Fernsehen

Lang lebe Midge!

Die preisgekrönte Serie erzählt die Geschichte der jüdischen Stand-up-Komikerin Miriam Maisel (Rachel Brosnahan) im New York der 50er-Jahre. Foto: Amazon Prime

Sehr verehrte Damen, willkommen zur intelligentesten Comedy, die das Unterhaltungsgeschäft Ihnen derzeit zu bieten hat. In dieser Serie sind Lachmuskelkater und allerschönster Eskapismus garantiert!

Sehr verehrte Herren, die zweite Staffel von The Marvelous Mrs. Maisel ist noch bissiger, noch witziger, noch ehrlicher. Keine Ahnung, ob Sie das als vornehmliche Zielscheibe ebenso genießen können, aber versuchen Sie es doch bitte. Ihre Frau, Freundin, Mutter, Schwester danken.

Rumheulen ist keine Alternative. Das wusste schon Dorothy Parker.

MACHOS Amy Sherman-Palladinos bereits mit Emmys und Golden Globes geehrter Amazon-Streaming-Hit über die jüdische Komikerin und überzeugte New Yorkerin Miriam »Midge« Maisel (Rachel Brosnahan) stellt die 50er-Jahre-Macho-Mad Men-Welt vom Kopf auf die Füße, wickelt eine pinkfarbene Disney-Schleife drumherum und lässt Woody-Allen-Glitzersternchen darauf rieseln. Woody Allen vor »Me Too«, natürlich.

Aber eben auch nicht. Darin liegt die Kunst von The Marvelous Mrs. Maisel, deren Schnellfeuer-Dialoge permanente Volltreffer ins Kontor des »Nun hab dich nicht so! So war es doch schon immer«-Patriarchats landen. Stellen Sie sich einfach vor, Donald Trump würde zu Sarah Silverman sagen, sie solle mehr lächeln … Ganz genau.

Als Maisels perfektes Leben mit Mann und Kindern im luxuriösen Upper-West-Side-Apartment just zu Jom Kippur 1958 am Sekretärinnen-Klischee zerschellt, räumt sie die Scherben schneller auf, als man »Gmar Chatima Tova« sagen kann. Der einzige Weg ist vorwärts. Der einzige Moment ist jetzt.

HELDIN Egal, wie traurig der ab und an reuige Ehemann schaut oder wie schäbig grinsend die patriarchale Gesellschaft unserer Heldin das Korsett enger schnürt: Midge Maisel weiß, was sie kann und was sie will. Dafür entschuldigt sie sich nicht. Und dafür nimmt sie auch keine »weiblich«-diplomatischen Umwege. Niemals. Mann, tut das gut.

Die Serie ist der perfekt getimte Kommentar zur MeToo-Debatte.

Staffel zwei feiert nun Maisels Einjähriges im neu aufgesetzten Leben. Deshalb klappt die zweimonatige Sommerfrische in den Catskills auch nicht mehr so richtig, und darum wird der Kampf um die Stand-up-Auftritte brutaler. Doch weil sie eine Lady ist, bluten erst einmal nur die Nasen der Klubbesitzer. Vor allem aber verhandelt Maisel mit ihrem alten Ich und dem, was ihr Familie bedeutet. Alles im Leben hat seinen Preis, und die verwöhnte junge Frau ist dabei, herauszufinden, wie viel sie zahlen muss.

WAHRHEIT Wie jeder gute Witz atmen auch Maisels Auftritte auf und abseits der Bühne die unverblümte Wahrheit. Sherman-Palladinos Trick dabei ist es, Blumengirlanden drum herum zu wickeln. Die Tragik des Lebens, ob nun so komfortabel wie das von Maisel, so darbend wie das ihrer Managerin Susie Myerson (Alex Borstein) oder so abhängig wie das jeder Frau zu dieser Zeit, ist schreiend komisch. Rumheulen ist schließlich keine Alternative. Das wusste schon Dorothy Parker.

Dieser Kampf um Anerkennung einer Frau, die aussieht wie ein »Sahnebaiser mit Kopf« (O-Ton Susie), ist der perfekt getimte Kommentar zu allen Aufschrei- und MeToo-Debatten, so wie 24 einst die TV-Antwort auf die Terrorangst nach 9/11 war. Maisels Welt sieht dabei einfach umwerfend aus. Ein nostalgisches New-York-Wunderland, in dem Gene Kelly für immer tanzt und Frank Sinatra für immer singt.

Die Serie zeichnet Manhattan als Puppenhaus, oder besser: den Traum von dieser Stadt, der trotz allem noch immer hartnäckig durch die Popkultur wabert. Keine Frage: Es ist Sherman-Palladinos Tribut an die Showbiz-Götter, sonst würde ja keiner hingucken. Es ist der lakonische Blick zurück mit unserem Wissen von heute, der Mrs. Maisel den Kitsch vom Leib hält.

Die Serie zeigt: Bei richtiger Ausleuchtung ist jeder Mensch ein Star.

Ein Geheimnis des Erfolgs, das die Autorin und Regisseurin bereits bei ihrem TV-Serien-Durchbruch Gilmore Girls so genial einzusetzen wusste, ist die brillante Besetzung wirklich jeder Rolle und der Raum, den diese Figuren füllen dürfen.

MUTTER Mal abgesehen von Borsteins wunderbarer Anti-Maisel und Tony »Monk« Shalhoub als Maisels Vater sind da ihr platonischer Freund Lenny, der wie ein guter, dauerbetrunkener Geist immer im richtigen Moment um die Ecke schwankt, natürlich Maisels Mutter Rose, für die wir fast nach Paris umziehen, aber auch so unterhaltsame Sternschnuppen wie der »bekannteste unbekannte Künstler der Welt«, Declan Howell, der innerhalb einer Episode aufscheint und verglüht.

Bei richtiger Ausleuchtung ist jeder Mensch ein Star. Wie im wahren Leben. Weil es die 50er-Jahre sind, steht Maisel noch ziemlich allein auf der Bühne. Aber, um noch einmal ihre knallharte Managerin zu zitieren, »um richtig gut zu sein, braucht es nur eines: Du musst es tun«.

Die Serie läuft bei Amazon Prime.

Rezension

Seid achtsam vor den Mächtigen

Marko Martin porträtiert Dissidenten des 20. Jahrhunderts, die sich allen Totalitarismen verweigerten

von Michael Wuliger  26.02.2020

Mark Rothko

Großes Ego mit Selbstzweifeln

Vor 50 Jahren starb der gefeierte abstrakt-expressionistische Maler

von Maria Ugoljew  25.02.2020

»Hunters«

Auschwitz-Gedenkstätte kritisiert TV-Serie

Die Erfindung einer speziellen Szene sei eine gefährliche Dummheit und eine Karikatur

 24.02.2020

Tel Aviv

Quentin Tarantino wird Vater

Der amerikanische Regisseur und seine israelische Frau Daniella Pick haben einen Sohn bekommen

 24.02.2020

Jüdisches Museum Berlin

Nashörner in Kreuzberg

Im Mai wird das Kindermuseum Anoha eröffnen. Ein Blick hinter die Kulissen

von Christine Schmitt  23.02.2020

Interview

»Geschichte wiederholt sich nicht«

Julien Reitzenstein über die Gründung der NSDAP vor 100 Jahren, historische Parallelen und Unterschiede

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  23.02.2020

Berlinale

Dokumente zu Holocaust-Film von Jerry Lewis in Berlin

Sohn des 2017 gestorbenen Schauspielers und Regisseurs übergibt Deutscher Kinemathek Archivmaterial

 22.02.2020

Berlinale

Am besten nichts Neues

Bei den 70. Internationalen Filmfestspielen beschränken sich die Filme mit jüdischen Themen überwiegend auf Schoa, Vergangenheit und schuldbeladene Gegenwart

von Georg M. Hafner  20.02.2020

Literatur

Lyrik einer jungen Diaspora

Israelische Autoren, die in Deutschland leben, präsentieren ihre Gedichte in einer Anthologie und bei einer Lesung in Berlin

von Ralf Balke  20.02.2020