Nachruf

Israels verkanntes Musikgenie

Wäre Matti Caspi nicht in Israel, sondern in Amerika geboren, würde sein Tod für weltweite Schlagzeilen sorgen. Einer der allergrößten Musiker ist am 8. Februar von uns gegangen, vergleichbar mit Antônio Carlos Jobim, Stevie Wonder oder Paul McCartney.

Wie die genannten Titanen der Musikgeschichte war Caspi genauso raffiniert und einfallsreich, beherrschte alle erdenklichen Instrumente, komponierte, arrangierte, spielte und sang ganze Platten eigenhändig. Aber Matti Caspi schrieb seine Songs in einer Sprache, die kaum jemand kennt: Hebräisch. Außerhalb Israels ist er nahezu unbekannt geblieben.

Erst vor drei Monaten übersetzte der israelische Musiker Guy Horowitz mit seinem KI-generierten Projekt »Art & Fishel« drei Songs von Matti Caspi ins Englische. In kürzester Zeit erreichten diese Songs mehr als 5000 Plays – beeindruckend für einen unbekannten Künstler mit Musik, die vor über 40 Jahren entstand.

Hymnen, die für immer zum Soundtrack der israelischen Kultur gehören

Matti Caspis wahres Talent lag nicht allein in seiner beachtlichen Komplexität, sondern in der Fähigkeit, Hymnen zu schreiben, die für immer zum Soundtrack der israelischen Kultur gehören. Kaum eine Gedenkveranstaltung ist ohne »Makom Lideaga« (»Ein Ort zur Sorge«) oder »Mischehu« (»Jemand«) denkbar.

Tausende Paare schritten zur Chuppa zu den Klängen von »Brit Olam« (»Ewiger Bund«), wohl ebenso viele sangen ihren Kindern bei der Bar- oder Batmizwa unter Tränen »Jalduti Haschnija« (»Meine zweite Kindheit«) vor. Jedes Jahr am ersten September erklingt im Radio sein Song »Schalom Kita Alef« (»Hallo, erste Schulklasse«).

Als Produzent arbeitete Caspi mit den größten Künstlern des Landes zusammen – von Chava Alberstein über Yehudit Ravitz bis zu Danny Robas, Yossi Banai und Meir Banai. Mit Bands wie »Chocolate Menta Mastik« (einer Frauengruppe, die für Israel bei der Eurovision 1976 in Den Haag mit dem Song »Emor Shalom« von Matti Caspi und Ehud Manor den sechsten Platz erreichte) prägte er den israelischen Sound nachhaltig.

Seine Harmonien sind extrem schwer zu spielen, die Melodien reichen oft über zwei Oktaven.

Umso erstaunlicher ist dieses Talent, da Caspis Harmonien extrem schwer zu spielen sind und seine Melodien oft über zwei Oktaven reichen. Die Musikwissenschaftlerin Tsippi Fleischer widmete seiner Musik ein ganzes Analysebuch und behauptet darin, den »Matti-Akkord« definiert zu haben – einen Dominant-Septakkord mit verminderter Quinte (zum Beispiel C – E – Ges – B). Seine Originalität, die in keiner Musiktheorie verankert ist, kann man einfach nicht nachahmen.

Erstaunlich ist auch, dass Caspis Musik in den 70er-Jahren von den Beatles überhaupt nicht beeinflusst wurde. Er sagte: »Ich habe sie geliebt, aber ich wollte nicht wie sie werden.«

Anders als die vorige Generation, die über gefallene Helden oder das Leben in der Kaserne schrieb, verfasste Matti Cas­pi als Soldat ein Lied darüber, wie gern er seine Freundin besuchen wollte – der Krieg konnte warten. Was seine politische Überzeugung war, kann man aus seinem Werk nicht heraushören. Vielleicht ist das der Grund, warum sich jeder, der Hebräisch hört, von Caspis Musik persönlich angesprochen fühlt.

Ich erinnere mich an sein Konzert im Kibbuz Ayelet Hashachar, wo ich als Kind lebte. Caspi erschien mit seinem Idol, dem 35 Jahre älteren Komponisten Sascha Argow. Nur die beiden auf der Bühne – Argow am Klavier, Caspi mit Keyboard oder Gitarre, oft nur singend. Seine warme, unfassbar zarte Stimme gab mir schon im Alter von zehn Jahren das Gefühl, Zeuge von etwas ganz Einzigartigem zu sein.

Der Sänger war für sein Pokerface bekannt

Diese Zärtlichkeit war umso verwirrender, da Caspi für sein Pokerface bekannt war. Egal, wie viel Ernst oder Spaß auf der Bühne herrschte – und er war ein richtiger Clown (einmal spielte er einen weißen Flügel in einem Kuhstall, während die Kühe ihn beim Singen ableckten!) –, er behielt stets seine neutrale Miene.

Ohne Muse konnte er nicht schreiben, und er ließ sich von den besten Dichtern inspirieren (Nathan Zach und Leah Goldberg gehören dazu). Die Melodien dazu komponierte er in wenigen Minuten. Erst einige Tage später notierte er sie, da er meinte, dass man einen guten Song nicht vergisst.

Vor allem seine Seelenverwandtschaft mit dem Lyriker Ehud Manor war legendär. Rund 200 Songs schrieben die beiden zusammen. Sie erzählten, dass sie sich gegenseitig nie korrigierten – die beiden Künstler verstanden sich intuitiv und kreierten einen Hit nach dem anderen.

Was Caspis politische Überzeugung war, ist aus seinem Werk nicht herauszuhören.

Caspis erfolgreichste Zeit waren die 70er- und 80er-Jahre. Insgesamt komponierte er rund 1400 Songs, leitete zahlreiche Alben musikalisch und produzierte Musik aus Brasilien, dem Balkan, dem Wilden Westen und Südamerika – mit einer Virtuosität, die für fünf Musikerlaufbahnen ausgereicht hätte.

Anfang der 90er-Jahre verlor er wegen persönlicher Krisen und einer skandalösen Scheidung an Popularität. Dazu war eine neue Generation in der Musikszene angesagt, Caspi wurde nicht mehr als relevant erachtet.

Frustriert zog er für einige Jahre in die USA. Ehud Manors Tod 2005 war für ihn nicht nur ein persönlicher Verlust, sondern auch ein Wendepunkt – eine zweite Seelenverwandtschaft dieser Art fand er nicht.

Impfskepsis während der Corona-Pandemie

In seinen letzten Jahren galt Matti Caspi vielen als merkwürdige Person. Seine Impfskepsis während der Corona-Pandemie und seine Entscheidung, nach Italien zu ziehen, stießen auf Kritik. Nach dem 7. Oktober 2023 verbreitete er Verschwörungsmythen.

Gefeiert wurde er immer wieder wegen seiner Musik aus den 70er- und 80er-Jahren, sein neues Schaffen interessierte nur wenige. Doch als er im Mai 2025 bekannt gab, schwer an Krebs erkrankt zu sein, konnte Caspi sehen, wie ihn sein Publikum immer noch liebte. Ein Crowdfunding brachte binnen weniger Tage weit mehr Spenden als nötig ein.

Ein Konzert mit den berühmtesten Stars Israels wurde zum Höhepunkt der Solidarität mit dem Sänger, Liedermacher und Komponisten Matti Caspi. Der Mann mit dem Pokerface kam im Rollstuhl auf die Bühne. Und er schämte sich nicht zu weinen.

Der Autor ist Chasan des egalitären Minjans der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart und Zweiter Vorsitzender des Verbands Jüdischer Kantoren.

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