Hören!

»La Juive«

Gerard Schneider als Léopold, John Osborn als Éléazar und Ambur Braid als Rachel (v.l.) Foto: Monika Rittershaus

Die 1835 in Paris uraufgeführte frühe Grand opéra La Juive von Fromental Halévy (1799–1862), die jetzt in Frankfurt gezeigt wird, ist ein hochpolitisches Opernerbstück aus dem 19. Jahrhundert. Die tödlich ausgehende Geschichte spielt zwar 1414 zur Zeit des Konzils in Konstanz, ist aber auch für das 21. Jahrhundert relevanter denn je.

Die titelgebende Jüdin Rachel ist eigentlich die Tochter eines Kardinals, die der Jude Éléazar gerettet und als seine Tochter aufgezogen hat. In dieser »Nathan der Weise«-Variante geht sie eine Beziehung zum verheirateten christlichen Reichsfürsten Leopold ein. Die strukturelle Judenfeindlichkeit der Zeit endet für Rachel und Éléazar tödlich. Der verrät dem Kardinal erst kurz vor der Hinrichtung, dass der gerade seine eigene Tochter in den Tod geschickt hat. Diese bittere Pointe ist das Ausrufezeichen zu einer exemplarisch beklemmenden Studie über religiösen Absolutheitsanspruch.

Regisseurin Tatjana Gürbaca, Klaus Grünberg (Bühne) und Silke Willrett (Kostüme) geht es nicht um das historische Schauerdrama, sondern um das Exemplarische hinter einer Fassade von Gegenwärtigkeit. Die Einheitsbühne ist eine Art Gerüstturm. Ein Innen-Außenraum, der stilisiert und etwas aus dem Lot der Logik geraten ist – so wie zuweilen auch die Inszenierung selbst.

Wenn gleich zu Beginn die Scheite noch glühen und die Asche des gerade verbrannten Ketzers in einen Eimer geschaufelt oder den aufgehängten Éléazar- und Rachel-Puppen ein Arm und der Kopf weggeschossen werden, kann man das noch als eine Ver(über)deutlichung nehmen.

Wenn es ins Detail geht, kommt auch schon mal die szenische Logik ins Schlingern. So erkennt Prinzessin Eudoxie ihren Mann Leopold nicht, wenn sie ihm als exaltiertes Shopping-Girl gegenübersteht (oder die Geschichte zeitweise auf dem Nebengleis »Ehekrise« läuft). Ganz zu schweigen vom arg albernen Werbefilmchen für den Superhelden Léopold zur Ballettmusik. Dazu passt, dass Rachel kopfüber aus dem Schnürboden schwebt, wenn der Scheiterhaufen noch raucht.

Ein Wurf ist das Ganze dennoch, vor allem wegen der Musik. Die ist schlichtweg atemberaubend. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester läuft unter Henrik Nánási zu Hochform auf. Die Besetzung ist Referenz-verdächtig. Neben John Osborn als dem Éléazar vom Dienst glänzen vor allem Ambur Braid als Rachel und Monika Buczkowska als Eudoxie.

Weitere Aufführungen in Frankfurt am 20., 23. und 28. Juni sowie 6., 11. und 14. Juli

Zahl der Woche

2010

Funfacts & Wissenswertes

 21.04.2026

Theater

Eine Party der perfidesten Art

Simone Blattner inszeniert in Weimar den subversiv-doppelbödigen Text »Rechnitz (Der Würgeengel)« von Elfriede Jelinek

von Joachim Lange  21.04.2026

Biografie

Konzertmeister des Stardirigenten

In seinem neuen Buch über Herbert von Karajan bezieht sich der Historiker Michael Wolffsohn auch auf den Schoa-Überlebenden Michel Schwalbé. Ein Auszug

von Michael Wolffsohn  21.04.2026

Literatur

Neue Literatur zur Frage: Was bedeutet es, heute jüdisch zu sein?

Jüdische Gemeinschaften sind gespalten – nach dem Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 und dem Gazakrieg. Viele Linke sehen sich in ihrem eigenen Umfeld mit Antisemitismus konfrontiert. Zwei neue Bücher liefern Denkanstöße

von Leticia Witte  21.04.2026

Kolumne

»Un-fucking-believable«

Als erste Israelin: Noga Erezʼ fast surrealer Auftritt auf dem Coachella Valley Festival

von Laura Cazés  21.04.2026

New York

»Der Teufel trägt Prada 2« feiert Premiere

Der 2006 erschienene erste Teil gilt als Kult. Die Premiere der Fortsetzung zieht die Prominenz in Scharen an. Wann startet das Werk in Deutschland?

 21.04.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Kamele an der Limmat oder wie Zürich mit Tradition umgeht

von Nicole Dreyfus  20.04.2026

Essay

Darf es mir gut gehen …?

Die Welt brennt an allen Ecken und Enden. Unsere Autorin Barbara Bišický-Ehrlich plädiert für die Hoffnung als Lebensprinzip in dunklen Zeiten

von Barbara Bišický-Ehrlich  20.04.2026

Los Angeles

Natalie Portman erwartet drittes Kind

Zwei Kinder hat sie bereits aus ihrer früheren Ehe

 20.04.2026