Interview

»Keinen Bock mehr auf diese Rolle«

»Als Jude wird man teilweise behandelt wie sonst nur ein Todkranker und Geistesgestörter«: Yascha Mounk Foto: Steffen Jaenicke

»Hör auf zu lügen! Jeder weiß, dass es keine Juden mehr gibt.« Herr Mounk, kann es sein, dass mit diesem Kommentar eines Mitschülers Ihr Jüdischsein begann?
In gewisser Weise ja. Der Spruch fiel am ersten Tag der 5. Klasse. Unser Lehrer kam herein und meinte, er müsse uns in den Religionsunterricht einteilen. Er ging reihum und fragte jeden nach seiner Konfession. Die einen antworteten katholisch, die anderen evangelisch. Als ich an der Reihe war, wusste ich nicht so recht, was ich sagen soll.

Weshalb?
Zum Teil, weil ich nicht wirklich religiös bin und nicht weiß, was die richtige Antwort ist. Und zum anderen, weil ich mich nicht am ersten Tag in der neuen Schule als seltsamer exotischer Anderer outen wollte. Und dann sagte der Lehrer: »Mounk, wie spricht man das überhaupt aus, Junge?« »Wie Sascha, nur mit Ypsilon.« »Ok, Sascha, katholisch oder evangelisch?« Und ich: »Ja, also ich glaub’, ich bin irgendwie jüdisch.« Ich hatte mit allen Reaktionen gerechnet, außer eben, dass die ganze Klasse schallend lacht und ein Mitschüler denkt, dass es keine lebenden Juden mehr gibt.

In Ihrem neuen Buch »Echt, du bist Jude? Fremd im eigenen Land« beschreiben Sie, wie Sie im schwäbischen Laupheim aufgewachsen sind. Wie begegneten die Menschen Ihnen dort als Jude?
In Laupheim hatte ich das Gefühl, relativ viel Unwissenheit über die Vergangenheit und Ignoranz zu begegnen. Aber dort konnte ich ganz gut damit umgehen. Okay, dachte ich, wenn die Leute Probleme damit haben, dass ich Jude bin, bekenne ich mich umso offensiver, und das auch aus einem bestimmten Stolz heraus. Eine Art Trotzreaktion.

1994 zogen Sie nach München. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?
Jetzt komme ich in eine größere weltoffenere Stadt und werde endlich dazugehören, dachte ich. Dann habe ich aber gemerkt, dass es zu ganz anderen Reaktionen kam, nicht aus Unwissen oder Feindseligkeit, sondern aus Philosemitismus. Aus einem Übermaß an guten Absichten und Nettigkeit. Als Jude wird man teilweise behandelt wie sonst nur ein Todkranker und Geistesgestörter.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie nie ein integrierter Deutscher werden würden?
Entweder kommt uns Juden die Rolle zu, einen Koscher-Stempel zu haben, als Gemeinschaft etwas für unbedenklich zu befinden, oder eben diejenigen zu sein, die sich beklagen. Das macht das Leben eines Einzelnen kompliziert. Man wird immer als Mitglied dieses seltsamen Kollektivs »die Juden« wahrgenommen. Und diese Rolle zu spielen, darauf hatte ich ab einem bestimmten Punkt keinen Bock mehr.

Mittlerweile leben Sie in New York, lehren an der Harvard University und schreiben für Zeitungen wie die New York Times und das Wall Street Journal. Wurde Ihnen Deutschland zu eng?
New York ist die Stadt der Neuankömmlinge, fast alle Menschen sind dort auf der Suche. Der kluge Journalist und Kinderbuchautor E. B. White hat das am schönsten auf den Punkt gebracht. Die Neuankömmlinge, sagte er, verständen diese Stadt viel besser als Pendler und Alt-Eingesessene. Ob es die junge Frau ist, die aus Mississippi flieht, damit die Nachbarn nicht sehen können, mit wem sie anbändelt. Das kann der Nachwuchsautor aus dem Mittleren Westen sein, der nach New York kommt, um berühmt zu werden. Es kann auch jemand sein, der in den 50ern aus Italien flieht, um der Armut zu entkommen. Für sie alle ist New York die Stadt der Sehnsucht, die Stadt derer, die sich nach Neuem sehnen. Deswegen passe ich hier am besten hin.

Fast alle Juden, die heute in Deutschland leben, sind selbst innerhalb der vergangenen 50 Jahre zugewandert. Können wir etwas aus den Erfahrungen der jüdischen Gemeinschaft in der aktuellen Flüchtlingsdebatte lernen?
Momentan ist viel von Willkommenskultur in Deutschland die Rede. Aber ob Einwanderern die Integration gelingt, hängt auch von profaneren Regeln ab.

Zum Beispiel?
Die Juden, die nach 1990 aus der Sowjetunion als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, hatten eine sehr gute Berufsausbildung: Etwa zwei Drittel verfügten über Universitätsabschlüsse. Dennoch strandete ein gutes Drittel als Langzeitarbeitslose in der Bundesrepublik. Warum? Weil ihre Qualifikationen hierzulande leider nicht anerkannt wurden und vielen für einen echten Neuanfang die nötige Unterstützung vorenthalten wurde. Diesen Fehler dürfen wir jetzt auf keinen Fall wiederholen.

Die Integration in die Gemeinden ging aber auch nicht immer reibungslos vonstatten ...
... innerhalb der jüdischen Gemeinden schienen die Unterschiede zwischen Alteingesessenen und Neuankömmlingen zunächst sehr stark. Über die Jahre hat sich jedoch gezeigt, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen. So ähnlich wird es auch unter Muslimen in Deutschland aussehen. Nach anfänglichen Querelen – und auch gewissen Vorurteilen –haben die jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik im Zuzug aus dem Osten eine unglaubliche Integrationsleistung gestemmt. Auch deshalb stehen die Kinder der sowjetischen Einwanderer heute ausgesprochen erfolgreich da. Die Politik täte gut daran, sich zu überlegen, wie die existierenden muslimischen Gemeinden zur Integration der Neuankömmlinge beitragen könnten.

Wie müsste ein Deutschland beschaffen sein, in dem Sie gerne leben würden?
Ich stelle mir das Land, in das ich gerne zurückwandern würde, so vor, dass ich mich als Jude definieren, dass ich eine Kippa oder Pejes tragen kann und trotzdem als Deutscher angesehen werde. Aber dass ich genauso auch sagen kann: Ja, ich bin Jude und werde dennoch nicht auf diese Rolle reduziert. Und so ähnlich muss es auch Muslimen gehen können, finde ich.

Inwiefern?

Sie müssen sagen können, natürlich, ich stamme aus Syrien, aber die Religion ist mir wurscht, und ich will einfach nur als ganz normaler Deutscher angesehen werden, der Bier trinkt und Fußball spielt. Und es muss auch möglich sein, dass ein Mädel Kopftuch trägt und sich fünf Mal am Tag gen Mekka verneigt – und trotzdem im deutschen öffentlichen Dienst Karriere machen kann.

Das Gespräch mit dem Publizisten und Politologen führte Natan Josef.

Yascha Mounk wurde 1982 in München geboren und ist in Freiburg, Kassel, Maulbronn, Laupheim sowie Karlsruhe aufgewachsen. Er verließ Deutschland für ein Studium in Cambridge, inzwischen lebt er in New York, unterrichtet politische Theorie an der Harvard University und schreibt regelmäßig für die The New York Times, The Wall Street Journal und Die Zeit.

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