Autobiografie

Jerusalems Mann in Bonn

Elder Statesman: Avi Primor Foto: dpa

Es gibt wohl nur wenige israelische Persönlichkeiten, die in der deutschen Öffentlichkeit präsenter sind als in ihrer Heimat. Der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, zählt sicherlich dazu.

In diesem Jahr feiert er seinen 80. Geburtstag. Grund genug also, um Bilanz zu ziehen. Mit Nichts ist jemals vollendet legt er jetzt seine Autobiografie vor, in der er die wichtigsten Stationen seines Lebens noch einmal Revue passieren lässt: Sie führten ihn von seiner Kindheit im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina bis in die alte Bundeshauptstadt Bonn, wo er als Botschafter die Interessen des jüdischen Staates vertrat.

Beobachter Dabei zeigt sich Primor in seinen Aufzeichnungen als weltoffener und interessierter Beobachter, den es immer wieder in die Fremde zieht, zuerst als Internatsschüler in die USA. Später geht Primor zum Studium nach Paris, für das er eine lebenslange Liebe entwickeln sollte. Primor lässt den Leser nachvollziehen, warum er sich im Anschluss daran für die Laufbahn eines Diplomaten entschieden hat: Als Zionist war es für ihn »der Versuch, das Überleben Israels zu garantieren«.

Dennoch hätte Primor sein Berufsziel beinahe nicht erreicht. Denn am Ende der Aufnahmeprüfung für den diplomatischen Dienst befand er sich nur an vierter Stelle und wäre somit ausgeschieden, hätte das israelische Außenministerium diesmal nicht eine Ausnahme gemacht. Mit diesem Glücksfall begann Primors jahrzehntelanger Einsatz für Israel.

Das alles erzählt der ehemalige Botschafter überaus kurzweilig und lesbar. Anekdoten reihen sich an packende Beschreibungen von Abläufen im diplomatischen Dienst des jüdischen Staates. An manchen Stellen lässt sich Primor etwas zu sehr von seinen Erinnerungen treiben. Dann schweift er ab oder springt zwischen zukünftigen Stationen und vergangenen Ereignissen hin und her, was dem Leser manchmal Probleme bereitet, ihm zu folgen. Hier wäre es vielleicht hilfreich gewesen, wenn Primor zu den jeweiligen Ereignissen öfter korrespondierende Jahreszahlen hätte einfließen lassen.

Einblicke Abgesehen davon besticht das Buch durch viele interessante Einblicke. Denn Primors Werdegang im Außenministerium verlief parallel zu Israels Kampf um internationale Anerkennung. Da gab es Rückschläge wie die zunehmende Abwendung Frankreichs vom jüdischen Staat, aber auch positive Entwicklungen wie die stetig enger werdenden Beziehungen zu Deutschland.

Eine weitere wichtige Stufe auf Primors Karriereleiter war der afrikanische Kontinent. Zunächst in der Elfenbeinküste, wo er in den 60er-Jahren an der Eröffnung der israelischen Botschaft beteiligt war, und später als Leiter der Afrika-Abteilung im Außenministerium in Jerusalem.

In dieser Periode war er entscheidend am Wiederaufbau der diplomatischen Beziehungen zu einigen afrikanischen Ländern beteiligt, die nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 abgebrochen worden waren. Hier musste sich Primor einige Kniffe einfallen lassen, um beispielsweise eine Audienz bei den oftmals exzentrischen Herrschern Zaires oder der Zentralafrikanischen Republik zu bekommen. An diesen Stellen vermittelt das Buch ein spannendes Bild von der Arbeitsweise eines israelischen Diplomaten.

Vermittlung Doch seit seiner Jugend hing Primors Herz an Europa, und so waren auch Belgien und vor allem nach 1993 Deutschland wichtige Stationen seines Wirkens als Botschafter. Sehr ausführlich geht er auf den geschichtlichen Hintergrund der deutsch-israelischen Beziehungen ein. Sein Bild von Deutschland ist hierbei stets positiv und optimistisch. Die Bonner Republik erlebte er als ein Land, das sich ernsthaft mit seiner Geschichte beschäftigte und das im Hinblick auf den Nahen Osten stets um Vermittlung bemüht war.

Primor, der in den letzten Jahren als Kritiker seines Landes und dessen Politik gegenüber den Palästinensern in Erscheinung getreten ist, hält sich im Buch mit solchen politischen Bewertungen größtenteils zurück, was diesem guttut. Zwar kann er sich Seitenhiebe auf Scharon und vor allem auf Netanjahu nicht verkneifen, aber sie wirken eher anekdotenhaft eingestreut als bestimmend.

Somit legt Primor mit seinen Erinnerungen eine abwechslungsreiche Lebensgeschichte vor und gewährt einen Einblick in die oftmals unbekannte Welt der israelischen Diplomatie.

Avi Primor: »Nichts ist jemals vollendet. Die Autobiografie«. Quadriga, Köln 2015, 431 S., 22,99 €

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