Wuligers Woche

Juden verzweifelt gesucht

»Wir könnten ja den Rabbi nehmen. So mit schwarzem Hut und Bart. Da wissen die Leser gleich, worum es geht.« Foto: Thinkstock

Wuligers Woche

Juden verzweifelt gesucht

Eine (fast) fiktive Szene aus dem deutschen Medienalltag

von Michael Wuliger  23.04.2018 19:33 Uhr

Redaktionskonferenz einer mittelgroßen Regionalzeitung vergangene Woche.

Chefredakteur: »Wir sollten was über Antisemitismus machen, nach dem Vorfall in Berlin. Am besten eine Reportage mit human touch. ›Antisemitismus auch in unserer Stadt? Wir fragen jüdische Mitbürger‹. Kennt jemand hier einen Juden?«

Redakteurin: »Oder eine Jüdin!«

Chefredakteur: »Ja natürlich. Tschuldigung. Also: Wo finden wir so jemanden?«

Schweigen in der Runde.

Der Volontär meldet sich: »An der Uni kannte ich einen, der hieß Grünbaum.«

Chefredakteur: »Und der war echter Jude? Also richtig mit Kippa und so?«

Volontär: »Gesehen habe ich das bei ihm nie. Aber so eng waren wir auch nicht.«

Chefredakteur: »Zur Not ginge der. Aber was Authentisches wäre mir lieber. Schon wegen der Bebilderung. Es gibt doch eine jüdische Gemeinde in der Stadt. Da müsste sich doch einer finden, der auch aussieht wie ein Jude.«

Redakteurin (will gerade etwas sagen).

Chefredakteur rasch: »Oder wie eine Jüdin, natürlich. Tragen jüdische Frauen eigentlich auch Kippas?«

Bildredakteur: »Wir könnten ja den Rabbi nehmen. So mit schwarzem Hut und Bart. Da wissen die Leser gleich, worum es geht.«

Chefredakteur: »Gute Idee! Wir hatten doch vor ein paar Jahren mal den Bericht über die Eröffnung der neuen Synagoge. Wer hat den damals gemacht?«

Lokalchef: »Das war ein Freier.«

Chefredakteur: »Rufen Sie den mal rasch an, ob er aus der Zeit noch einen Draht zu den Leuten hat.«

Lokalchef verlässt den Raum, kommt nach drei Minuten zurück und schüttelt den Kopf: »Den Rabbi können wir vergessen, sagt der Freie. Der ist glattrasiert und sieht völlig normal aus. Außerdem lebt der nicht hier, sondern kommt nur alle 14 Tage aus der Landeshauptstadt.«

Chefredakteur: »Dann nehmen wir eben ein Gemeindemitglied.« Schaut kurz zur Redakteurin: »Ob männlich oder weiblich.«

Lokalchef: »Das wird schwierig. Der Freie sagt, das sind lauter Russen, die kein Deutsch sprechen.«
Schweigen in der Runde.

Chefredakteur zum Volontär: »Ihr Grünbaum. Können Sie den schnell erreichen? Das ist Ihre Chance, auf die Seite Drei zu kommen.«

Volontär: »Äh, da gibt’s ein Problem. Ich hab’ gehört, dass er nach Israel gegangen ist.« Schaut hoffnungsvoll auf: »Aber vielleicht könnte ich ihn ja in Israel interviewen.«

Chefredakteur: »In Israel? Was meinen Sie, wo Sie hier sind? Beim ›Spiegel‹?«

Lachen in der Runde.

Chefredakteur: »Okay, das mit der Reportage wird wohl nichts. Warum diese Juden sich aber auch so abkapseln müssen. Da will man denen mal was Gutes tun … Schreibe ich eben einen Leitartikel: ›Antisemitismus – Eine Herausforderung für uns alle.‹ Und weiter: Was gibt’s aus dem Sport?«

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