Berlin

Leben nach dem Überleben

Eva Szepesi überlebte mit 13 Jahren Auschwitz. Sie kam in ein Kinderheim in Budapest, da ihre Familie in Konzentrationslagern ermordet worden war. Zu ihrem 14. Geburtstag im Herbst 1945 schenkte ein Onkel ihr ein Poesiealbum. Darin schreibt er: »Evika, als kleines Kind musstest Du die grausame Seite des Lebens kennenlernen. Wenn Du groß bist, möge Gott Dich die helle Seite des Lebens erfahren lassen, die sich jeder wünscht: Glück!«

Der Lebensweg Szepesis in der Nachkriegszeit ist Teil einer neuen Schau in Berlin. Unter dem Titel »Unser Mut. Juden in Europa 1945-48« beginnt dort am Donnerstag die erste Sonderausstellung im neuen Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Gezeigt wird ein »unterrepräsentiertes Kapitel der Zeitgeschichte«, wie Direktorin Gundula Bavendamm am Dienstag ankündigte.

Was den 3,5 Millionen europäischen Jüdinnen und Juden, die die NS-Zeit überlebten, unmittelbar nach Kriegsende widerfuhr und wie sie ihr Leben gestalteten, sei jahrzehntelang weder erforscht noch öffentlich thematisiert worden. Die Schau wurde vom Jüdischen Museum Frankfurt konzipiert und war dort bis Anfang des Jahres zu sehen.

ZEUGNISSE Die Ausstellung »erzählt vom Mut der Überlebenden, zu leben nach dem Überleben«, erklärte die verantwortliche Frankfurter Museumsdirektorin Mirjam Wenzel. In persönlichen Zeugnissen sowie anhand von sieben ausgewählten Städten und Gemeinden zeichne die Schau die vielfältigen Erfahrungen von Juden in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Europa nach. Dazu gehört etwa das Leben in den »Displaced Persons Camps« der US-amerikanischen Militärverwaltung oder in Ost-Berlin, um sich am Aufbau eines sozialistischen Gemeinwesens zu beteiligen.

Im ersten Raum empfängt den Ausstellungsbesucher jiddischer Gesang.

Grundsätzlich sei es schwer, das Thema Vertreibung und Flucht auszustellen - die Zeugnisse seien spärlich, sagte Kuratorin Kata Bohus. Die beispielhaften europäischen Städte, in denen Juden in der Nachkriegszeit einen Neuanfang versuchten, sind in der Schau durch Karten auf dem Boden dargestellt. In Hörstationen kommen die Überlebenden zu Wort, Filmdokumente sind an die Wand projiziert.

»Europa war einmal der jüdische Kontinent«, so Wenzel. Dies halle auch in der Nachkriegszeit nach. »Wir zeigen das Wiederlebenwollen und die Neuorganisation im Schatten der Schoa. Es geht uns darum, die jüdische Erfahrung so nah wie möglich zu vermitteln.« Am Anfang stand dabei immer die Suche nach überlebenden Angehörigen, dann die Organisation des materiellen Neuanfangs. Auch Hunger sei in der Zeit ein großes Thema gewesen. »Es gab keine Stunde Null, kein Datum, an dem für die Überlebenden auf einmal alles anders war«, betonte sie.

JIDDISCH Im ersten Raum empfängt den Besucher jiddischer Gesang, der von der Verfolgung, der drohenden Vernichtung und dem Sieg darüber erzählt. »Dieser Überlebende konnte nur singen, was ihm widerfahren war, er konnte nicht darüber sprechen«, sagt Wenzel. Das Jiddische sei »die einzig überlebende Heimat der Überlebenden der Schoa«, ergänzt Bavendamm. »Wir wollten deshalb das Jiddische am Anfang hörbar machen«.

Der Pessach-Seder erlangte in den Jahren der Nachkriegszeit eine besondere Bedeutung.

Diese Verarbeitung des Erlebten, indem die Juden auf ihre Traditionen zurückgreifen und sie auf die aktuelle Situation übertragen, findet sich an vielen Stellen der Ausstellung wieder. So erlangte etwa der Pessach-Seder in den Jahren der Nachkriegszeit eine besondere Bedeutung: Das Fest erinnert an den Auszug aus Ägypten, also die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. »Dieses Narrativ wurde prägend für die Geschichte der Überlebenden«, so Wenzel. Man versuchte, Bilder und Emotionen zu finden, für das, was geschehen war.

Ausgestellt werden auch bunte Purim-Puppen, von denen eine als die biblische Figur Haman - angetan mit Hitler-Schnurrbart - dargestellt ist: Der jüdische Feiertag Purim erinnert an die Rettung der Juden im damaligen persischen Königreich vor Haman.

Die Ausstellung endet im Jahr 1948: Mit Beginn des Kalten Krieges, der Auflösung des Flüchtlingslager und der Gründung des Staates Israel verlassen die meisten Juden Europa. Es entsteht mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Genfer Flüchtlingskonvention eine neue internationale Ordnung - die »ahndbar macht, was den Juden widerfahren ist«, sagt Wenzel.

Die Ausstellung ist bis 30. September im Berliner Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung zu sehen.

Zahl der Woche

4 Etagen

Fun Facts und Wissenswertes

 05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026

Meinung

Danke, Boy George!

Wie die 80er-Jahre-Ikone gegen alle Widerstände für Israel eintritt, verdient unseren Dank

von Sophie Albers Ben Chamo  05.08.2026

Potsdam

Forschung zu NS-Geschichte von Naturwissenschaften

International bekannte Forschungsinstitute haben ihren Sitz auf dem Potsdamer Telegrafenberg. Ihre Vorgeschichte insbesondere in der NS-Zeit wird nun Thema eines Wissenschaftsprojekts

 04.08.2026

Film-Klassiker

So wurde »Stand by Me« der beste Jugendfilm der Geschichte

Vier Jungs suchen Ende der 50er in der US-Provinz eine im Wald liegende Leiche. Der Kult-Film ist zum 40. Jubiläum nun etwa auch beim ZDF im Stream. Mit welchen Tricks Regisseur Rob Reiner arbeitete

von Gregor Tholl  04.08.2026

London

Bandcamp wirft Pro-Israel-Song von Boy George von der Plattform

Der Sänger bleibt standhaft und überwindet erneut eine Hürde. »We Will Dance Again« kann wieder heruntergeladen werden

von Imanuel Marcus  04.08.2026

Paris

Berührend: Was seine Tochter dem »Asterix«-Schöpfer schreibt

Millionen kennen René Goscinny wegen »Asterix«. In »Das Klimpern der Schlüssel« schreibt ihm seine Tochter Anne als Erwachsene einen Brief. Daraus entstand ein berührendes Buch, nun auch auf Deutsch

von Sabine Glaubitz  03.08.2026

Singapur

»Massive Attack« bekommt wegen Palästina-Flagge ein Einreiseverbot

Die Frontmänner der britischen Band hatten die Fahne bei einem Konzert hochgehalten

 03.08.2026

Social Media

Wegen eines hebräischen Wortes: Ronaldo-Partnerin bekommt unzählige Hass-Kommentare

Georgina Rodríguez postete ein Bild von ihr und Ronaldo auf Mallorca und benutzte dabei ein einziges Wort Hebräisch. Die hämischen Kommentare ließen nicht lange auf sich warten

 03.08.2026