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Frankfurt/Main

(K)ein sicherer Raum

Sprachen über jüdische Perspektiven in intersektionalen Räumen: Ina Holev, Miriam Yosef, Debora Antmann (digital zugeschaltet), Rebecca Ajnwojner und Moderatorin Shahrzad Osterer (v.l.) Foto: Sabena Donath

Es war ein hochgradig relevanter Programmauftakt. »Können jüdische Perspektiven in intersektionalen Räumen mitgedacht werden?« Über diese Frage diskutierten Rebecca Ajnwojner, Debora Antmann, Ina Holev und Miriam Yosef am 3. September beim Jewish Women Empowerment Summit in Frankfurt am Main.

Das von der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden, der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWST) und der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) ausgerichtete Format fand vom 2. bis 5. September statt. Es war die dritte Ausgabe des Summit für jüdische Frauen zwischen 18 und 35.

Welche Ziele verfolgt das Format? »Die Notwendigkeit, die Diversität der jüdischen Community abzubilden, zeigt sich in vielen Debatten – ob tagespolitisch oder strukturell in den Gemeindesettings. In vielen Kontexten ist oft wenig Raum dafür, tatsächlich zu verhandeln, was das bedeutet«, sagt Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung. »Auf dem Summit haben wir die Möglichkeit, diese Fragen über thematische Zugänge inhaltlich zu füllen. Dies bedeutet nicht zuletzt, Aushandlungsprozesse auszutragen, ›Machloket‹ zu leben und die jüdisch-orthodoxe Perspektive als große Ressource in diesem Setting zu erleben«, ergänzt Donath.

SICHERHEIT Laura Cazés, ZWST-Referentin für Verbandsentwicklung und Leiterin Kommunikation und Digitalisierung, ergänzt: »Viele Teilnehmerinnen sind zum wiederholten Mal dabei, um sich zu feministischen Themen zu informieren. Einige Speakerinnen begleiten uns nun auch seit Beginn und unterstützen uns dabei, gesamtgesellschaftliche Diskurse um das Thema Gleichberechtigung in einem jüdischen Setting zu verankern.« Viele Teilnehmerinnen kämen aber auch, ohne sich zuvor vertieft mit feministischen Fragen beschäftigt zu haben. »Auch das ist ein wichtiges Anliegen von uns als Veranstalterinnen. Sie kommen, um sich professionell zu vernetzen, sich auszutauschen, und weil sie einen Zugang zur jüdischen Community suchen. Für all das möchten wir einen gemeinsamen Rahmen schaffen«, betont Cazés.

Die Teilnehmerinnen wollen trotz Ausschlusserfahrungen an dem Begriff festhalten.

Das Thema des diesjährigen Summit lautete »Safe Space?«. Sabena Donath erläutert: »Dieses Jahr ist das Thema mit einem Fragezeichen versehen, weil sich die Fragen stellen: Was erleben junge jüdische Frauen, wenn sie sich politisieren und mit jüdischen oder feministischen Positionen sichtbar werden – politisch, medial, in Social Media?« Vorträge und Podiumsgespräche waren ebenso Teil des Summit wie Skill-Workshops. Am Schabbat standen religiöse, politische sowie Weiblichkeit betreffende Themen im Mittelpunkt von Gesprächs- und Denkräumen.

STRATEGIEN Über ihre Erfahrungen in aktivistischen Zusammenhängen, die sich einer verschränkten (intersektionalen) Diskriminierung von Frauen entgegenstellen wollen, berichteten die schon erwähnten Teilnehmerinnen der von der BR-Journalistin Shahrzad Osterer moderierten Auftaktdiskussion am Freitagvormittag.

Die Autorin und Dramaturgin Rebecca Ajnwojner erläuterte zunächst die Ursprünge des Begriffs Intersektionalität. Er gehe auf schwarze queere Frauen in den USA zurück und beschreibe die von ihnen erfahrene, gleichzeitig rassistische und sexistische Diskriminierung. In intersektionalen Räumen gehe es, so Ajnwojner, darum, aktivistische Strategien zu entwickeln, um vulnerable Frauen und Personen zu schützen.

Die Autorin und Kolumnistin Debora Antmann blickte ebenfalls zurück und berichtete, das Konzept der Intersektionalität habe in den 80er-Jahren erstmals Verbreitung in Deutschland gefunden. Jüdische intersektionale Gruppen hätten sich jedoch in den 90er-Jahren aufgelöst und seien erst seit etwa fünf Jahren wieder aktiv.

»Antisemitismus ist eine intersektionale Herausforderung«, sagte die Journalistin und Autorin Ina Holev. Er werte Juden ab, hege aber auch die Vorstellung, sie seien übermächtig und überprivilegiert. »Das macht es schwieriger, Diskriminierungserfahrungen von Jüdinnen und Juden sichtbar zu machen«, schlussfolgerte sie.

In Bezug auf gesellschaftliche Machtverhältnisse gebe es die Aufteilung in die Pole »weiß« und »of Color«. Angesichts der deutschen Geschichte sei es gerade in Deutschland schwierig, »weiß gelesene« Juden der weißen »Dominanzgesellschaft« zuzuordnen. »Juden sind nicht Teil der Dominanzgesellschaft«, betonte Holev.

STRUKTUREN Rebecca Ajnwojner verwies darauf, Intersektionalität habe weniger mit Diskriminierung zu tun als mit Macht. Da sei Antisemitismus ein »sehr spezieller Fall«. Ajnwojner verwies auf die gleichzeitige Abwertung und Machtzuschreibung gegenüber Juden.

Dass jüdische Perspektiven in intersektionalen Räumen fehlen und Juden ausgeschlossen werden, bezeichnete die Forscherin und Doktorandin Miriam Yosef als »strukturelles Problem«. Intersektionale Wissenschaftler und Aktivisten hätten Schwierigkeiten, Antisemitismuskritik einzubeziehen. In postkolonialen Kreisen, führte sie aus, werde der Antisemitismus als Teilphänomen des Rassismus gesehen. Der Judenhass aber sei eine eigenständige Ideologie, betonte Yosef. Er äußere sich in der Sprache ganz anders als Rassismus. »Wir können Antisemitismus nicht verstehen, wenn wir ihn nur als Rassismus wahrnehmen«, so Yosef. Gleichwohl gebe es Verbindungen.

»Es ist wie eine Obsession in vielen aktivistischen Räumen«, berichtete Ina Holev in Bezug auf deren Haltung zu Israel. Der jüdische Staat werde als Kolonialstaat und als großes Übel angesehen. Während des jüngsten Gaza-Konflikts seien daher viele Bündnisse zerbrochen.

Trotz all der geäußerten Ausschlusserfahrungen plädierten die Podiumsteilnehmerinnen dafür, an Intersektionalität festzuhalten. »Es ist hilfreich, diese Brille aufzusetzen«, resümierte etwa Rebecca Ajnwojner. Das Auftaktpodium demonstrierte eindrücklich die Gegenwärtigkeit und Perspektivenvielfalt des Summit.

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