Leben

Inneres Auge

»Das Leben geht weiter. Ich habe mich wiedergefunden«: Merch Mashiah Foto: Stephan Pramme

Auf den ersten Blick scheint es, als ob Merch Mashiah seine Kundinnen noch sieht. In seinem Showroom flirtet der große, gut aussehende Israeli mit zwei Frauen, die sich zwischen einer Reihe edler Sommerkleider aus luftigem Plisseestoff nicht entscheiden können. Es fällt schwer, zu glauben, dass dieser Mann, Inhaber des Modelabels »mashiah arrive« in der Leibnizstraße 56, einer gediegenen Ecke des Berliner Stadtteils Charlottenburg ganz in der Nähe des Ku’damms, die beiden Frauen nicht erkennen kann – denn seine braunen Augen wirken immer noch wach, und es wirkt, als folgten sie den Bewegungen der Kundinnen, die Kleider auf den Hängern in allen Ecken des Ladens begutachten.

Doch dann fragt eine der beiden nach dem Preis. Und Merch Mashiah, seit vielen Jahren international erfolgreicher Modedesigner, weiß die Antwort nicht – denn er kann das Preisschild nicht lesen. »Was kostet das Kleid?«, fragt er seine Assistentin, und es klingt nicht ganz so beiläufig, wie es sich wohl anhören sollte.

rätselhaft
Merch Mashiah ist blind, geschlagen mit einer rätselhaften Krankheit, für die es keine Heilung gibt. Auf dem Weg zum Interview, das er in seiner Privatwohnung ein paar Straßen weiter gibt, wirkt er allerdings nicht wie ein Blinder. Er geht von Block zu Block, scheinbar mühelos, mit seinem kleinen Hund auf dem Arm, und stoppt an jeder Straßenecke. Doch was natürlich wirkt, ist mühsam antrainiert: »Anfangs habe ich gelernt, mit einem Stock zu gehen, ich hatte einen hervorragenden Lehrer. Aber vor zehn Monaten habe ich beschlossen: Ich will keinen Stock. Ich hatte natürlich Angst, aber dann bin ich ein- bis zweimal alleine zum Kiosk gegangen, und dann alleine zum Supermarkt und ins Fitnesscenter.« Das Wichtigste für ihn sei, sagt der Designer: »Ich muss konzentriert sein. Denn wenn ich nicht aufpasse, verliere ich die Orientierung und weiß nicht, wo ich bin. Wenn jemand mich unterwegs auf dem Handy anruft, rede ich schnell und mache sofort Schluss, damit ich nicht gestört werde und zu dem Ort gelange, an den ich will. Und dann komme ich auch an.«

In seiner perfekt gestylten Charlottenburger Wohnung stehen Blumen. An der Decke hängt ein riesiger Kronleuchter. Der Balkon ist gepflegt, alles ist aufgeräumt. Während des Interviews wirken Mashiahs Augen wieder sehr lebhaft. Sieht er wirklich nichts?, fragt man sich unwillkürlich. Mashiah sagt: »Es gibt große Unterschiede zwischen blind und blind. Ich habe noch einen minimalen Rest an Sehvermögen. Und ich nutze das aus, so gut ich kann.«

Der schreckliche Morgen, an dem das Dunkel sich in sein Leben drängte, ist heute zwei Jahre her. Mashiah, damals fast 50 Jahre alt, wachte nach einer Party auf – und merkte, dass sich eine schwarze Wand vor sein Gesichtsfeld geschoben hatte. »Ich ging sofort ins Krankenhaus«, erinnert er sich. Es folgte Untersuchung auf Untersuchung, dennoch verschlechterte sich seine Sicht. Weder in Deutschland noch in Israel konnten Ärzte eine eindeutige Ursache für seine Erblindung finden. Eine progressive optische Neuropathie habe seinen Sehnerv irreparabel geschädigt, lautete schließlich die Diagnose der Neurologen. »Ich lag im Krankenhaus, und draußen goss es in Strömen. Ich hörte den Regen, aber ich konnte ihn nicht sehen, und ich weinte. Ich tat mir selbst leid, ich war wütend, und vor allem hatte ich schreckliche Angst«, sagte Mashiah der israelischen Frauenzeitschrift Le’Ischa in einem der ersten Interviews, die er nach seiner Erkrankung gab.

Laufsteg Bis dahin war Merch Mashiah ein Mann gewesen, der das Leben in vollen Zügen genoss. Geboren wurde er als Moshe Mashiah in Holon als einziger Sohn einer traditionellen persisch-jüdischen Familie, die außerdem drei Töchter hatte. Seinen Vornamen änderte er später in »Merch« – nach dem Namen seines Geburtsmonats. Mashiahs Eltern wanderten in den 50er-Jahren aus dem Iran nach Israel ein, »in der Zeit der Zelte und ›maabarot‹«, der berüchtigten Auffanglager für Juden aus orientalischen Ländern, erzählt der Designer von seiner Herkunft, die sich aus seiner Aussprache des Deutschen heraushören lässt: Er spricht mit einem dezenten, weichen Akzent, der weniger hart klingt als bei anderen Israelis.

Nach seinem Militärdienst in einer Artillerieeinheit verließ Moshe Israel, um mit einem Freund nach Paris zu ziehen. »Ich sah gut aus, ich habe das Nachtleben und das Leben als Schwuler genossen – ohne die kritische Haltung dazu, wie sie damals in Israel noch üblich war.«

In Paris wurde Mashiah als Model gecastet und lief über die Laufstege von Designern wie Dior und Cavalli. Dann begann er, sich selbst für Modedesign zu interessieren. Seinem damaligen Freund folgte er nach Berlin, begann zunächst mit Männerkollektionen und eröffnete dann gemeinsam mit einer Kunstlehrerin, die er später heiratete, eine Boutique.

Später folgte das eigene Label. Kleider aus farbenfrohem Plisseestoff, der sich leicht variieren lässt, wurden Mashiahs Markenzeichen: Westen und Blazer, die geknotet und gewendet werden können; Kleider, die sich unkompliziert raffen lassen. Mashiah verkaufte Kleider für Bälle und Hochzeiten, stellte auf Modemessen in New York, Paris und London aus, exportierte in die USA, Brasilien, Japan, Australien und in die arabischen Länder. In Riga eröffnete ein Shop mit Mashiahs Mode. Michelle Obama, Barbara Bush und Sarah Jessica Parker kauften Kleider von »mashiah arrive«. Das Geschäft lief hervorragend. Merch Mashiah kaufte ein Haus in der Mapu-Straße, fünf Minuten vom Strand in Tel Aviv entfernt. Doch sein Lebensmittelpunkt blieb Berlin. In Charlottenburg lebte er mit seinem Freund zusammen. Die Beziehung war glücklich, das Leben voller Höhepunkte: von Party zu Party, von Modemesse zu Modemesse. Dann brach das Dunkel in Mashiahs Leben ein. Und nichts war so wie zuvor.

Krise »Voll von Freunden war mir die Welt/Als noch mein Leben licht war/Nun, da der Nebel fällt/Ist keiner mehr sichtbar«, schrieb Hermann Hesse 1908 in seinem Gedicht »Im Nebel«. Ganz so schlimm kam es nicht für Merch Mashiah: Viele Menschen blieben an seiner Seite und standen ihm bei.

Doch die Liebe zerbrach. Mashiah und sein langjähriger Freund trennten sich, der gemeinsame Freundeskreis löste sich auf. Der Israeli macht seinem Expartner keine Vorwürfe: »Er hatte Angst und ich hatte Angst.« Doch die Trennung stürzte Mashiah in eine tiefe Lebenskrise. »Das hat mich völlig fertiggemacht. Ich wollte sterben.« Nach einem Suizidversuch hatte er das Gefühl, nicht mehr tiefer sinken zu können: »Heute bin ich glücklicher, ich habe mich wiedergefunden. Und ich möchte weitermachen und anderen Menschen ein Beispiel geben, dass das Leben auch nach einem harten Schicksal weitergeht.« Das bedeute nicht, dass er nicht wieder in ein Loch fallen könne, »das kann immer passieren. Aber ich habe gelernt, wieder nach oben zu kommen«.

Um sein Gleichgewicht wiederzufinden, musste Mashiah auch Umwege gehen. Zu Beginn seiner Erkrankung suchte er Wunderrabbis in Israel auf – alles in der verzweifelten Hoffnung, wieder sehen zu können. »Bla, bla, bla. Alles war Nonsens«, sagt er wütend. »Ein Rabbiner hat mir gesagt, Blindheit sei die Strafe dafür, dass ich mit einem Mann zusammenlebe. Ein anderer – Rav Leon, der ist in Bnei Brak ziemlich bekannt – sagte, ich sollte jeden Abend einen Sack nehmen und mich damit auf den Rücken schlagen, damit Gott mir verzeiht.« Im Rückblick meint er in israelischem Slang: »Weißt du, Mami, wenn es dir nicht gut geht, dann versuchst du alles. Aber jetzt gebe ich keinem Scharlatan mehr die Chance, in mein Leben einzudringen. Ich bin stark, und ich danke Gott, dass ich heute in diesem Zustand bin.«

Yoga, Fitness und die jüdische Tradition, die ihm seine Familie von Kind auf mitgegeben hat – all das half dem Modemacher, wieder auf die Beine kommen. Doch was ihn vor allem stabilisierte, war die Rückkehr zur Arbeit. »Am Anfang hatte ich schreckliche Angst, überhaupt aus dem Haus zu gehen. Mit der Zeit bekam ich ein gewisses Vertrauen. Und ich sagte mir: Entweder sitze ich zu Hause und weine, oder ich lebe weiter und mache das Beste daraus. Und ich stehe einfach auf und tue etwas. Auch wenn es mir schwerfällt, und auch, wenn es in einem gewissenSinn eigentlich unmöglich ist.«

Mashiah begann, neue Kollektionen zu zeichnen. »Ich sehe bestimmte Schatten, die ich auch fühlen kann. Damit kann ich arbeiten. Ich zeichne nicht mit dünnen Bleistiften, ich mache keine Figurina – ich zeichne mit dicken Pinseln. Aber die meisten Ideen für die Kollektionen kommen immer noch von mir, von innen.«

Winterkollektion Die Winterkollektion 2014/15 ist online auf Mashiahs Website zu sehen – lange Kleider aus blauem, schwarzem und weißem Plissee, kurze und lange Hosenanzüge, knallrote und silberfarbene Mäntel. Seine Farben – insgesamt 40 – hat er alle im Kopf, sagt der Designer. »Die Wahrheit ist, dass ich sogar kreativer geworden bin, sachlicher, weniger Drama. Und trotzdem sind Frauen mit meinen Kleidern super angezogen.«

Seinen Lebensmittelpunkt hat Merch Mashiah mittlerweile nach Tel Aviv verlagert – dort, wo seine Familie und die meisten Freunde sind. »Ich nutze es aus, dass ich die Möglichkeit habe, sowohl in Israel als auch in Deutschland zu leben. Ich habe ein schönes Haus in Tel Aviv mit zwei riesigen Balkons. Für mich ist das sehr wichtig. Ich brauche das Licht, jeder Lichtblick ist ein Segen für mich. Jetzt, im Sommer, ist es schön in Berlin. Aber das graue Wetter und diese Kälte im Winter, das tut mir nicht gut.«

Auch familiäre Verpflichtungen zwingen ihn dazu, mehr Zeit in Israel zu verbringen. Sein Vater ist vor mehreren Jahren gestorben, die Mutter ist schwer krank. »Es geht ihr sehr schlecht – in anderen Worten: Sie wird bald sterben. Und ich fühle jetzt fast zum zweiten Mal, dass ich blind werde«, sagt Mashiah. Seine Stimme beginnt zu zittern: »Ich wusste nicht, dass das so sehr wehtut. Aber auch das ist ein Teil von mir, und man muss das Beste daraus machen.«

Die meiste Zeit des Jahres lebt Merch Mashiah nun in Tel Aviv. Läuft das Geschäft, das von Berlin aus gesteuert wird, genauso gut wie vorher? Er antwortet ehrlich: »Wenn der Boss nicht da ist, ist das nicht dasselbe. Ich habe das Gefühl, wenn ich da bin, dann brummt der Laden. Es gibt viele Kunden, die meinetwegen kommen.« Für mehrere Wochen im Jahr kommt Mashiah nach Berlin, trifft Leute, berät Kunden. Nach wie vor präsentiert sich »mashiah arrive« auf internationalen Messen, und auch das Exportgeschäft läuft weiter. »Aber ich kann nicht immer hier sein, ich habe dazu nicht die Kraft«, sagt er.

alltag Beruflich bereitet er sich darauf vor, auch in Israel eine Kollektion zu entwerfen. »Eher alltäglich« soll sie sein, »mit mehr Verkauf zu ›normaleren‹ Preisen.« In Tel Aviv besucht er regelmäßig das Kabbalah-Center: »Das tut mir gut. Ich habe dort viele Freunde.« Privat hofft Mashiah auf eine neue Liebe: »Ich möchte sehr gerne wieder eine Beziehung. Ich glaube, ich bin jetzt dafür bereit.« Im Alltag kommt er mittlerweile gut klar. »Zu 99 Prozent mache ich alles alleine. Auch zu Hause, Baruch Haschem. Ich koche zwar noch nicht alleine, aber auch das werde ich noch lernen.«

Merch Mashiah muss zurück in seinen Laden in der Leibnizstraße. Der Designer ruft seinen kleinen Hund, den er sich angeschafft hat – ganz bewusst keinen Blindenhund. Begegnungen mit anderen Blinden geht der Israeli bisher lieber aus dem Weg: »Das zieht total runter. Viele von denen sind total depressiv.«

Noch einmal schaut er seine Gesprächspartnerin so intensiv an, dass sie sich fragt, ob er sie nicht doch sieht. Das Hündchen auf dem Arm, macht sich Mashiah auf den Rückweg. »Sie müssen mich führen«, bittet er, als er die Straße zu seinem Laden überqueren will. Er steht gefährlich nahe am Radweg. Gerade kann er einen Schritt zurückspringen, als von links ein Radfahrer in rasendem Tempo angefahren kommt. Merch Mashiah sieht nur noch Umrisse von Menschen. »Ich bete darum, dass wenigstens das mir nicht genommen wird. Meine größte Angst ist es, im völligen Dunkel zu leben.«

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