Wuligers Woche

Koscher im Knast

A gitn appetit! Foto: Getty Images / istock

Wuligers Woche

Koscher im Knast

Warum so viele schottische Knackis plötzlich Juden sein wollen

von Michael Wuliger  25.07.2019 13:39 Uhr

»Bitte mach diese Woche nicht wieder etwas über Antisemitismus«, hat mich die Redaktion gebeten. Was ich verstehen kann. Das Thema deprimiert die Leser genauso wie den Autor. Die Lage in Nahost ist nicht wesentlich erfreulicher. Auch nichts, worüber man schreiben möchte.

Zum Glück gibt es auch gute Nachrichten aus dem jüdischen Leben. Während alle vom Niedergang des Judentums in Westeuropa reden, hat sich in Edinburgh die Zahl der Kinder Israels zeitweise auf fast elf Prozent der Bewohner verfünfzigfacht, ein Anstieg um 5000 Prozent. Zwar nicht in der ganzen schottischen Hauptstadt, aber an der Stenhouse Road 33. Dort steht Her Majesty’s Prison Saughton, der Knast der Stadt. 2014 waren dort von rund 960 Einsitzenden zwei jüdisch. 2017 zählte die Gefängnisverwaltung bereits mehr als 100 jüdische Knackis.

NEID Gab es eine Verbrechenswelle unter Schottlands Juden? Oder haben die kaledonische Polizei und Justiz verstärkt Juden ins Visier genommen, aus Antisemitismus möglicherweise? Ups, das Thema wollten wir doch lassen. Es hat mit der wundersamen Häftlingsvermehrung auch nichts zu tun. Die hat andere Gründe. Offenbar hatten die nichtjüdischen Insassen in Stenhouse neidvoll beobachtet, dass die koschere Verpflegung für die Knastjuden besser schmeckte als ihre Standardkost. In der Freiheit ist es meist andersherum. Aber der Strafvollzug ist eben eine verkehrte Welt. Ergebnis war jedenfalls eine plötzliche scharenweise Konversion zum Judentum in Saughton.

Eine plötzliche Verbrechenswelle unter Schottlands Juden gab es nicht.

Für die Leitung der Strafvollzugsanstalt bedeutete das ein massives Problem. Koschere Lebensmittel sind, wie jeder Jude, der sich an die Speisegesetze hält, leidvoll weiß, wesentlich teurer als treifes Essen. Im Fall des Edinburgher Knasts kostete die koschere Verköstigung viermal so viel wie die gewöhnliche, acht Pfund Sterling statt zwei pro Tag und Insasse, was sich auf zusätzliche jährliche Gesamtausgaben von rund 250.000 Pfund summierte.

RINDERMILZ Nun sind in Schottland, wie überall auf der Welt, öffentliche Mittel knapp. Die Gefängnisdirektion beschloss deshalb, sich die Übertritte zum Judentum etwas genauer anzugucken. Was sie dabei genau inspizierte, ist nicht bekannt. Da Saughton ein Männergefängnis ist, bietet sich ein möglicher Untersuchungsgegenstand an. Jedenfalls gelten jetzt nur noch 23 der Knackis als Juden, wie die Verwaltung vorige Woche erleichtert mitteilte.

Und die 23 Häftlinge kriegt man auch noch klein. Her Majesty’s Prison muss ihnen nur einige klassische jüdische Gerichte servieren. Pitcha zum Beispiel, gelierte Hühnerfüße. Oder Schav, kalte Sauerampfersuppe. Nichts für zartbesaitete Geschmacksknospen ist auch gefüllte Rindermilz oder, um nicht nur aschkenasische Ekligkeiten zu nennen, gesüßte Kuhzunge nach einem alten persisch-jüdischen Rezept. Wer das runterbekommt, meint es mit dem Gott Israels tatsächlich ernst. Wahrscheinlich werden das nur die ursprünglichen zwei von 2014 sein. A gitn appetit!

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026