Kino

»Ich stand immer auf Filme«

Quentin Tarantino Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Es ist eine Sternstunde des Kinos: In »Once upon a Time in Hollywood«, öffnet Brad Pitt als Cliff Booth, selig bekifftes Stuntdouble des Fernsehstars Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), die Tür einer Villa in Los Angeles.

Es ist der 9. August 1969. Draußen stehen die mordhungrigen Mitglieder der Manson-Sippe, und Booth behandelt sie nonchalant als einen Haufen völlig durchgeknallter Irrer. Anders als in der Wirklichkeit ermorden die Mansons nicht Sharon Tate und ihre Freunde. Sondern der Abend geht für die Angreifer selbst tödlich aus, die sich in Quentin Tarantinos Version der Geschichte in der Adresse geirrt haben.

Heute wird der Regisseur und Drehbuchautor 60 Jahre alt. Man könnte sagen, dass er in den ersten knapp drei Jahrzehnten seines Lebens das Material zusammengesammelt hat, aus dem sich seine Drehbücher und Spielfilme bis heute speisen. Geboren wurde er 1963 als Sohn der 16-jährigen Connie McHugh und des 21-jährigen Italo-Amerikaners Tony Tarantino in Knoxville, Tennessee. Benannt ist er nach Quint Asper aus der Westernserie »Rauchende Colts«.

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Vorstadtkinos Als er zwei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern, seine Mutter zog mit ihm nach Los Angeles, wo er später die kleinen Vorstadtkinos entdeckte. Mit 15 brach er die Highschool ab, begann eine Schauspielausbildung. »Manche Jungs stehen auf Sport, manche auf Autos, ich stand immer auf Filme«, sagte er einmal.

Eines seiner frühen Drehbücher, das er mit zwei Kollegen geschrieben hat, wurde später geteilt verfilmt, als »True Romance« von Tony Scott und »Natural Born Killers« von Oliver Stone. 1992 kam dann sein eigenes Filmdebüt: der Lowbudget-Thriller »Reservoir Dogs« über die überlebenden fünf von sieben Juwelendieben, die den Verräter unter sich suchen.

Zwei Jahre später legte er mit »Pulp Fiction« nach, einem episodischen Reigen aus Gewalt, Musik und coolen Dialogen über zwei Auftragskiller, einen Boxer, eine Gangsterbraut und ein Kleingangsterpärchen. Der Film erhielt einen Oscar, einen Golden Globe und die Goldene Palme von Cannes.

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Triumph Nach »Jackie Brown« und dem zweigeteilten »Kill Bill« (2002 und 2004) begann Tarantino mit »Inglourious Basterds« (2009) über ein erfolgreiches Attentat auf Hitler eine besondere Trilogie: Auf beherzte Art schrieb er die Geschichte um, ließ »gut und gerecht« über »böse und niederträchtig« triumphieren. 2012 folgte »Django Unchained« über Triumph und Rache eines schwarzen Sklaven, und 2019 dann der Abschluss mit »Once Upon a time in Hollywood«.

Auch dieses Werk gestaltete er - wie schon seine früheren Filme - als eine Hommage an eine bestimmte Epoche der Filmgeschichte: Die späten 60er werden auf der Leinwand wieder lebendig, mit allem, was zum authentischen Zeitkolorit gehört, von Mode bis Vintage-Autos, mit einem Zitatefeuerwerk aus Popkultur, Musik, Film und Fernsehen. Wenn Rick Dalton am Todestag von Sharon Tate im Fernsehen die Serie »Mannix« anschaut, kann man sicher sein, dass sie damals auch lief.

Tarantino liebt das Spiel mit Zitaten und Querverweisen, die sich wie ein Netz über sein gesamtes Werk legen. Kenner können nachgestellte Film-Szenen entdecken, besonders häufig aus den Italowestern von Sergio Leone und den Martial-Arts-Opern der Shaw Brothers. Alle andere bewundern die rasante Kinetik der Kamerafahrten, lassen sich von den non-linearen Erzählformen auf Abwege locken, schwelgen im Retrohimmel.

Dialogsequenzen der sie sammeln Motive, die sich durch alle Filme ziehen, wie die Big Kahuna Burgers oder die Red Apple Cigarettes, das Faible für Großaufnahmen von Füßen, die Szenen, die aus dem Kofferraum schnittiger Vintage-Autos gedreht sind, bestaunen die irren Frisuren von Samuel Jackson, der schon in sechs Filmen dabei war, und freuen sich über schlagfertige Dialogsequenzen: Etliche Zitate aus Tarantino-Filmen sind Kult geworden. Und die Schauspieler und Schauspielerinnen müssen diesen sehr speziellen »Quentin-Talk« beherrschen, wie Tarantino es einmal beschrieb: »Man muss meine Witze verkaufen, obwohl sie offiziell gar nicht komisch sind.«

Das verspielt Leichte muss mit dem todernst Schweren ausbalanciert werden, das klar und präzise Formulierte wie hingeworfen wirken. Die Besetzung hat immer einen doppelten Boden, weil viele der Schauspieler und Schauspielerinnen aus Tarantinos Lieblingsfilmen gepflückt wurden. Natürlich ist es kein Zufall, dass der mit Tanzfilmen wie »Grease« berühmt gewordene John Travolta in »Pulp Fiction« mit Uma Thurman eine ikonische Tanzszene aufs Parkett legt.

Mehrfach hat Tarantino seinen Helden zu einer zweiten Karriere verholfen, neben Travolta auch Pam Grier oder David Carradine. Brad Pitt und Leonardo DiCaprio waren einzeln schon mit von der Partie, bevor Tarantino sie in »Es war einmal in Hollywood« zum ersten Mal gemeinsam besetzte. Sie haben spürbaren Spaß dabei, ihre Rollen mit selbstironischen, mal komischen, mal tragischen Brechungen zu spielen.

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Filmografie So minutiös wie Tarantino seine Filme konstruiert, hat er vielfach auch seine Karriere geplant. 2014 hat er verkündet, dass nach zehn Filmen Schluss sein solle: »Regisseure werden nicht besser, wenn sie älter werden«, begründet er seine Entscheidung im »Playboy«-Interview: »Normalerweise sind die schlechtesten Filme in ihrer Filmografie die vier am Ende.«

Tarantino ist mit der israelischen Sängerin und Schauspielerin Daniella Pick verheiratet und wohnt immer wieder über Monate hinweg in Israel.

Sein nächster Film soll »The Movie Critic« heißen. Er wird von der legendären Filmkritikerin Pauline Kael handeln und in den 70er-Jahren in Los Angeles spielen. Sie war eine jüdische Filmkritikerin mit starker Persönlichkeit, die als bissig und starrsinnig galt und daher gefürchtet war. Von 1968 bis 1991 schrieb sie für The New Yorker. Dies wäre dann der zehnte Film.

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