Literatur

Judenretterin und Résistance-Kämpferin

Der Roman »Annette, ein Heldinnenepos« von Anne Weber gewinnt den Deutschen Buchpreis

von Sandra Trauner  12.10.2020 20:31 Uhr

Anne Weber am Montagabend bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises Foto: dpa

Der Roman »Annette, ein Heldinnenepos« von Anne Weber gewinnt den Deutschen Buchpreis

von Sandra Trauner  12.10.2020 20:31 Uhr

Der beste deutschsprachige Roman des Jahres ist einer alten Dame mit bewegtem Leben gewidmet. »Annette, ein Heldinnenepos« wurde am Montag in Frankfurt am Main mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet. »Die Kraft von Anne Webers Erzählung kann sich mit der Kraft ihrer Heldin messen«, lautete die Begründung der Jury. Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert.

In ihrer kurzen Rede bedankte sich die 55 Jahre alte Autorin bei der 96-Jährigen, »die nicht nur die Heldin meines Buches ist, sondern eine wirkliche Heldin«. Aus Aberglaube habe sie keine Dankesrede vorbereitet, sagte Weber, nur eine kleine Trostrede an sich selbst, aber die könne sie nun ja schlecht halten. »Mir ist bewusst, dass der Erfolg des Buchs nicht allein meiner Erfindungs- und Gestaltungsgabe zu verdanken ist, sondern auch dem wirklichen Leben dieser Frau, deren Geschichte ich erzähle.«

Die heute 96-Jährige war Mitglied der kommunistischen Résistance und riskierte ihr Leben, um zwei jüdische Jugendliche zu retten.

Weber hat das Vorbild für ihre »Annette« bei einer Podiumsdiskussion zufällig kennengelernt und war so beeindruckt, dass sie beschloss, über sie zu schreiben. Der Sieger-Titel aus dem Berliner Verlag Matthes & Seitz erzählt die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir - in ungereimten Versen.

Die heute 96-Jährige war Mitglied der kommunistischen Résistance und riskierte ihr Leben, um zwei jüdische Jugendliche zu retten. Nach dem Krieg wurde sie Professorin für Neurophysiologie und bekam drei Kinder. Sie engagierte sich in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung und wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Sie floh nach Tunesien, arbeitete als Ärztin und baute später in Algerien das Gesundheitswesen mit auf.

Ihr Verdienst sei es vielleicht gewesen, Anne Beaumanoirs Geschichte »einen Rhythmus gegeben zu haben«, sagte Anne Weber in ihrer Dankesrede. Zu Beginn des Romans schreibt sie: »Es gibt sie, ja, es gibt sie auch woanders als diesen Seiten.« Ihr Buch sollte keine Biografie werden, berichtete Weber im anschließenden Interview, sondern ihr persönlicher Blick auf dieses Leben. Dennoch habe sie versucht, so wenig wie möglich dazuzuerfinden. Die alte Dame habe der Veröffentlichung zugestimmt, aber gesagt: »Das bin ja gar nicht ich!«

Der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman erzählt nicht nur eine außergewöhnliche Biografie, sondern auch von Europa.

Es sei ein Roman »über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit«, fand die Jury, eine Geschichte voller Härten, aber mit feiner Ironie erzählt. »Dabei geht es um nichts weniger als die deutsch-französische Geschichte als eine der Grundlagen unseres heutigen Europas.«

Ungewöhnlich ist vor allem die literarische Form: Weber hat für ihr Porträt das Epos neu erfunden. Die Zeit des »Heldenepos« ist lang vorbei: ein stets männlicher Held, dessen Taten in Versform gerühmt werden, der Klassiker ist die Odyssee. Nun also ein Ruhmes-Text für eine Frau, ein »Heldinnenepos«. Es sei »atemberaubend, wie frisch hier die alte Form des Epos klingt«, fand die Jury.

Anne Weber wurde in Offenbach bei Frankfurt geboren. Nach dem Abitur zog sie nach Frankreich, wo sie bis heute lebt. Sie arbeitete zunächst als Übersetzerin, seit dem Ende der 90er Jahre veröffentlicht sie eigene Texte. Ihre Bücher verfasst sie mal auf Deutsch und mal auf Französisch und übersetzt sie dann selbst in die jeweils andere Sprache. Seit August ist sie Stadtschreiberin von Bergen im gleichnamigen Frankfurter Stadtteil.

Die Verleihung im Frankfurter Römer fand wegen der Corona-Pandemie nahezu ohne Publikum statt. Zuschauer konnten die Verleihung im Fernsehen und im Internet verfolgen.

Anne Weber hat der alten Form des Epos neues Leben eingehaucht. Ihre Heldin hat sie persönlich kennengelernt.

Die übrigen fünf Autoren der Shortlist erhielten jeweils 2500 Euro: Bov Bjerg (»Serpentinen«), Thomas Hettche (»Herzfaden«), Deniz Ohde (»Streulicht«), Dorothee Elmiger (»Aus der Zuckerfabrik«) und Christine Wunnicke (»Die Dame mit der bemalten Hand«). Insgesamt hatten die sieben Jurymitglieder mehr als 200 Titel gesichtet.

Der Deutsche Buchpreis wird seit 2005 vergeben. Im vergangenen Jahr hatte Saša Stanišić den Preis für seinen Roman »Herkunft« erhalten. In seiner Dankesrede griff der aus Bosnien stammende Autor den Literaturnobelpreisträger Peter Handke für dessen Äußerungen über den Jugoslawienkrieg an und entfachte damit eine Literaturdebatte.

Meinung

Gurlitt, Stein des Anstoßes

Die Debatte um die Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt hat trotz Verwerfungen wichtige Impulse gegeben

von Agnes Peresztegi  20.01.2021

Dmitrij Kapitelman

Zurück in die alte Heimat

In »Eine Formalie in Kiew« erzählt der Autor von einer Reise nach Kiew, das seine Familie einst verlassen hat, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen

von Eugen El  20.01.2021

Literatur

Patricia Highsmith, Israel und die Juden

Heute vor 100 Jahren wurde die Meisterin des subtilen Horrors geboren

 19.01.2021

TV-Tipp

»Pixels« mit Adam Sandler

Die Komödie ist am Donnerstagabend bei Vox zu sehen

 19.01.2021

NS-Raubgutkommission

Kritik an Stiftung

Der Beirat erkenne keinen »ernsthaften Willen«, der Empfehlung nachzukommen

 18.01.2021

USA

Phil Spector ist tot

Der Produzent, der mit Musikgrößen wie den Beatles, Elvis Presley oder Tina Turner arbeitete, starb am Samstag

 17.01.2021

Ernährung

Die Hefe macht’s

Israelische Forscher entwickeln Alternative zur Kuhmilch. Sie soll geschmacklich überzeugen, aber auch günstig sein

von Ralf Balke  17.01.2021

Fran Lebowitz

Ich meckere, also bin ich

Martin Scorsese hat für seine Netflix-Doku »Pretend It’s a City« die New Yorker Schriftstellerin interviewt

von Katrin Richter  17.01.2021

Podcast

»Wahrheitssuche ist meine Maxime«

Die Schriftstellerin Lana Lux über Schwierigkeiten der Emigration und ihr Unbehagen mit bestimmten Rollenbildern und Klischees

von Ralf Balke  17.01.2021