Ideengeschichte

Konflikt der Wahrheiten

»Raymond Aron war ein überaus höflicher kleiner Mann mit großer Nase und großen Ohren, blauen Augen und melancholischem Blick.« Mario Vargas Llosa, Literaturnobelpreisträger des Jahres 2010, gibt sich auch als Essayist einer romanhaften Beschreibungsfreude hin, wenn er seine intellektuellen Helden porträtiert.

Nach einer kurzen, prägnanten Skizzierung des habituell-biografischen Hintergrunds aber folgt sogleich die luzide Analyse. In seinem soeben erschienenen Buch Der Ruf der Horde erinnert der peruanische Schriftsteller an liberale Denker, die ihn prägten und die heute weitgehend vergessen sind, obwohl sie doch die Grundlagen einer freiheitlichen Gesellschaft profund reflektiert hatten.

Kongruenz Die meisten von ihnen sind säkulare Juden: Karl Popper, Isaiah Berlin – und eben Raymond Aron. Der große französische Soziologe teilte zwar mit seinem einstigen Kommilitonen Jean-Paul Sartre das Geburtsjahr, doch weder die Anhängerschaft noch den Nachruhm. Der ehemalige résistant, bis zu seinem Tod 1983 berühmt-berüchtigt für seine in geradezu provozierend ruhigem Ton vorgetragenen Gedanken, sah nämlich in der Verherrlichung der Gewalt, der metaphysisch überhöhten Tat, eine Kongruenz zwischen extremer Linker und extremer Rechter.

Unermüdlich hatte Aron in seinen Vorlesungen, Texten und Büchern darauf hingewiesen, dass eine solche Affinität nicht nur unethisch war, sondern vor allem völlig ineffizient, an den komplexen Realitäten einer spätindustriellen Gesellschaft nihilistisch vorbeigröhlend.

Mario Vargas Llosa bezieht sich nun deshalb erneut auf Arons »pragmatischen Realismus und seine reformerischen liberalen Ideen« – und fragt, wo Frankreich wohl heute stünde, hätte es stringenter Argumentation mehr vertraut als jenen, »die sich hinter den Mauern einer oft okkulten Rhetorik verschanzten«.

In der Verherrlichung der Gewalt treffen sich extrem Linke und extrem Rechte.

Auch erinnert er daran, dass Aron, der überzeugte Antikolonialist und gleichzeitig konzise Warner vor sowjetischer Infiltration, nicht nur von der moskauhörigen Linken, sondern auch von der judenfeindlichen Rechten angegriffen worden war: »Es fehlte nicht an antisemitischen Attacken; man verglich Aron mit Pierre Mendès France und Jean-Jacques Servan-Schreiber (beide ebenfalls jüdisch) und lamentierte über ›diese Franzosen, die sich noch immer nicht an Frankreich gewöhnt haben‹.«

SPRACHE Ähnlich wie Raymond Aron hatte auch Karl Popper – über sein 1945 erschienenes Hauptwerk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde hinaus – zeitlebens für die emsig reformerische Methode der »Stückwerk-Technik« geworben. Gerade das, was Maximalisten bis heute herablassend als »Klein-Klein« abtun, war für Popper die Basis gesellschaftlichen Fortschritts, welcher – im Unterschied zu rechten oder linken Parolen – nicht etwa auf ein mythisch homogenes »Volk« rekurriert, sondern die unterschiedlichen Interessen innerhalb der heterogenen Bevölkerung stets aufs Neue austarieren muss.

Doch bei aller Bewunderung für diese tapferen, hordenabstinenten Intellektuellen – Mario Vargas Llosa schreibt keine Hagiografie. Und so kommt sogar Poppers während des Zweiten Weltkriegs im neuseeländischen Exil verfasstes Buch, »das gehaltvollste und bereicherndste philosophisch-politische Werk des zwanzigsten Jahrhunderts«, stilistisch auf den Prüfstand.

Denn so plausibel Karl Popper auch gegen einen von Aristoteles bis Wittgenstein reichenden »Verbalismus« und gegen eine obsessive Beschäftigung mit der Linguistik polemisiert hatte – Vargas Llosa nennt dies »Heideggers Totengeister« –, so hölzern-schludrig war er selbst im Umgang mit der zum puren Transportmittel herabgestuften Sprache.

Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit stehen immer in einem Spannungsverhältnis.

Man spürt förmlich Vargas Llosas Schmerz, wenn er hier einen der Gründe für die fortgesetzte akademische Unsexyness des Liberalismus benennt: »Das ehrgeizige, tiefe Gedankensystem von Karl Popper blieb eingeschränkt, verdünnt durch einen Ausdruck, der nie auf der Höhe des Ausgedrückten war.« Liegt womöglich auch darin ein Grund, weshalb Poppers Präferenz für »piecemeal approach«, ein permanentes, aber kluges und schrittweises Reformieren, intellektuell ebenso wenig en vogue wurde wie die geniale Einsicht, dass die kühlen Falsifizierungen von Ideen dem Fortschritt förderlicher sind als die wortreichen Versuche rechtfertigenden Verifizierens?

BALANCE Ungeteilt ist indessen Vargas Llosas Bewunderung des Ideenhistorikers Isaiah Berlin, der kluge Gedanken mit einem kristallinen Stil verband – »so transparent und anmutig wie der von Stendhal, eine romanhafte Qualität von ansteckender Menschlichkeit«. Berlin, der 1919 mit seiner Familie aus Lenins Russland nach Großbritannien geflohen war und während des Zweiten Weltkriegs Chaim Weizmann beraten hatte, nannte es den »Konflikt der widersprüchlichen Wahrheiten«: Die Werte Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind demnach mitnichten Synonyme, sondern stehen in einem natürlichen Spannungsverhältnis zueinander. Und nur in einer freien Gesellschaft kann der erfolgreiche Versuch unternommen werden, sie in eine fragile Balance zu bringen.

Es macht die Stärke dieses Essaybandes aus, dass sein 83-jähriger Verfasser Vargas Llosa nicht in die Jeremiaden über das angeblich »Präzedenzlose« der heutigen illiberalen Gefährdung einstimmt, sondern in seinem präzisen Rückblick an jene vor allem jüdischen Intellektuellen erinnert, die bereits vor Jahrzehnten den Herausforderungen begegnet waren – jenseits von Gesundbeterei und apokalyptischer Rhetorik.

Mario Vargas Llosa: »Der Ruf der Horde«. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot. Suhrkamp, Berlin 2019, 313 S., 24 €

Programm

Drei Chöre, 100 Synagogen und ein Unbezähmbarer: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. bis zum 26. März

 18.03.2026

Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Jürgen Habermas prägte die Bundesrepublik, positionierte sich im »Historikerstreit«, setzte Begriffe und gab Orientierung. Zum Tod des großen Philosophen

von Johannes Heil  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Literatur

Gefühle und Zustände

Lena Gorelik schreibt über »Alle meine Mütter«

von Sharon Adler  18.03.2026

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026

Sachbuch

Flucht nach Zaton Mali

Marie-Janine Calic schreibt in »Balkan-Odyssee 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa« über Exilanten auf dem Balkan

von Alexander Kluy  18.03.2026

Jan Jekal

Als Billy Wilder vor dem FBI zitterte

»Paranoia in Hollywood« macht da weiter, wo die Geschichte der rettenden USA aufhört. Eine Achterbahnfahrt mit bitterem Ausgang

von Sophie Albers Ben Chamo  18.03.2026

Philosophie

Habermas, Israel und die Juden

Eine kritische Würdigung

von Frederek Musall  18.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026