Essay

Lange Beine, flacher Bauch

Jedes zweite Mädchen nutzt auf Instagram Filter, um sein Aussehen zu verändern. Foto: Getty Images / istock

Essay

Lange Beine, flacher Bauch

Warum sich junge Frauen im Internet trotz aller Bildungserfolge meist traditionell und körperorientiert inszenieren

von Maya Götz  14.02.2019 11:16 Uhr

Mädchen sind hierzulande besser ausgebildet denn je, in Schule und Studium sogar etwas erfolgreicher als Jungen. Dennoch liegt Deutschland im weltweiten Vergleich in der Unzufriedenheit von Mädchen mit dem eigenen Körper ganz vorn, und schon auf den ersten Blick fällt die Uniformität der Selbstinszenierung von Mädchen und jungen Frauen in sozialen Netzwerken wie Instagram auf.

Wie kommt es, dass die starken, individuellen Mädchen, die heute geliebt und gefördert aufwachsen, sich am Ende der Jugendzeit doch so sehr uniformieren und Äußerlichkeiten ins Zentrum ihres Selbstwerts stellen? Hierzu einige Überlegungen aus der Medien- und Rezeptionsforschung.

MEDIEN Jugendliche wachsen heute meist mit einer Vollausstattung an Fernsehern, Computern mit Internetzugang und Smartphones auf. Mit zwölf Jahren besitzt bereits über die Hälfte der Kinder ein eigenes Handy, bei Jugendlichen ist es die Ausnahme, keines zu haben. 14- bis 29-Jährige sind täglich 353 Minuten online, sehen sich Videos auf YouTube an, kommunizieren über WhatsApp und Instagram oder streamen Serien und Filme auf den entsprechenden Diensten. Wird die gesamte Mediennutzung zeitlich addiert (im Alltag werden Medien oft parallel genutzt), kommen Jugendliche auf fast zehn Stunden täglich. Entsprechend sind auch die medialen Geschlechterbilder von Bedeutung für ihre Sozialisation.

Männer erklären die Welt – Frauen sind schön und schlank.

Das Bild von Männern und Frauen ist dabei alles andere als ausgeglichen. Statistisch kommen im Fernsehen auf eine weibliche Hauptfigur mindestens zwei männliche. Kommen Experten zu Wort, sind es achtmal häufiger Männer als Frauen.

Frauenfiguren in fiktionalen Sendungen werden in sehr viel engeren Stereotypen gezeigt, sind jünger, schöner, schlanker, eher Teamplayerinnen und nutzen so gut wie nie Technik. Besonders das Körperbild der weiblichen Figuren in den Medien setzt Mädchen dabei unter Druck. In Zeichentrickserien hat über die Hälfte der gezeichneten Mädchen und Frauen einen Körper, der um die Taille so dünn ist, dass er auf natürliche Weise überhaupt nicht zu erreichen wäre. Um beispielsweise die Körpermaße von Barbie zu erreichen, müsste eine Frau mindestens 2,15 Meter groß sein oder sich die untere Rippe herausoperieren lassen – und ein Großteil der Zeichentrickfiguren unterbietet sogar die Körpermaße von Barbie.

Um die Körpermaße von Barbie zu erreichen, müsste eine Frau
mindestens 2,15 Meter groß sein.

Die Folgen dieser medial vermittelten Körperideale sind schon bei Kindern nachweisbar. Während neunjährige Mädchen noch davon ausgehen, sie würden später auch einmal so aussehen wie die Heldinnen in den Medien, kommt spätes-tens mit dem elften Lebensjahr (und dem Sehen von Germany’s Next Topmodel) der Gedanke auf, zu dick zu sein.

Mit elf und 15 Jahren fühlt sich über die Hälfte der Mädchen zu dick, obwohl nach BMI nur zwölf Prozent tatsächlich übergewichtig sind. Deutschland liegt damit im weltweiten Vergleich seit Jahren an der Spitze hinsichtlich der Körperunzufriedenheit bei Mädchen. Das hat seine Konsequenzen: Im harmlosen Fall mindert es das Selbstwertgefühl, im schlimmsten Fall führt es in eine Essstörung.

Mit elf und 15 Jahren fühlt sich über die Hälfte der Mädchen zu dick.

EINFLUSS In der Jugendzeit, in der die Mediennutzung einen weiteren Höhepunkt erreicht, kommen zusätzliche mediale Einflüsse auf Mädchen und Jungen zu. Musikvideos beispielsweise werden von 80 Prozent der Jugendlichen regelmäßig geschaut – über Handy und YouTube und weitestgehend jenseits der Wahrnehmung von Erwachsenen.

In jedem zweiten Video tragen die Künstlerinnen Kleidung, die sie erotisiert oder sexualisiert, in jedem dritten Video ist ein Fokus auf die weibliche Brust gerichtet, in jedem vierten Video wird das Gesäß einer Frau im Close-up gezeigt. In den Songtexten wird zum Teil ein Frauenbild zelebriert, das einer sklavischen Selbstaufgabe gleichkommt.

Jugendliche gehen dabei davon aus, dass sich die Sängerinnen selbstbestimmt so inszenieren würden, und sehen deren Selbstsexualisierung als Stärke. Drei von vier Mädchen wären gern so wie die Sängerinnen in den Musikvideos und würden gerne so aussehen; 74 Prozent der Jungen hätte gerne eine Freundin, die so aussieht wie die Stars in den Musikvideos.

Selbst weibliche Zeichentrickfiguren sind oft unnatürlich dünn.

Geradezu rückwärtsgewandt zeigt sich das Geschlechterbild in den jungen medialen Welten der Influencerinnen auf YouTube und Instagram. Hier sind junge Frauen wie Dagi Bee oder Bibi (»Bibis BeautyPalace«) zwar erfolgreich, ihre Expertise dreht sich jedoch um Themen wie Beauty, Mode, Basteln und Reisen, während sich Männer in diversen Bereichen von Comedy über Gaming und Sport bis Politik beweisen. Und auch hier nehmen sich junge Frauen mediale Vorbilder und kopieren deren Selbstinszenierungen bis ins Detail.

Wo ihr eigener Körper im Vergleich zu den Influencerinnen nicht reicht, beginnen sie, mit Filtern nachzubessern. Jedes zweite Mädchen, das Bilder von sich auf Instagram postet, nutzt Filter und glättet so Haut und Haare, verschlankt die Figur, macht den Bauch dünner und die Beine länger.

STOLZ Mädchen wachsen heute meist mit einem sehr positiven Verhältnis zur eigenen Weiblichkeit auf. Sie sind stolz darauf, ein Mädchen zu sein, tragen Rosa, weil es die einzige Farbe ist, die Jungen meist nicht anziehen, und genießen es, so wie die machtvollen Frauen um sie herum, weiblich zu sein. Die Bilder, die wir ihnen bieten, fixieren sie auf ihr Aussehen und ihren Körper, wobei wir sie von Anfang an mit Körperbildern konfrontieren, die sie niemals werden erreichen können. Wir vermitteln ein Bild der perfekten Frau, die durch Selbstoptimierung ans Ziel kommt, obwohl dies weder erreichbar noch nachhaltig sinnvoll ist. Sendungen wie Germany’s Next Topmodel zeigen Mädchen, dass es vor allem darauf ankommt, sich marktgerecht zu präsentieren und sich an die Wünsche »des Kunden« beziehungsweise die Anforderungen einer Jury anzupassen.

Durch Selbstoptimierung ans Ziel, lautet das mediale Motto.

Widerständigkeit, Selbstbewusstsein und ein positives Verhältnis zum eigenen Körper, so wie er ist, gehen dabei verloren. Und so zweifeln Mädchen an sich, nehmen ihren Körper trotz aller Gesundheit und individuellen Schönheit als unzulänglich wahr und geraten bei kleinen Fehlern schon in Selbstzweifel.

Maskerade Aus theoretischer Sicht entsteht eine postfeministische Maskerade, die zwar Sicherheit verspricht, aber nicht nur extreme Einheitlichkeit in der Präsentation mit sich bringt, sondern in der sich junge Frauen ganz selbstverständlich einem Diktat unterwerfen, welches nicht zuletzt von der Schönheits- und Modeindustrie vorangetrieben wird. Sie gehen davon aus, dass sie unzureichend sind, und erkennen nicht die Falle, dass hiervon systematisch (fast) alle Mädchen und Frauen betroffen sind.

Statt einer Anpassung an das unerreichbare Ideal braucht es hier eine Besinnung auf Individualität, statt eines Zelebrierens des Immergleichen braucht es eine Wertschätzung von Ecken und Kanten, von Besonderheit und Kompetenz – jenseits der äußeren Erscheinung.

Die Autorin ist Medienwissenschaftlerin und Medienpädagogin. Auf dem Seminar der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden, »Jewish Women Empowerment« (21.–24. Februar in Frankfurt am Main), wird sie zu dem hier vorgestellten Thema den Eröffnungsvortrag halten.

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