EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Medien

Kein Bild der Wirklichkeit

Das beste von über 100.000 Pressefotos 2012? Paul Hansens »Tote palästinensische Kinder« Foto: Paul Hansen

Das Pressefoto des Jahres 2012 heißt »Tote palästinensische Kinder«. Die 19-köpfige Jury des renommierten »Word Press Photo Award« wählte vergangenen Freitag in Amsterdam das Bild, das der schwedische Fotograf Paul Hansen für die Zeitung »Dagens Nyheter«, die größte Qualitätszeitung Schwedens, am 20. November in Gaza schoss, aus insgesamt 103.481 eingereichten Vorschlägen von 5666 internationalen Bildberichterstattern für den mit 10.000 Euro dotierten Ersten Preis aus.

Das Siegerfoto zeigt die Leichen der zweijährigen Suhaib Hijazi und ihres ein Jahr älteren Bruder Muhammad, die während eines israelischen Luftangriffs umgekommen waren und von ihren Onkeln zu Grabe getragen werden. »Die Stärke dieses Bildes liegt in der Art, wie es die Wut und Trauer der Erwachsenen mit der Unschuld der Kinder kontrastiert«, sagte das peruanische Jurymitglied Mayu Mohanna der Nachrichtenagentur Associated Press (AP). »Dies ist ein Bild, das ich nicht vergessen werde.«

assoziationen Das Foto ist zweifelsohne emotional anrührend. Das liegt zunächst am Setting. »Solche Situationen sind visuell komplex«, erläutert Paul Hansen das Zustandekommen des Bilds. »Das Licht ist zu hell, und es sind zu viele Menschen da. Aber in der Gasse fingen die Wände das Licht auf ... Man kann sehen, dass es eine Prozession ist.«

Der Prozesssionscharakter ist tatsächlich auffallend. Das Bild erinnert, um in der geografischen Nähe zu bleiben, an die alljährlichen Karfreitagsprozessionen durch Jerusalem. Darin und in seiner Farbgebung knüpft es auch an mittelalterliche christliche Ikonografie an. Die Assoziation, die es damit bei manchem westlichen Betrachter – gewollt oder ungewollt – auslöst, ist die des klassischen Pietà-Motivs: Maria hält den gekreuzigten Jesus in ihren Armen. Ist es polemisch, zu mutmaßen, dass in manchen Köpfen der Zusammenhang zu den Juden als Schuldigen, damals wie heute, sich da aufdrängt?

»Die Gewalt im Nahen Osten und ihre Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung waren das beherrschende Thema in den Nachrichtenkategorien des Wettbewerbs«, schreibt AP. In der Tat. Unter den Siegerbildern finden sich weitere Fotos aus Gaza, der Westbank und Israel. Da sieht man beispielsweise in Jerusalem martialisch ausgerüstete israelische Polizisten, die zu mehreren einen Palästinenser festhalten und dem wehrlosen Mann Pfefferspray ins Gesicht sprühen.

Auf einem anderen Bild steigt 9/11-gleich im November 2012 eine Rauch- und Aschesäule über Gaza auf, als israelische Kampfflieger die Stadt attackieren. Nicht schuld (oder mittelbar vielleicht doch?) sind die Israelis immerhin bei einem dritten Bild: Dort sieht man, bewaffnete junge Palästinenser auf Motorrädern, die die Leiche eines wegen angeblicher Kollaboration mit Israel gelynchten Landsmannes durch die Straßen schleifen.

brennpunkt Der Fairness halber sei angemerkt, dass noch mehr prämierte Fotos als aus Israel und den palästinensischen Gebieten diesmal aus Syrien stammen, dem aktuellen News-Brennpunkt der Region. Auch andere Ereignisse wie der Krieg im Sudan, Olympia in London, die Schuldenkrise in Südeuropa, Japan ein Jahr nach dem Tsunami oder Afghanistan im zehnten Kriegsjahr kommen vor, aber weit weniger prominent als das Thema Israel und Palästina.

Warum steht – nicht zum ersten Mal – stark im Vordergrund der Bildberichterstattung – und nicht nur dieses journalistischen Genres – ein Konflikt, der, misst man ihn an der Zahl der Opfer seit 50 Jahrten, nur Platz 70 im weltweiten Ranking bewaffneter Auseinandersetzungen einnimmt? Bevor wir jetzt auf Antisemitismus/Antizionismus rekurrieren oder spekulative Ausflüge in die Tiefen der westlichen Psyche versuchen, erklärt vielleicht ein Blick auf fotojournalistische Arbeitsbedingungen das Phänomen.

Jeder professionelle Pressefotograf weiß, dass der kürzeste Weg zu beruflichem Ruhm Kriegsbilder sind. Nicht zufällig zählen zu den Ikonen der westlichen Kultur Fotos wie Robert Capas sterbender Soldat im Spanischen Bürgerkrieg, Abe Rosenthals Bild vom Hissen der amerikanischen Fahne auf Iwo Jima, Jewgeni Chaldejs Aufnahme von den siegreichen Rotarmisten auf dem Reichstag 1945, oder Nick Uts Bild 1972 von dem nackten, brennenden vietnamesischen Kind, das versucht, sich vor einem Napalmangriff in Sicherheit zu bringen. Das sind Fotos, die Geschichte gemacht haben.

risikolos Ähnliches heute zu schießen, ist allerdings riskant. Vor allem mit dem Aufkommen asymmetrischer Formen der Kriegsführung – Stichworte Guerilla und Terrorismus – sind die Bestimmungen der Genfer Konventionen, die Kriegsberichterstatter schützen sollen, in weiten Teilen der Welt obsolet geworden. Deshalb liest, sieht und hört man so wenig aus Myanmar, Kolumbien, Somalia oder Belutschistan, um nur ein paar aktuelle Krisenherde zu nennen. Von dort zu berichten, ist schlicht zu gefährlich.

Nahezu idyllisch sind damit verglichen die Arbeitsbedingungen in Israel und den palästinensischen Gebieten. Der Ben-Gurion-Flughafen ist von jedem Terminal der Welt aus schnell und leicht erreichbar. Von dort ist es nur ein Katzensprung nach Gaza oder in die Westbank, wo Hamas und Fatah hochprofessionelle PR-Büros betreiben, die die oft des Landes und der Sprache unkundigen Bildjournalisten zu Motiven bringen (oder solche notfalls auch inszenieren, wie in der Vergangenheit nicht nur in Einzelfällen geschehen).

Und nach Ablichten der Schrecken des Kriegs, schafft man es meist noch rechtzeitig zum Cocktail mit den Kollegen in die Bar des »American Colony Hotel« in Ostjerusalem. Das klingt zynisch, beschreibt aber die Realität eines guten Teils der Nahostberichterstattung, ob in Wort, Bild oder Ton.

Paul Hansens Pressefotos des Jahres ist ein hervorragendes Stück Bildberichterstattung. Ein tatsächliches Abbild der Realität ist es nicht.

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Oktober bis zum 4. November

 28.10.2026

Nürnberg

Interaktives NS-Dokumentationszentrum öffnet

Nach fünf Monaten Probebetrieb wird das neu gestaltete Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg am kommenden Mittwoch feierlich eröffnet. Im Zentrum des Ausstellungskonzepts stehen Barrierearmut und ein multimediales Angebot

von Julia Riese  28.10.2026

Philologie

Mehr als Dolmetscher

Jüdische Übersetzer haben nicht nur zwischen den Sprachen vermittelt, sondern dabei auch eigene Denkformen geprägt

von Katharina Hillmann  27.10.2026

Bucerius Kunst Forum

Verstreute Meisterwerke

Eine Ausstellung in Hamburg vereint rund 100 Gemälde, Grafiken und Skulpturen aus 15 jüdischen Sammlungen und erinnert an den Kunstraub der Nationalsozialisten

von Edgar S. Hasse  27.10.2026

Kino

Wiener Blut

Ulrike Ottinger lädt in der Horrorkomödie »Die Blutgräfin« zum morbiden Vampirvergnügen und schwelgt in opulenten Bildern. Isabelle Huppert geht perfekt gestylt auf Beutezug

von Anna Maria Pahlke und Sophie Albers Ben Chamo  27.10.2026

Jerusalem

Cohen interpretiert Cohen

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen hat sich für sein neues Album ein Buch des legendären Singer-Songwriters Leonard Cohen vorgenommen

von Imanuel Marcus  27.10.2026

Nachruf

»Star Trek«-Star Walter Koenig ist tot

Seine Rolle als Pavel Chekov hatte eine humoristische Funktion. Der Charakter sollte jüngere Zuschauer ansprechen

 27.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Rote Bänke, erschöpfte Katzen – ein Nachmittag in Amsterdam

von Margalit Edelstein  26.10.2026

Düsseldorf

50 Jahre Kiss in Deutschland: Doro Pesch feiert ihre Helden

Wegen Kiss fing Doro Pesch mit der Musik an. Später wurde der jüdische Bassist, Sänger und Bandleader Gene Simmons ihr Mentor. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen

von Philip Dethlefs  26.10.2026