Musik

Jede Tragödie ein Blues Song

Starb vor zwölf Jahren an einer Alkoholvergiftung: Amy Winehouse (1983–2011) Foto: imago/The Photo Access

Musik

Jede Tragödie ein Blues Song

Die Sängerin Amy Winehouse wäre am 14. September 40 geworden. Ihre Eltern haben nun ein intimes und anrührendes Buch veröffentlicht

von Daniel Killy  14.09.2023 09:55 Uhr

Am 14. September hätte Amy Winehouse ihren 40. Geburtstag gefeiert. Doch obwohl das immer noch ein junges Alter wäre, müssen wir den Tag ohne die geniale Sängerin begehen. Die Britin starb vor zwölf Jahren an einer Alkoholvergiftung. Jahrelang kämpfte Amy Winehouse gegen die Dämonen ihrer Drogen- und Alkoholabhängigkeit, gegen Depressionen und andere psychische Heimsuchungen.

Jetzt haben ihre Eltern ein ebenso anrührendes wie intimes Buch veröffentlicht: Amy Winehouse – In Her Words. Das Buch liegt bisher nur auf Englisch vor. Es enthält Notizen, Tagebucheinträge, Songtexte und Zeichnungen von Amy über die Jahre. Dabei sind die Inhalte gegliedert nach Kindheit, Schulzeit, Erwachsenwerden, lyrischer Entwicklung, Ruhm und Erbe. Herausgekommen ist ein Sammelband, der viel von ihrem behüteten Leben als Kind und Jugendliche zeigt, ein Buch voller Liebe, aber auch voller Selbstzweifel und Ermahnungen an sich selbst.

SCHLAGLICHTER Das intensive Vorwort der Eltern Mitch Winehouse und Janis Winehouse-Collins wirft einzelne Schlaglichter auf das Leben der Tochter. Amy war von Kindesbeinen an eine Perfektionistin. Sie war auch eine sehr private Künstlerin, die ihren Schaffensprozess streng kontrollierte und ihre Songs erst dann veröffentlichte, wenn sie das Gefühl hatte, dass sie fertig oder so weit entwickelt waren, wie es eben ging.

Dabei war der Wunsch, Künstlerin zu werden, schon früh fest verankert – wenn auch garniert mit ein paar Amy-typischen Selbstzweifeln: »Als ich ein kleines Kind war, war es mein Traum, auf eine Schauspielschule zu gehen, aber ich hätte nie geglaubt, dass derlei geschehen würde … Ich war ein jüdisches Mädchen aus Nordlondon, und so etwas passiert jüdischen Mädchen aus Nordlondon nicht, die Amy Winehouse heißen.

Sie war von Kind an eine Perfektionistin, die ihren Schaffensprozess streng kontrollierte.

Musik war aber nicht nur Liebe und Vertrautheit für Amy («Jazz ist wie ein kuscheliges Bett, ein Verwandter, ein alter Freund»), sondern auch Therapie. «Wenn ich etwas nicht erlebt habe, kann ich es nicht in Liedform bringen. Es muss autobiografisch sein. Es ist ein Exorzismus. Ich lasse die ganzen Sachen raus … Hätte ich nicht dieses Medium, ich wäre verloren.»

Ähnliches gilt auch fürs Schreiben. «Für mich ist Schreiben ein ganz natürlicher Prozess. Ich warte darauf, wenn ich etwas Schreckliches erlebt habe und ich nichts anderes tun kann, als darüber zu schreiben. Ich folge meinem Herzen, weil man sich sonst zu sehr in den Meinungen anderer Leute verfängt. Nicht, dass ich eine große Autorität wäre! Ich bin ein verdammter Idiot wie der Rest der Welt, aber ich vertraue auf meinen Instinkt, und das hat mich dorthin gebracht, wo ich bin.»

ZEUGNISSE Ob es Amy recht gewesen wäre, all diese persönlichen, skurrilen, witzigen und teils wirklich intimen Gedanken veröffentlicht zu sehen, werden wir nie erfahren. Aber ziemlich sicher ist: es hätte ihr gefallen, dass die ganzen Einnahmen des Buches den in ihrem Namen gegründeten Wohlfahrtsorganisationen zugutekommen. Am Ende des Bandes, im Kapitel «Legacy», finden sich bewegende Zeugnisse von zwei Menschen, denen Amyʼs Place, eine Reha-Einrichtung für Suchtkranke, geholfen hat.

«Jazz ist wie ein kuscheliges Bett, ein Verwandter, ein alter Freund.»

Amy Winehouse

Natürlich stammt die Mehrheit der Einträge aus ihrer Kindheit und Jugend. Die erwachsene Winehouse führte, soweit bekannt, kein Tagebuch oder Scrapbook – zumindest keines, das den Eltern zugänglich gewesen wäre. Und so enden die meisten Einträge nach Veröffentlichung des Debütalbums Frank 2003, einige wenige Fragmente reichen bis ins Jahr 2006.

Ob Selbstporträts, Lyrikversuche oder strenge Mahnungen an sich selbst – «Rauche nur nach dem Essen. Keine verdammten Kohlenhydrate, Schlampe!» – das Buch ist eine wahre Schatztruhe, auch und gerade, weil die Eltern dafür sowohl ihr Herz als auch ihre Archive geöffnet haben.

familienfotos Dazu gehören auch anrührende Familienfotos von Amys geliebten Reisen zu Verwandten nach Florida, Bilder von Barmizwa-Feiern und anderen jüdischen Festen – dazwischen wieder Zitate der Sängerin, die ihre Klugheit, Fragilität und vor allem ihr gigantisches Talent, musikalisch wie sprachlich, abbilden: «Jede Tragödie ist ein Blues Song, der darauf wartet, geschrieben zu werden.»

Einer der letzten Einträge ist vielleicht in seiner Kürze und Fehleinschätzung der berührendste: «Ich möchte als jemand in Erinnerung bleiben, der sich nicht nur mit einer Ebene musikalischen Könnens zufriedengab, sondern als Pionier … Ich habe noch so viel Zeit, um das zu erreichen. Das ist das Aufregende daran; ich habe noch Jahre, um Musik zu machen.

»Amy Winehouse – In Her Words«. HarperCollins, London 2023, 288 S., 35,95 €

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026

Presse

Stimme des Neubeginns

Anfang 1946 kehrten Karl und Lilli Marx aus dem britischen Exil nach Deutschland zurück und übernahmen in Düsseldorf die Herausgeberschaft eines jüdischen Gemeindeblattes. Im Laufe der Jahre ging daraus die Jüdische Allgemeine hervor. Porträt eines Vermittlerpaares

von Ralf Balke  07.05.2026

Zeitungsproduktion

Mit Papier, Schere und Klebestift

Texte kamen per Fax, Manuskripte per Post. Unsere ehemalige Kollegin erinnert sich, wie früher die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung gemacht wurde

von Heide Sobotka  07.05.2026

Essay

Herzenstexte auf gedrucktem Papier

Unsere Autorin begann beim Fernsehen, war lange Zeit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und schreibt heute für die Jüdische Allgemeine. Eine Liebeserklärung

von Maria Ossowski  07.05.2026

Lübeck

Thomas-Mann-Preis geht an David Grossman

Der israelische Autor wird für seine Romane und Essays geehrt – und für seinen Mut, in schwierigen Zeiten Verständigung zu suchen

 07.05.2026

Jubiläum

Starke Stimme

Vor 80 Jahren erschien die erste Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen. Mehr denn je braucht es eine präsente und selbstbewusste jüdische Zeitung in Deutschland

von Philipp Peyman Engel  07.05.2026

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Bettina Piper  06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026