Theater

Klatschen zum Treblinka-Walzer

Alter ego: Klaus Cofalka-Adami (r.) als John Demjanjuk, Daniel Stock (l.) als »Ivan der Schreckliche«

Alte deutsche Frau: Nur ein Jude hat das schreiben können.
Ich: Verzeihung?
AdF: Mein Vater war bei der Gestapo.
Ich: Oh.
AdF: Er wollte nicht darüber reden. Ich fragte ihn, und er wollte nicht reden. Es ist gut, darüber zu reden. Die Deutschen müssen darüber reden.

Ich sitze an der Bar im Zwinger des Heidelberger Theaters, ein bisschen betrunken, und sie ist es auch. Immerhin ist heute Abend die Première der Demjanjuk‐Prozesse, meines Theaterstücks über John Demjanjuk in seiner neu‐esten Version. Es ist nicht das erste Mal, dass ich von einem Deutschen höre, nur ein Jude habe ein solches Stück schreiben können. Die Aussage bezieht sich nicht nur auf den unorthodoxen Stil – auf Englisch trägt das Stück den Untertitel »Ein Holocaustkabarett«, und es ist durchzogen von Brecht/Weill‐Liedern und ausgesprochen satirischen Elementen. Die Bemerkung der Frau hat auch mit dem zu tun, was den Kern der deutschen Produktion ausmacht: Deutschlands Ringen mit seiner dunklen Vergangenheit. Dabei hatte ich nie beabsichtigt, dass die Demjanjuk‐Prozesse davon handeln sollen; doch die deutsche Inszenierung, das, was ich beim Prozess in München erlebte, und das deutsche Publikum haben meine Absichten umgestoßen.

horror Als Kind besuchte ich eine Schule der Arbeiterzionisten in Toronto. Uns wurden eindringliche Filme über den Holocaust gezeigt – furchtbare schwarz‐weiße Bilder von Kindern in meinem Alter: abgemagert, leidend, todschwach. Eine meiner Lehrerinnen hatte eintätowierte Nummern auf ihrem linken Unterarm – eine Überlebende des Lodzer Ghettos und von Auschwitz. Wir lasen Wiesel, wir lasen Celan, und wir lasen Primo Levi. Der Holocaust ist ein wesentlicher Teil meines kulturellen Erbes; die Erzählungen der Opfer der Schoa wurden zu einem Bestandteil meines Vokabulars. Ich war nie dort, doch ich stamme von jenem Ort.

Als ich 2004 Die Prozesse des John Demjanjuk schrieb, interessierten mich die Täter. Ich wollte die psychologischen Voraussetzungen verstehen –- die Psychologie des Genozids. Wer wird Nazi, und warum und wie, das waren die Fragen, die mich anfangs an der Geschichte von John Demjanjuk reizten. Heute wissen wir, dass die Geschichte Demjanjuks nicht die gradlinige Geschichte eines völkermörderischen Ungeheuers ist, die uns der Prozess in Israel versprach – Iwan der Schreckliche aus Treblinka, der sadistische Überwacher der Gaskammern, der die Bäuche schwangerer Frauen mit der Machete aufschlitzte, bevor er sie in den Diesel‐Tod schickte. Die Erinnerung erwies sich als fehlbar; die Überlebenden waren unzuverlässige Zeugen; und die Geschworenen in Israel sprachen Demjanjuk frei. 1993 wurde er als freier Mann in die Vereinigten Staaten zurückgeschickt.

Deutscher Teenager: Es ist gut, dass er angeklagt wird.
Ich: Wirklich?
DT: Wenn er schuldig ist, muss er bestraft werden. Ganz gleich, wie alt er ist.
Ich: Okay.
DT: Die Deutschen müssen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. Demjanjuk ist Teil unserer Vergangenheit.
Ich: Aber Demjanjuk ist doch gar nicht deutsch.
DT: Das ist egal. Wenn er Nazi war, muss ihm der Prozess gemacht werden. Und wenn er schuldig ist, muss er bestraft werden. Das ist unsere Verantwortung. Diese Vergangenheit ist unsere Vergangenheit.

Ich sitze in den oberen Zuschauerreihen des Münchner Gerichts neben etwa dreißig 14‐ und 15‐Jährigen: eine Exkursion für Religions‐ und‐ Ethikunterricht am Gymnasium. Wir schauen zu, wie der 89‐jährige Demjanjuk im Rollstuhl ins Gericht gerollt wird. Die Kids gähnen; Pressefotografen schießen Bilder, Journalisten tauschen Visitenkarten. Die Überlebenden erzählen ihre erschütternden Geschichten; die Richter hören aufmerksam und wach zu. Demjanjuk sagt nichts, sein Gesicht ist ausdruckslos. Gelegentlich stöhnt er. Er scheint so gewöhnlich, so gebrechlich und unbedeutend, man vergisst beinahe, dass er seinem eigenen Prozess beiwohnt. Es kommt der Punkt, an dem ich Demjanjuk im Rollstuhl nur noch als eine Art leere Projektionsfläche für uns, das Publikum im Gerichtssaal, begreife. Wir haben nichts weiter mehr als diesen Haufen Demjanjuk, diesen Haufen alternden Demjanjuk, diesen leeren Demjanjuk, um darauf zu projizieren, was wir wollen: Sündenbock der Geschichte, der schlimmste aller Nazis, guter Familienvater, Verkörperung des Bösen.

Täterperspektive Eine Woche vor der Uraufführung fahre ich nach Heidelberg, um mit der Regisseurin Catja Baumann an der neuen »Klammer« für das Stück zu arbeiten: wir werden mit dem 89‐jährigen John Demjanjuk, in seinem Rollstuhl sitzend, allein auf der Bühne, anfangen. Irgendwie wird Demjanjuk sich dann in eine jüngere Version seines Selbst in Jerusalem verwandeln. Catja und ich probieren eine Reihe von Versionen des neuen Anfangs durch. Die Aufführung ist auf Deutsch, und ich schreibe auf Englisch, Mein Deutsch und ihr Englisch lassen vieles zu wünschen übrig. Doch als ich bei den Proben zusehe, wird mir klar, dass wir auch in anderer Hinsicht verschiedene Sprachen sprechen: unsere Holocaustsprache unterscheidet sich wesentlich. Uns geht es um völlig verschiedene Dinge. In der kanadischen Inszenierung lag der Schwerpunkt auf dem israelischen Prozess, daher hatte ich zu jedem Zeitpunkt die Überlebenden im Blick. Catjas Inszenierung konzentriert sich auf die Rolle der Täter.

Die Schauspieler, die John und Ivan spielen, sind brillant. Wenn ich den jungen Daniel Stock, der den Ivan gibt, sehe, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Er ist schreckenerregend mit weißem Gesicht, geschorenem Kopf und glänzendem schwarzem Anzug. Charmant in einem Moment, bösartig und sadistisch im nächs‐ten. Am Abend der Première gelang es ihm während des Eröffnungsliedes das Publikum dazu zu bewegen, mit ihm zusammen in die Hände zu klatschen. Es war ein verstörendes Gefühl, in einem Saal voller Deutscher zu sitzen – Kinder und Enkel der Täter –, die zum »Mythos von Ivan dem Schrecklichen«-Walzer klatschten. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass diese Schauspieler etwas in das Stück brachten, was den kanadischen Darstellern schlicht nicht möglich war: ihre eigene Geschichte. Klaus Cofalka‐Adami, der Demjanjuk spielt, erzählte, er habe seinen Vater oft gefragt, was er im Krieg getan habe, und der Vater habe stets geantwortet: »Nichts.« Wenn Demjanjuks Sohn ihn im Stück fragt, was er gemacht habe, antwortet Demjanjuk: »Nichts.« Das Stück sprach Klaus direkt an, und das Publikum hat es gespürt. Ich habe es gespürt.

Rituale Drei Nächte vor der Première schrieb ich den Anfang des Stückes neu, für ein deutsches Publikum. Ich entwickelte ein neues Konzept für das Kabarett: Die Schauspieler waren alle Deutsche, und sie führten ihr Todeskabarett auf, das sich mit der nazistischen Vergangenheit beschäftigt. Sie werden es immer aufführen, sie werden sich immer daran erinnern, sie werden immer über die Wahrheit streiten, das Herz des Ganzen, das nicht zu entziffern und nicht zu fassen ist. Denn die Frage für mich ist nicht, ob John Demjanjuk schuldig ist. Sondern: Wie war die Schoa möglich? Öffentliche Prozesse und öffentliches Theater: In gewisser Hinsicht sind sie Rituale, um Zeugnis abzulegen. In diesem Akt des Zeugnisablegens erkennen wir etwas in uns, unsere Vergangenheit, unsere Kultur.

Jonathan Garfinkel: »Die Demjanjuk‐Prozesse«, Theater Heidelberg. Nächste Aufführungen 15. April, 6., 11. und 29. Mai
www.theaterheidelberg.de

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