Weinstein Foto: Gregor Zielke

Herr Weinstein, was ist faszinierender für Menschen: Lüge oder Wahrheit?
Die beiden Dinge gehen Hand in Hand, und es wird immer schwerer, die Wahrheit zu erfassen. Manche Menschen sagen sogar, dass es die Wahrheit als solche gar nicht mehr gibt. Lügen begegnen uns vom ersten Tag an. Manche von ihnen sind schön. Wie der Glaube an die Zahnfee, an Meerjungfrauen oder an Einhörner. Es gibt religiöse Geschichten, die jeder rationalen Grundlage entbehren – und wir glauben sie. Wir werden also mit Fantasien gefüttert, und das fasziniert uns. Deswegen lieben Menschen Zauberei, Kulte, Mystik. Wahrheit – also ich bin kein Philosoph –, aber die Frage ist: Was ist Wahrheit? Menschen wollen sie, aber was ist sie? Manchmal schmerzt sie. So sehr, dass wir vielleicht eher die Lüge akzeptieren. Propaganda kann beides sein: Wahrheit und Lüge.

Und damit haben Sie sich in Ihrem Dokumentarfilm »Propaganda. Wie man Lügen verkauft« befasst.
Ja, ich hatte echt eine schlechte Stimmung, als ich den Film machte, denn ich wurde zu diesem Thema durch Donald Trumps Dummheit inspiriert.

Haben Sie wirklich allmorgendlich Tweets von Donald Trump gelesen?
Ja, das stimmt. Teilweise, um meine eine Wut, meine Gedanken und meine eigene Propaganda zu befeuern.

Wie geht es Ihnen heute?
Ich bin ja kein Follower von ihm und schaue mir nur seine Tweets an. Ich weiß, was auch immer er sagen wird, wie verrückt es auch sein mag, kommt in die Nachrichten. Wenn es wirklich dumm war, kam es in der nächsten Woche in die Nachrichten. Wenn es nur mäßig dumm war, dann schaffte sein Tweet es in die Nachrichten des nächsten Tages.

Was meinen Sie, wird Donald Trump für eine weitere Amtszeit gewählt werden?
Ich hoffe nicht, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass er seine Anhänger noch einmal mobilisieren kann. Allerdings wird auch entscheidend sein, wen die Demokraten aufstellen und wer gewinnt. Jemand hat mit mir kürzlich über rechte Parteien gesprochen und erläutert, wie sie sie komplexe Sachverhalte vermeintlich einfach als Gut und Böse darstellen wollen und dass deren Narrativ sehr einfältig. Die linken Parteien dagegen sind ein wenig einfühlsamer, vielfältiger und komplexer. Und diese Sprache lässt dies eben nicht zu.

Was ist Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen »Propaganda« und »Fake News«?
Der Begriff »Fake News« wurde von Donald Trump verfälscht, denn er versteht darunter die Arbeit der Medien, die recherchieren und Fakten zutage bringe. Diese Wahrheiten, über die gewissenhaft berichtet wird, kann er nicht ausstehen. Und deshalb nennt er sie »Fake News«. Auf alles, was er sagt, trifft normalerweise das Gegenteil zu. Diese ganzen schlimmen Zeitungen in Nordamerika, die einfach nur auf Lügen bauen, die nimmt er für bare Münze. Teilweise auch, weil sie ihn mögen. Und jeder, der Trump mag, der ist die Wahrheit. Jeder, der ihn infrage stellt, ist »Fake News«. Ursprünglich hat jemand aus Toronto im Jahr 2014 den Ausdruck »Fake News« quasi erfunden.

In welchem Zusammenhang?
Er sah sich Webseiten an, die offensichtlich gefälschte Inhalte enthielten. Wie zum Beispiel die Nachricht, dass der Papst Trump unterstütze. Viele der Trump-Anhänger dachten, das sei wahr. Viele seiner Anhänger sind Evangelikale, und ihnen wurden über viele Jahre lang Lügen, religiöse Lügen, eingeimpft. Ich muss dazu sagen, dass ich nicht religiös bin. Ich hatte zwar eine religiöse Ausbildung, aber je mehr ich davon bekam, desto mehr verstand ich, dass es Mythologie ist. Aber die Menschen, die für Trump stimmen, haben keine moralische Lektion gelernt. Hinzu kommt, Trump ist moralisch bankrott. Er kümmert sich nur um sich selbst.

Mit dem kanadischen Filmemacher sprach Katrin Richter.

arte zeigt die Dokumentation »Propaganda – Wie man Lügen verkauft« am 10. September um 20.15 Uhr. In der arte-Mediathek ist die Doku schon jetzt Online.

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