Medien

»Legitimation zum Hass«

Im Netz wird Antisemitismus von einem kriminellen Delikt zu einer Meinung unter anderen. Foto: JA

Herr Wieviorka, Sie machen eine »inzestuöse Beziehung« von Medien und Politik für den Wahlsieg des Front National bei den Europawahlen mitverantwortlich. Können Sie das genauer erklären?
Es gibt zwei Ebenen, auf denen man dies analysieren kann: die Beschreibung des Phänomens und die Schlussfolgerung. Ersteres ist ganz einfach: Die französischen Medien befinden sich der Politik gegenüber in einer Rolle der Unterordnung und haben eine exzessive Nähe zur Macht und zur Gegenmacht entwickelt. Oder anders formuliert: Wenn Sie einen Artikel lesen, können Sie sich immer fragen, zu welchem Zweck dieses Stück dort steht und von wem es dort platziert wurde, seien es Pressesprecher des Elysée, der konservativen Oppositionspartei UMP oder Journalisten, die einen besonderen politischen Kontakt haben. Der erste Punkt ist, dass sich durch diese unmittelbare Nähe eine Unfähigkeit der Journalisten herausgebildet hat, neue, wichtige und kontroverse Fragen zu stellen, Gegenargumente zu einer Position zu entwickeln oder sich über Gegendarstellungen zu informieren, die offizielle Darstellungsweisen widerlegen könnten. Das ist die Schlussfolgerung. Und das Fazit, welches daraus folgt, ist, dass die Öffentlichkeit das Vertrauen in die Medienverantwortlichen verliert.

Wie hängt dieser Niedergang des französischen Journalismus mit dem Wahlsieg des Front National zusammen?
Es ist die Umstrukturierung der Medienlandschaft, eines jahrzehntealten Bündnisses zwischen Politik und Medien, dessen Legitimität schwindet. Durch diesen Umbruch ist der Erfolg des Front National zu erklären. Zu dieser Krise tritt der Faktor Internet. Zwischen dem Raum der klassischen Medien und dem Raum des Privaten steht das Internet, in dem ein neuer Platz entstanden ist für freie, aber auch maßlose Meinungsäußerung, für rassistischen Hass und Xenophobie. Hier zeigt die digitale Revolution ihre Schattenseite.

Das Internet wird also zur Plattform, auf der sich Antisemitismus und Rassismus in Frankreich leichter verbreiten können?
Mit dem Internet können Sie sich erstens ungehindert Zugang verschaffen zu allen möglichen Formen antisemitischer Propaganda. Zweitens können Sie sich selbst fast ungehindert antisemitisch äußern und ihre Äußerungen über die ganze Welt verteilen. Drittens können Sie dort in Interaktion treten mit Menschen, die so denken wie Sie oder dazu bereit sind, so zu denken wie Sie. Das Internet ist ein Werkzeug, das freier Rede, aber genauso Hassreden und Vorurteilen erlaubt, sich zu verbreiten, und dies in stärkerem Maß, als es durch die klassischen Medien möglich ist oder war. Im digitalen Zeitalter hat sich eine Kultur der bedingungslosen Redefreiheit durchgesetzt. Im Internet habe ich das Gefühl, alles sagen zu können. Es gibt keine Zensur, keine Kontrolle. Durch diese Kultur erleben wir eine Umdeutung antisemitischer Äußerungen; von einer diskriminierenden und kriminellen Handlung zu einer Meinung unter anderen.

Der Soziologe François Jost sagt, die Medien bewegten sich im selben Sprachraum wie Marine Le Pen und übernähmen kritiklos das Vokabular des Front National. Ein Beispiel ist der Wandel von »nationalistisch« zu »patriotisch« im Label der Partei.

Es ist komplizierter als das. Ich glaube, die traditionellen Medien in Frankreich sind dazu verpflichtet, sich zu wandeln. Sie befinden sich heute in einem Spannungsverhältnis zwischen der Konkurrenz des Internets auf der einen und der Unterordnung unter die Macht der Politik auf der anderen Seite. Das ist das eine Problem. Ich stimme aber nicht zu, dass diese Medien den Diskurs von Marine Le Pen kopieren. Natürlich geben Sie ihre Aussagen wieder, doch die linguistischen Kategorien der traditionellen Medien sind nicht die von Marine Le Pen. Marine Le Pen allerdings gebraucht Kategorien, die sie sich von den Medien entliehen hat. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Sie spricht davon, dass wir uns für die Vergessenen, die Unsichtbaren interessieren müssen. Sie meint damit die Arbeiter, die von der jetzigen Regierung in ihrer Politik vernachlässigt wurden. Sie sagt damit etwas, das wahr ist. Dieser Begriff der »Vergessenen« wurde schon von Journalisten in Artikeln erwähnt, lange bevor Marine Le Pen ihn für sich und ihre Politik benutzt hat.

Der Front National ist im Wahlkampf nicht offen antisemitisch oder rassistisch aufgetreten, die Partei gilt als »entdiabolisiert«. Was sind die Konsequenzen?
Der offizielle Diskurs des Front National ist kein antisemitischer. Das macht die Dinge sehr kompliziert. Die gesteigerte politische Legitimität des Front National durch die Abgeordneten in Brüssel verleiht gleichsam seinem offiziellen Diskurs Berechtigung. Das wiederum wirkt sich positiv auf die wahrgenommene Legitimität seines inoffiziellen Diskurses aus. Das sind all diese antisemitischen Untertöne, die immer mitschwingen, nie laut geäußert werden, aber schon zum Vorschein treten, wenn man nur ein bisschen an der Oberfläche kratzt. Damit ist das Resultat der Wahlen kein antisemitisches, aber die dadurch gewonnene Legitimität des Front National eröffnet einen größeren Raum für Antisemitismus in Frankreich.

Michel Wieviorka, geboren 1946 in Paris, ist Forschungsdirektor an der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und leitete von 1993 bis 2009 das Centre d’Analyse et Intervention Sociologiques. Von 2006 bis 2010 war er Präsident der International Sociological Association. Wieviorkas Fachgebiete sind Gewalt- und Rassismusforschung. Mit Philippe Bataille hat er 2005 die Studie »La tentation antisémite – Haine des Juifs dans la France d’aujourd’hui« (Die antisemitische Versuchung – Judenhass in Frankreich heute) herausgegeben.

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