Chronik

Im Scheinwerferlicht

Journalistin, Filmproduzentin und nun auch Bestsellerautorin: Alice Brauner Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Chronik

Im Scheinwerferlicht

Alice Brauner schreibt in ihrem Bestseller über ein halbes Jahrhundert Film- und Familiengeschichte

von Ellen Presser  21.10.2021 08:19 Uhr

Es gibt Bücher, die gleich mehrere in sich vereinen: Sachbuch, Memoir, Familienepos, Chronik von Zeitläuften, Würdigung und Liebesgeschichte. Um solch ein mehrdimensionales Buch geht es hier. Zum einen erzählt es die Geschichte eines Paares, das 71 Jahre zusammenhielt, zum anderen die innige Verbundenheit einer Tochter mit ihren Eltern.

Wer meint, dies sei vollmundige Werbung, der irrt. Es ist nur die Klassifizierung eines Werkes mit dem allumfassenden dreiteiligen Titel »Also dann in Berlin …«. Artur und Maria Brauner Eine Geschichte vom Überleben, von großem Kino und der Macht der Liebe, verfasst von Alice Brauner, dem jüngsten der vier Kinder des Filmtycoons Artur Brauner und seiner Frau Maria.

Kann das gut gehen bei solch großer Nähe zwischen Autorin und Porträtierten? Ja, es kann. Es war wohl der nächste und beste Weg, zwei jüdische Persönlichkeiten darzustellen, die mehr als ein halbes Jahrhundert im Scheinwerferlicht standen und doch in ihren jungen Jahren Schicksale durchlitten, von denen nur Bruchstücke bekannt waren oder über die sie zur Gänze schwiegen.

Vielleicht, weil sie ihre Kinder Henry, Jahrgang 1947, Fela, geboren 1959, Sammy, der 1963 zur Welt kam, und die drei Jahre später geborene Alice schonen wollten; vielleicht aber auch, weil ihre Geschichten nicht in die strahlende Filmwelt passten, die sie von Berlin aus über Jahrzehnte mitprägten.

ÜBERLEBEN Was Artur Brauner und Theresa Albert, die sich dank falscher Papiere Maria Drozd nannte, nach der Okkupation Polens durch die Deutschen widerfuhr, ist charakteristisch für das, was Millionen Juden in Europa widerfuhr. Nur hatten sie das Glück zu überleben, als Teil der »Scheerit Hapleita«, des Rests der Geretteten.

Alles, was Alice Brauner selbst ist, promovierte Historikerin, Journalistin und Filmproduzentin, kam ihr zugute, die Geschichte ihrer Familie aufzuzeichnen und die komplexen Lebensläufe eines Juden aus Łódz und einer Jüdin aus Lemberg, die einander 1945 in Stettin begegnen, dramaturgisch geschickt aufeinander zulaufen zu lassen.

Während ihrer kurzen ersten Begegnungen sprach Artur Brauner von seiner Filmleidenschaft, von seinen Plänen, nach Amerika auszuwandern. Als er die junge Frau, die ihm »von Anfang an gefiel« und auf der Suche nach ihrer Mutter erst einmal nach Warschau wollte, zum Zug bringt, ruft er ihr nach: »Also dann in Berlin …?«

primärquelle Als Primärquelle stand Alice Brauner die »Kriegschronik« ihres Großvaters Moshe Brauner zur Verfügung, die ihr Vater ihr 1997 anlässlich eines ihrer üblichen sonntäglichen Besuche über den Küchentisch, »einem seiner Lieblingsplätze im Haus«, zuschob. Außerdem die 1976 erschienene Biografie ihres Vaters Mich gibt’s nur einmal. Geschrieben in einer Zeit der Neuorientierung, nachdem sein Filmimperium, basierend auf der Kombination seichter Publikumsrenner, die ihm die Finanzierung anspruchsvoller Filme ermöglichte, in den 60er-Jahren zu Ende zu gehen schien.

Brauner bekam damals die Folgen des Oberhausener Manifests von 1962zu spüren, dessen Unterzeichner forderten, »Filme sollten nicht mehr unterhalten, sie sollten hinterfragen, aufrütteln, verändern«.

Das Werk ist Memoir, Würdigung und Liebesgeschichte zugleich – und akribisch recherchiert.

Sein Geld hatte »Atze« Brauner, wie ihn Curd Jürgens umbenannt haben soll, in den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders mit Liebes-, Heimat-, Musik- und Abenteuerfilmen verdient. Ausgangspunkt war die Gründung der Produktionsfirma »Central Cinema Compagnie« des damals 28-Jährigen am 16. September 1946 gewesen. Angesichts des Sonderstatus von Berlin und ohne Rücklagen war das für einen jungen Holocaust-Überlebenden ein unglaubliches Wagnis in der unmittelbaren Nachkriegszeit.

FILMSTUDIOS Über 250 Filme produzierte Brauner selbst, einmal 18 gleichzeitig. Daneben öffnete der Workaholic seine CCC-Studios für mehr als 500 Fremdproduktionen. Die Zeit, als er seine Eigenproduktionen spürbar herunterfahren musste, kommentierte er später mit dem Satz: »Das Geheimnis eines guten Produzenten ist, dass er länger existiert als alle anderen.«

Akribische Recherche ist eines der herausragenden Merkmale von Alice Brauners Familiengeschichte. Im Buchdeckel vorne sind die unfreiwilligen Reisestationen der Familie Brauner zwischen 1939 und 1946, die bis tief in die Sowjetunion führten, verzeichnet.

Auf den letzten Seiten kann man den Leidensweg von Maria Brauner nachvollziehen: über Warschau und Auschwitz bis in ein Zwangsarbeitslager bei Hannover, nach der Befreiung Stettin, Warschau, Berlin und schließlich das DP-Camp Heidenheim, wo Artur Brauner (1918–2019) und Theresa Albert (1925–2017) heiraten. Ein ausführlicher Quellenapparat und ein Register der Mitglieder der Familien Albert und Brauner sowie der Persönlichkeiten, denen die Brauners begegneten beziehungsweise mit denen Atze Brauner arbeitete – von A wie Mario Adorf bis Z wie Sonja Ziemann – runden das Buch ab.

Alice Brauner lernte viel von ihrem Vater, erlebte ihn aber auch als despotischen Firmenchef, der niemanden auf Augenhöhe neben sich duldete, nicht einmal seine Tochter, die ihm 2006 die Produktion des später preisgekrönten Films Der letzte Zug rettete. Übrigens ein weiteres Werk aus seiner Themenreihe zur Auseinandersetzung mit Judenverfolgung und Judenvernichtung (solch deutliche Worte zog Brauner dem Begriff »Holocaust« vor).

Den Vater erlebte sie auch als Chef, der niemanden auf Augenhöhe neben sich duldete.

Ihrer Mutter, deren »Weisheit und Weitsicht« sie immer wieder ins Feld führt, ist Alice noch immer innig verbunden. Ihr ehrenamtliches Engagement, ob unter anderem als Patientensprecherin im Jüdischen Krankenhaus oder als Fürsprecherin für die Belange jüdischer Senioren und russischsprachiger Zuwanderer, ist ihr Vorbild.

Erlös So soll der gesamte Erlös des Buches zum einen an das Deutsche Filmins­titut und Filmmuseum in Frankfurt am Main gehen, wo sich das Artur-Brauner-Archiv befindet. Zum anderen an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, wo alle Brauner-Produktionen mit Schoa-Bezug von Morituri (1947/48) bis Babij Jar (2003), Der letzte Zug (2006) und Wunderkinder (2011) regelmäßig zu sehen sind.

Alice Brauner war auch so klug, der zu großen Nähe zu den Protagonisten ihres Buches wegen, ein Korrektiv in Gestalt der Lektorin und Publizistin Heike Gronemeier hinzuzunehmen. Herausgekommen ist eine immer noch persönliche und dabei doch historisch erkenntnisreiche jüdische Familiengeschichte.

Alice Brauner mit Heike Gronemeier: »›Also dann in Berlin …‹. Artur und Maria Brauner. Eine Geschichte vom Überleben, von großem Kino und der Macht der Liebe«. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021, 319 S., 22 €

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