Nachruf

König der Literaturkritik

Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) Foto: dpa

Er war – so sein Kritikerkollege Joachim Kaiser – »Deutschlands meistgelesener, meist gefürchteter, meist beobachteter, darum meistgehasster Literaturkritiker«. Seine größte Leistung, so kann man auch lesen, bestand darin, »die Literatur als gesellschaftliche Tatsache im allgemeinen Bewusstsein etabliert zu haben«. Sicherlich aber war Marcel Reich-Ranicki neben all seinem großen Einfluss wahrscheinlich auch der einzige Popstar des Literaturbetriebs, ein Kritiker-General, der mit dem ihm eigenen apodiktischen Grundton befand: »Es gibt Literatur ohne Kritik, aber keine Kritik ohne Literatur.«

Und natürlich war er ein vorzüglicher Kritiker-Darsteller, der über ein hohes Maß schauspielerischer Qualität verfügte, dessen Urteile eindeutig waren, oft aber auch die Grenze zwischen Verriss und einer auf den Autor zielenden Kränkung überschritten, wie seinerzeit im Fall von Günter Grass und seinem Fonty-Roman Ein weites Feld.

Ghetto Seine Autobiografie Mein Leben, erschienen im Herbst 1999, war ein Bestseller, der viele seiner deutschen Leser ins Mark traf. Es ist der Bericht eines jüdischen Intellektuellen vom Jahrgang 1920, geboren in Wloclawek, aufgewachsen in Berlin, 1938 nach Polen ausgewiesen. Ein junger Jude aus dem Warschauer Ghetto, den ein polnisches Ehepaar vor den Deutschen versteckt. Einer, dessen Eltern in den Krematorien von Treblinka verschwanden. Einer, der mit seiner jungen Frau, der etwa gleichaltrigen Teofila, im Angesicht der schussbereiten SS-Posten aus der Todes-Kolonne entfliehen konnte.

Nach Kriegsende trat er der polnischen KP bei, er glaubte damals den kommunistischen Verheißungen, diente dem Auslandsgeheimdienst als »Hauptmann« und brachte es in London bis zur Leitung des polnischen Generalkonsulats. Ob er darüber auch zum Denunzianten wurde, blieb offen. Es ist dies eine Vita, die bitter erkämpft worden war, über die sich Reich-Ranicki nicht öffentlich verbreitet hat.

Dass man ihn wegen seiner Geheimdiensttätigkeit später angriff, ihn bezichtigte, dem einen oder anderen Exilpolen in England ernsthaft geschadet zu haben – er hat auch auf diese Anwürfe nicht reagiert. Aber es waren Attacken, die Wunden hinterließen, auch engste Freundschaften über Jahre zerstörten – wie die zu dem kurz vor ihm verstorbenen Tübinger Rhetorik-Professor Walter Jens. Auch wenn sich beide später wieder versöhnten.

Aussenseiter Reich-Ranicki, der Herr der Bücher, »der Lauteste« unter den Buchbewertern , der »Vorleser der Nation«, wie ihn Friedrich Luft tituliert hat. Was seine Privatheit betrifft, so blieb er durch die Ghetto-Erfahrung lebenslang »gezeichnet«. Er empfand sich als Außenseiter, schon als Kind in der deutschen Schule, wo seine Lesefähigkeit den Neid der Mitschüler erweckte. Später, als er in die Bundesrepublik kam, also nach 1958, hat er dieses Gefühl des Fremdseins nie überwinden können, auch nicht in den verschiedenen Zeitungshäusern, denen er seine Feder lieh. »Von Anfang an fiel ich aus dem Rahmen, ich war ein Außenseiter. Dass es so bleiben würde, konnte ich schwerlich wissen: ... Ich passte nie ganz zu meiner Umgebung.«

Ein lebenslanges Gefühl des Ausgegrenztseins. Davon konnten sich die Zuschauer bei einer Fernsehdiskussion mit dem früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am Abend des 8. Mai 2005 einmal mehr überzeugen, als der etwa gleichaltrige von Weizsäcker sein Gegenüber im geläufigen Kommandoton anherrschte: »Jetzt rede ich!« Reich-Ranicki freilich, dessen polternd-grimassierende Suada im Fernsehen beim »Literarischen Quartett« einen beträchtlichen Unterhaltungswert garantierte, wusste um den Gehalt jenes berühmten Friedrich-Sieburg-Wortes: »Wer nicht unter Literaten gelebt hat, der kann nicht wissen, was Hass ist.«

Bundestagsrede Vermutlich war Reich-Ranicki selbst eine gewisse Boshaftigkeit nicht fremd, auch er konnte hassen, aber er verfügte auch über leisere Töne, er konnte lieben, liebte vor allem die Literatur, die Welt der Bücher, in die er vernarrt war. Martin Walser, dessen Buch Tod eines Kritikers sicherlich nicht die nobelste Form seiner Auseinandersetzung mit Reich-Ranicki war, soll über ihn gesagt haben: »Er liebt wohl die Literatur, aber leider liebt sie ihn nicht zurück ...« Günter Grass, dessen Weites Feld von Reich-Ranicki spiegelbildlich zerfetzt wurde, konnte diese These nur unterschreiben. Nein, sie liebten ihn nun wirklich nicht, diesen Literaturkritiker in der Nachfolge eines Alfred Kerr, der von sich sagte: »Der Beruf hat mich gewählt, um nicht zu sagen: ergriffen.«

Reich-Ranicki hat sich nur in der Literatur wiedererkannt. Eine andere Zugehörigkeit war ihm verschlossen. Er erlebte das Menschliche in der Literatur, ohne es in der Wirklichkeit zu erkennen. Im Grunde blieb er der klassische Fall eines Autodidakten, dessen Gedanken nicht immer subtil oder gar originell waren, ein Kritiker, gerecht und ungerecht in einem Atemzug, eitel auch und verliebt in sein Selbst, in jedem Fall aber ein Außenseiter, dessen Kosmos aus Papier bestand. Als er bereits jenseits der 90 aus Anlass des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz zum ersten Mal im Bundestag sprach, wurde vielen Deutschen klar: So einen wie ihn werden wir nicht mehr unter uns finden.

An diesem Mittwoch, den 18. September 2013, kurz vor Sukkot, ist Marcel Reich-Ranicki 93-jährig in Frankfurt am Main gestorben.

»Otto«

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