Redezeit

»In unserem Haus gab es viel Musik«

Jamie Bernstein Foto: Gregor Zielke

Frau Bernstein, das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin ehrt ihren Vater Leonard Bernstein mit einer Reihe von Konzerten und Filmabenden. Insgesamt stand er hier sieben Mal auf der Bühne. Sein berühmtester Auftritt dürfte der vom 25. Dezember 1989 gewesen sein. Wo waren Sie an diesem Tag?
Ich hatte gerade zwei Monate zuvor mein zweites Kind geboren und war von meinen Aufgaben als Mutter überfordert. Müde, auf einem gemütlichen braunen Sofa im Haus unserer Familie in Connecticut, schaute ich mir das Konzert im Fernsehen an, während ich meinen Sohn stillte. Sogar im Fernsehen war es unglaublich aufregend, Beethoven zu hören, und die Freude aus den Gesichtern der Menschen abzulesen, während sie einzelne Betonstücke aus der Mauer herausbrachen.

Die Berliner Mauer war wenige Wochen zuvor gefallen, Leonard Bernstein dirigierte die 9. Symphonie von Beethoven und hatte den Text im letzten Satz geändert. Statt »Freude« hieß es nun »Freiheit«.
Ja, was war das für ein gewaltiges Ereignis, als die verhasste Mauer fiel! Wenige Dinge in meinem Erwachsenenleben bedauere ich so sehr wie die Tatsache, dass ich meinen Vater damals nicht nach Berlin begleitet habe.

Der amerikanische Geiger Isaac Stern hatte noch wenige Jahre vor seinem Tod betont, dass er aufgrund der Schoa niemals nach Deutschland kommen würde. Wie stand Ihr Vater dazu?
Er hatte ein offenes Herz und wählte einen anderen Weg. Sein ganzes Leben lang widmete er sich der Aufgabe, Musik zu machen und durch seine Arbeit die Welt zu verbessern. Er wollte die Menschen und die Musik zusammenbringen. Bei seinen Auftritten verbanden sich beide Anliegen miteinander. Er zögerte nicht – und kam nach Deutschland. Und er kümmerte sich nicht um die Meinung anderer Menschen.

Was auch bei seinen früheren Konzerten am Gendarmenmarkt deutlich wurde. Dort drohte er, nicht zu dirigieren, falls man die wartenden Menschen auf dem Platz nicht hereinkommen ließe.
Mein Vater mochte weder Mauern noch verschlossene Türen. Es gefiel ihm nicht, dass die Plätze an sogenannte VIPs vergeben wurden, von denen einige unbesetzt blieben, während Tausende noch auf eine Eintrittskarte hofften. Er liebte das Konzerthaus und kam immer wieder gerne hierher zurück.

Sie waren an der Programmgestaltung der vom Konzerthaus initiierten Hommage beteiligt. Werden Sie mit auf der Bühne stehen?
Die Hommage zeigt viele unterschiedliche Seiten meines Vaters – was mir sehr gefällt. Er war Pianist, Komponist, Dirigent, Musikvermittler und Weltverbesserer. Ich werde die Konzerte »Cabaret« und »Anniversaries« für Klavier moderieren. Als mein Vater diese kleinen Stücke schrieb, war ich noch ein Kind. Er saß nachts daran – eigentlich schlief er nie. Die Welt um ihn herum war leise, und er hatte seine Ruhe, nur das Klavier erklang. Später verwendete er etliche dieser Miniaturen in seinen großen Werken.

Heute ist er für Werke wie »Candide« und »West Side Story« bekannt. Hat er sich in seinen Kompositionen auch mit Religion auseinandergesetzt – vor dem Hintergrund, dass seine Eltern aus der Ukraine stammten und dem chassidischen Judentum angehörten?
Ja, und zwar in seiner zweiten Symphonie »The Age of Anxiety« (Die Suche nach dem Glauben) und seiner dritten Symphonie »Kaddisch«. Er liebte das Kol Nidre. Wobei ich denke, dass die Kaddisch-Symphonie mehr eine Auseinandersetzung mit sich selbst war.

Leonard Bernstein gilt auch als großer Pädagoge. Wie hat er Sie an die Musik herangeführt?
Ich weiß noch, als er zum ersten Mal Mahlers 4. Symphonie studierte. Ich war neun Jahre alt und schwamm im Pool, er hatte sich eine Musikanlage um das Schwimmbecken herum aufgebaut und hörte eine Aufnahme mit Bruno Walter. Dabei erklärte er meinem Bruder und mir, dass jetzt ein Engel käme, und erzählte anderes, was gerade so passierte.

Mussten Sie als Kind ein Instrument lernen?
Mein Bruder, meine Schwester und ich mussten alle Klavierunterricht nehmen. Wir haben das gehasst. Erst als ich damit aufhören durfte, fing ich an, Klavier zu spielen. In unserem Haus gab es viel Musik. Mein Vater war wunderbar. Er war warmherzig, lustig und liebte es, viel Zeit mit uns zu verbringen. Er schwamm mit uns, wir spielten Tennis, hatten Spaß bei Wortspielen und beim Singen. Und er erzählte viele jüdische Witze.

Mit der Schriftstellerin, Radiomoderatorin und Dokumentarfilmerin sprach Christine Schmitt.

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Die Kaddisch-Symphonie und »The Age of Anxiety« von Leonard Bernstein werden am Freitag, den 15. November, und Samstag, den 16. November, jeweils um 20 Uhr im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt aufgeführt.

http://www.konzerthaus.de

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