Kino

»In Russland herrscht Angst«

»Dass er im Gefängnis sitzt, nützt vielen«: Michail Chodorkowski Foto: lala

Herr Tuschi, diese Woche kommt Ihr Dokumentarfilm über Michail Chodorkowski in die Kinos. Eigentlich machen Sie sonst nur Spielfilme. Wie sind Sie auf das Genre und das Thema gekommen?
Bis zur Beschäftigung mit dem Fall Chodorkowski waren Fantasie- und Märchenstoffe mein eigentliches Gebiet. Ich denke, dass Kino eine andere Welt zeigen soll als die uns bekannte. Die Initialzündung war, als ich mit einem Film auf einem Festival in Sibirien eingeladen war. Da sind mir die Widersprüche und Gegensätze dieses Landes aufgefallen. Ich dachte mir, dass hier irgendwie nichts zusammenpasst. Die Geschichte um Yukos und Chodorkowski fand ich so spannend, dass es mir wie erfunden schien. Es war wie ein Drehbuch.

Der Chodorkowski, den Sie zeigen, hat eine gewisse ambivalente Faszination. Am Ende fragt man sich, was hinter der Fassade dieses Menschen steckt. Ist er nur Opfer oder auch Täter?
Im Laufe der Arbeit an dem Film habe ich mich intensiv mit der Moralfrage beschäftigt. Vor diesem Hintergrund ist Chodorkowski sicherlich beides, Opfer und Täter. In den 90er-Jahren handelte er klassisch kapitalistisch, entließ Hunderttausende von Mitarbeitern, um seine Firma zu retten. Insofern ist er ein Täter.

Im Jahr 2000 machte Chodorkowski eine Wandlung durch. Man hat das Gefühl, dass er vom Pragmatiker zum Idealisten wurde. Ist das glaubwürdig, oder war das eher Kalkül für ein höheres Ziel?
Ich weiß es nicht. Wenn man Zyniker ist, kann man das als Berechnung deuten. Ich glaube aber, dass da tatsächlich etwas passiert ist. Viele wären einen weit weniger schmerzvollen Weg gegangen, indem sie ihre Familie oder sich selbst zuerst in Sicherheit gebracht hätten. Chodorkowski tat das nicht – aus welchen Gründen auch immer. Das hat mich beeindruckt.

Chodorkowski hatte auch politische Ambitionen. Hätte er Putin auf der politischen Bühne gefährlich werden können?
Sonst wäre er nicht im Gefängnis gelandet. Chodorkowski war realistisch genug, um zu sehen, dass er mit seinem jüdischen Hintergrund für das Präsidentenamt nicht infrage kam. Aber Premierminister hätte er locker werden können. Ob er deshalb eine Gefahr für Putin darstellte oder ob der Kreml in seinem Fall einfach der Paranoia erlag oder ob es ein Komplott Dritter war, die an Chodorkowskis Firma wollten, das wird nie hundertprozentig geklärt werden. Tatsache ist, dass es vielen genützt hat, dass Chodorkowski jetzt im Gefängnis sitzt.

Wladimir Putin steht vor seiner zweiten Präsidentschaft. Wird die Regierung weitere Vorwände finden, um Chodorkowski im Gefängnis eingesperrt zu lassen?
Auf jeden Fall. Das ist tragisch, andererseits denke ich, dass das alles eine Logik hat.

Glauben Sie, dass das Ausland etwas bewirken könnte?
Ich denke, es könnte. Aber ich war geschockt, wie wenig letztlich getan wurde und wird. Sowohl Europa als auch Amerika reden mehr, als sie handeln. Sie haben Angst, dass ihnen der russische Ölhahn abgedreht wird. Nach Beendigung des Films habe ich gemerkt, wie schwach die europäischen Demokratien sind.

In Ihrem Film wird die allgemeine Angst-Atmosphäre deutlich, die in Russland herrscht. Hatten Sie selbst auch Sorgen um Ihre Sicherheit?
Ja, die Paranoia war schon sehr dominant. Es hat in Russland ja schon mehrere Fälle gegeben, in denen Journalisten eingeschüchtert, angegriffen oder sogar umgebracht wurden. Wir sind einmal verfolgt worden, doch, Gott sei Dank, ist niemand zu Schaden gekommen. Man wollte uns wohl nur zu verstehen geben, dass wir unter Beobachtung stehen. Wenn der Druck bedrohlicher geworden wäre, hätte ich das Projekt gestoppt. Ich tauge nicht zum Helden. Auch auf die russische Premiere werde ich nicht alleine fahren.

Befürchten Sie Druck von der russischen Regierung?
Druck habe ich im Grunde niemals richtig gespürt. Es war eher eine arrogante Haltung nach dem Motto: Was will denn dieser kleine dumme Deutsche? Der kann uns eh nichts anhaben.

Erklärt das, warum Sie – obwohl der Fall Chodorkowski für die russische Regierung ein heikles Thema ist – den Unternehmer im Gefängnis interviewen konnten? Wie haben Sie das geschafft?
Sicherlich hat Beharrlichkeit vieles bewirkt. Entscheidend war aber auch gutes Timing sowie die Tatsache, dass wir uns einfach getraut haben zu fragen. Jedenfalls war dieses Interview schon etwas Besonderes.

Das merkt man im Film auch an Ihrer Stimme. Sie klingen hörbar aufgeregt.
Ja, ich war doppelt nervös. Ich hatte keinen Kameramann, sodass ich die Kamera selbst halten musste. Ich dachte, hoffentlich geht jetzt technisch nichts schief. (lacht)

Werden Sie weitere Dokumentarfilme machen, oder war »Der Fall Chodorkowski« ein einmaliger Ausflug in das Genre?
Wenn ich noch die Kraft habe, werde ich von »Der Fall Chodorkowski« eine längere Version für das Fernsehen schneiden. Dafür habe ich noch viel Material, und auch thematisch lässt sich der Film um einiges erweitern. Aber ob ich noch mal so viel Zeit für ein Dokumentarprojekt investieren werde, das bezweifle ich. Fünf Jahre waren zu lang. Da bleibt das Privatleben doch sehr auf der Strecke.

Das Gespräch führte Willy Flemmer.

Köln/Murwillumbah

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