Kulturkolumne

Lange Nacht des verdorbenen Magens

An den Abend unserer ersten Begegnung erinnere ich mich bis heute. Es muss 1995 gewesen sein, und nie zuvor und seitdem auch nie wieder musste ich mich so intensiv übergeben.

Dabei war die Hochzeitsfeier eines meiner Onkel in Babrujsk ein singuläres Fest. Vertreter sämtlicher Familienzweige kamen fast vollzählig in der belarussischen Stadt zusammen, die nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren zu ihrem Nukleus wurde.

Unzählige Verwandte und Freunde

Die unzähligen Verwandten und Freunde feierten in einem großen Saal an langen Tafeln, die mit allerlei kalorienreichen Leckereien bestückt waren. Ein Entertainer sorgte für aufgekratzte Stimmung, in einem Nebenraum drehte man eine Video-Grußbotschaft für Verwandte in Israel, und im Saal erklangen ausgiebige Trinksprüche auf das Brautpaar.

Vielleicht lag es an dem georgischen Mineralwasser, mit dem ich anstatt des Wodkas bei den nicht enden wollenden »Toasts« anstoßen musste. Jedenfalls endete dieser Abend für mich auf der Toi­lette, und es folgte eine lange Nacht des verdorbenen Magens.

Die Jahre der Öffnung und Hoffnung verstrichen, und unsere Familie zerstreute sich.

Die Jahre der Öffnung und Hoffnung verstrichen, und unsere Familie zerstreute sich. Das große Wiedersehen geriet in weite Ferne, man begegnete sich nur noch sporadisch.

Ausgerechnet die Internationale Sanitär- und Heizungsmesse (ISH), eine in Frankfurt ausgetragene, internationale Messe für Bad- und Installationsprodukte, half mir, Kontakt zu meinen inzwischen in Russland, Belarus und der Ukraine gemeinsam geschäftlich erfolgreichen Onkeln zu halten.

Auf der ISH 2015 waren sie bemüht, den Elefanten im Raum – Putins Krim-Annexion – bestmöglich zu umschiffen, um das Ukraine-Geschäft und die europäischen Ambitionen des Familienunternehmens nicht zu gefährden. 2019 wiederum diskutierte man, ob Messen im Zeitalter digitaler Konferenztools überhaupt noch eine Zukunft haben.

Sechs Jahre später, eine globale Pandemie und eine russische Großinvasion später brummt das internationale Bad- und Sanitärgeschäft auf dem weitläufigen Frankfurter Messegelände wie eh und je.

An diesem sonnigen Märztag erzählt der Onkel, der die Kyjiwer Niederlassung des Unternehmens leitete, bei einer Zigarette vom frühen Morgen des 24. Februar 2022, an dem er durch laute Knallgeräusche und den Anruf einer Mitarbeiterin geweckt wurde, die ihm die schlichte Botschaft »Es ist Krieg!« überbrachte.

Abenteuerliche Flucht aus Kyjiw mit einem Autokonvoi

Er berichtet von der abenteuerlichen Flucht aus Kyjiw mit einem Autokonvoi und dem trotz allem weiterhin laufenden Ukraine-Geschäft, das er nun von der Europäischen Union aus betreut. In einem grauen Meetingraum verhandelt der Firmenpatriarch derweil mit einem langjährigen ukrainischen Kunden. Dabei kommt es ihm zugute, dass er mittlerweile zwischen Israel und Dubai pendelt und Putins Russland meidet.

Mit den Jahren hat sich Israel mit zu einem Ort entwickelt, an dem unsere Familie am ehesten zusammenkommt, wo das Geschäft nicht den Tagesablauf bestimmt und die politischen Stürme der Gegenwart den familiären Zusammenhalt nicht sprengen.

30 Jahre nach der unvergesslich missglückten ersten Begegnung bei der Hochzeitsfeier in Babrujsk sind wir alle älter und die Welt eine ganz andere geworden, aber wir haben uns nicht aus den Augen verloren.

TV

Was der Dschungel mit den Primaries zu tun hat

»Ich habe halt seeehr wenig Follower«, sagt Nicole Belstler-Boettcher als sie das Camp verlassen muss. Das Dschungelcamp serviert uns in ungewöhnlichem Rahmen einiges zur Demokratietheorie

von Martin Krauß  01.02.2026

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  31.01.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert