Berlin

Kunst aus dem Niemandsland

Von Belgien über Ost-Berlin in die Bundesrepublik: Roger David Servais Foto: Galerie Pankow / Enkidu rankX

Kunst ist der allerindividuellste Ausdruck des allerindividuellsten Gefühls.« Mit diesem Zitat des niederländischen Dichters Willem Kloos leitete S. E. Ghislain D’hoop, Belgiens Botschafter in Deutschland, jüngst seine Grußworte zur Eröffnung der Ausstellung von Roger David Servais in der Galerie Pankow im gleichnamigen Berliner Bezirk ein.

Die von dem Kunsthistoriker Eckhart Gillen initiierte und sorgfältig kuratierte Schau versammelt Werke der wilden 60er‐ und 70er‐Jahre, die unter widrigen Arbeits‐ und Lebensbedingungen in Ost‐Berlin entstanden waren und nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich sind.

zeitdokumente Die gezeigten Gemälde und Grafiken bestechen durch ihren Reichtum an Nuancen und sind zugleich politische Zeitdokumente, die eindrucksvoll das wohl prägendste Kapitel einer ungewöhnlichen Künstlerbiografie beschreiben. Dem Betrachter wird schnell klar, dass das »allerindividuellste Gefühl« auch die Verzweiflung sein kann. Genau dieser vermochte Servais einen über die individuelle Reflexion hinausgehenden und sehr wirkungskräftigen Ausdruck zu verleihen.

Roger David Servais wurde 1942 als Kind belgischer Juden im von Deutschland besetzten Liège geboren, lebte ab 1958 in Berlin und begann 1961 sein Kunststudium an der Hochschule der Künste in Charlottenburg. »Ein Maler im Niemandsland« – so der Titel der Ausstellung – wurde Servais aber erst nach dem Bau der Berliner Mauer. Denn aus Liebe zu seiner späteren Frau Waltraud zog er in den Ostteil der Stadt und sah sich 1963 wegen der alltäglichen Grenzschikanen gezwungen, sein Studium in West‐Berlin abzubrechen.

Die nun folgenden Jahre wurden für den jungen Kunststudenten zu einer existenziellen Bewährungsprobe. Zwar fand er schnell Anschluss an die nonkonforme Künstlerszene im Prenzlauer Berg – zu seinen Freunden zählten unter anderen Günter Kunert, Wolf Biermann oder Robert Rehfeldt –, andererseits aber wurde Servais von den Behörden zunehmend kontrolliert, isoliert und auch physisch bedroht. Eine der ganz wenigen Ausstellungen schlossen die Behörden der DDR bereits nach fünf Stunden und beschlagnahmten seine Arbeiten. Ein Plakat wurde eingestampft, bei öffentlichen Aufträgen blieb er außen vor. Seine Frau durfte nicht studieren, weil sie mit einem »NATO‐Bürger« verheiratet war.

Repressionen Servais wurde seiner persönlichen Freiheit beraubt, aber in und mit seiner Kunst versuchte er immer wieder, sich zu behaupten und seine Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Er fand und entfaltete dabei zahlreiche neue künstlerische Ausdrucksformen, um seiner offensiven Kritik an einem System aus Repression und Restriktion eine Stimme zu geben.

Aus abstrakten Figuren im Raum entwickelte Servais in den 60er‐Jahren eine symbolhaft‐verschlüsselte Bildsprache, die die Figur in der Landschaft immer neu in pittoreske Landschaften setzt, deren Betreten aber offensichtlich gefährlich ist oder untersagt bleibt. Eine immer wiederkehrende Bildmetapher ist dabei des Künstlers Frau in Form eines Haltesignals für Züge, kombiniert mit Elementen der Sehnsucht oder des Leidens – seien es ein Segel auf dem Meer oder ein abstürzender Vogel.

Neben den vielen Gemälden entstanden auch viele Grafiken von subversiver Dimension, die nur heimlich gedruckt werden konnten. Titel wie »Die Wahrheit ist gestorben« (1961), »Tyrannei« (1968) oder »Die Bonzen verteilen die Kleider« (1969) spielen unmissverständlich auf den Machtanspruch des SED‐Staates an.

Radierungen Im Wissen, dass dies auch ein Teil der deutschen Geschichte und seiner eigenen Biografie ist, entstand 1965 ein Zyklus von Radierungen, der sich ganz an den Gedichten von Nelly Sachs orientierte und an die Schoa erinnern sollte. Erzählt wird darin, wie nur wenige Jahre zuvor eine Landschaft mit Menora zur trügerischen Idylle wurde, was die Emigration und das Warten mit den Menschen macht und wie Verhaftungen und Abtransport zum niemals verklingenden Klagen aus der Erde führten.

Diese zutiefst ergreifende grafische Serie verblieb ebenso wie das Gemälde »Holocaust – Diktatur« (1966) gleichsam im Verborgenen, war sie doch eine Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den europäischen Juden östlich des »antifaschistischen Schutzwalls« ein unbequemes Thema, das in den 60er‐Jahren kaum auf der politischen Agenda der DDR stand.

Als eine »Verzweiflungstat« bezeichnet Servais heute das große Bild »Sozialistischer Fortschritt. Human Progress« aus dem Jahr 1972, das als eine ironische Allegorie auf den an Lethargie, Korruption und Depression erkrankten DDR‐Kulturbetrieb zu verstehen ist. Dieses bewusst im realistischen Stil ausgeführte Gemälde reichte der Künstler für die siebte Kunstausstellung der DDR ein. Nach einem Hinweis, dass es zu einer Anklage wegen staatsfeindlicher Hetze und zu seiner sofortigen Verhaftung führen könnte, vernichtete der Künstler das Werk umgehend. Nur ein winzig kleiner Ausschnitt blieb durch einen Zufall erhalten.

Sehnsüchte Nachdem Belgien 1973 die DDR diplomatisch anerkannt hatte, konnte Servais mit seiner Frau endlich ausreisen und beendete noch im gleichen Jahr sein Studium der Malerei in West‐Berlin. Mit dem Bild »Deutscher Abend. Wolf Biermann im Gespräch mit Hölderlin« (1975) »konkludiert der Belgier und Jude Servais all seine Erfahrungen, Hoffnungen, Sehnsüchte und Enttäuschungen mit Deutschland im Allgemeinen und mit der DDR im Besonderen«, wie Eckhart Gillen in seinem ebenso profuden wie kurzweiligen Beitrag im Ausstellungskatalog schreibt.

Seit seiner Rückkehr nach West‐Berlin 1974 ist Roger David Servais im jüdischen Leben der Stadt aktiv, entwickelte sein unter widrigen Umständen begonnenes Werk konsequent weiter und erschloss sich neue Themenfelder, die tief in der jüdischen Tradition verwurzelt sind.

2012, genau 40 Jahre nach der Entstehung von »Sozialistischer Fortschritt. Human Progress« fand Servais, versteckt in einem Buch, ein Foto von genau jenem Gemälde. Dank dieser Fotografie und des Stückchens erhaltener Leinwand gelang es ihm, das Bild digital in Originalgröße zu rekonstruieren. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass die Arbeiten jenes Jahrzehnts wieder zum Vorschein kamen und nun in einer sehenswerten Ausstellung gewürdigt werden.

Anlässlich der Eröffnung stand der Maler lange und sehr nachdenklich vor seinem Bild »Holocaust – Diktatur«. Vergangenes, Gegenwart und Eingedenken flossen ineinander, als Servais leise sagte: »Diese verzweifelte Menschenmenge da, das könnte auch in Idomeni sein …«

Roger David Servais: »Ein Maler im Niemandsland zwischen Ost‐ und Westberlin 1961–1974«. Bis 1. Mai in der Galerie Pankow

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