Neuerscheinung

Klassiker der Kritik

Börne ist wieder auf dem Buchmarkt. Foto: Fischer

Neuerscheinung

Klassiker der Kritik

Ein Ludwig-Börne-Lesebuch zum 175. Todestag des großen Feuilletonisten

von Harald Loch  13.02.2012 18:30 Uhr

Die schlimmen Zustände in der alten Frankfurter Judengasse hat Goethe naserümpfend beschrieben. Einer, der dort geboren wurde und aufwuchs, erlebte die Zerstörung des Ghettos im Juli 1796, als die Judengasse von napoleonischen Truppen beschossen und in Trümmer gelegt wurde, als Chance für die Entfaltung seiner Fähigkeiten. Ludwig Börne, 1786 als Juda Löb Baruch geboren, wurde einer der Begründer des politischen Feuilletons, im steten Kampf gegen die Zensur in den damals zahlreichen deutschen Landen. Nach seinem Tode vor 175 Jahren – er starb am 12. Februar 1837 im Pariser Exil – fiel Börne bald in eine der Restauration geschuldete, von Ignoranz geduldete, später vom Antisemitismus geforderte Vergessenheit. Allenfalls seine Kontroverse mit Heinrich Heine – bei Lichte betrachtet ein überbewerteter und oft ungenau dargestellter Nebenaspekt im Leben und Schaffen beider – blieb in Erinnerung.

zensur Frühere Ausgaben von Börnes Werken sind längst vergriffen. Umso verdienstvoller, dass die Reihe Fischer Klassik mit dem soeben erschienenen Band Ludwig Börne. Das große Lesebuch jetzt eine repräsentative Auswahl von Börnes Schriften vorlegt, die die ganze Vielfalt seines publizistischen Wirkungsfeldes dokumentiert. Inge Rippmann, seit Jahrzehnten die maßgebliche Börne-Forscherin, hat die Auswahl besorgt und eine knappe, sehr hilfreiche Einführung geschrieben.

Das Buch ist in 15 thematische Abschnitte gegliedert, die vom Generationenkonflikt Börnes mit seinem Vater bis zu den Briefwechseln mit seinen Förderern Cotta, dem Verleger Goethes, und Campe, dem Verleger Heines, reichen. Der jüdische Feuilletonist war zu seinen Lebzeiten ein gefragter Autor und publizierte bei den ersten Adressen der damaligen Verlagswelt. Oft stürzte er dabei seine Herausgeber in Konflikte mit der Zensur. Als überzeugter Demokrat, als einer der Ersten, der in Deutschland Pressefreiheit forderte (»die öffentliche Meinung … eine Volksbewaffnung«), als Exilant in Paris sowohl ein deutscher Patriot wie ein früher Europäer, als scharfer Literatur-, Theater- und Musikkritiker – immer schlug Börne eine scharfe Klinge. Köstlich ist seine Monographie der deutschen Postschnecke, die er als Beitrag zur Naturgeschichte der Mollusken und Testaceen an der Zensur vorbeischmuggelte.

aktualität Der Besetzung durch das napoleonische Frankreich – den deutschen Patrioten eine Initialzündung für den Einheitsgedanken – hatte für Börne auch Aspekte des zivilisatorischen Fortschritts. Nicht zuletzt wegen der von der Besatzungsmacht gesetzlich verankerten Gleichberechtigung der Juden, die im Zuge der Metternichschen Restauration wieder zurückgenommen wurden.

Die Kostproben, die dieses Lesebuch bereithält, sind zuweilen von frappierender Aktualität und lassen im Vergleich manches Feuilleton der Gegenwart – auch das von angesehenen »Edelfedern« – verblassen. Börnes Texte vermitteln vor allem einen Eindruck von dem, was im Vormärz für möglich gehalten und später, nach der gescheiterten Revolution von 1848, so dramatisch verspielt wurde. Vor allem aber sind sie Beispiele für das literarische Niveau der scharfen Formulierung, für die Kraft der Satire, für die Möglichkeiten, aus tagesaktuellem Anlass allgemeingültige Forderungen abzuleiten.

Ludwig Börne ist ein Klassiker des kritischen politischen Feuilletons. Vielleicht ist er in Deutschland deshalb fast vergessen worden. Sein Genre eignet sich nicht zur Zierde des bildungsbürgerlichen Bücherschranks – auch wenn es ihn demokratisch veredeln würde.

»Ludwig Börne. Das große Lesebuch«.
Hrsg. von Inge Rippmann. Fischer Klassik, Frankfurt am Main 2012, 335 S., 12 €

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime gewaltsam begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026