Fernsehlegende

»Ich hatte irrsinniges Glück«

»Ich hätte auch in Auschwitz enden können«: Georg Stefan Troller Foto: imago

Herr Troller, Sie haben mit Ihren Sendereihen »Pariser Journal« und »Personenbeschreibung« deutsche Fernsehgeschichte geschrieben. Ihre Autobiografie »Selbstbeschreibung« wurde von Axel Corti erfolgreich verfilmt. Sind Sie in dem Buch Georg Stefan Troller nahegekommen?
Gute Frage! (lacht) Tut man das überhaupt? Eigentlich sieht man sich ja als eine Figur, die man beschreiben muss. Aber da ich diesen laufenden Bezug auf das »Ich« nicht mag, hatte ich Schwierigkeiten damit. Ich konnte das Buch nur mithilfe einer dauernden ironischen Brechung schreiben. Aus vollem Brustton der Überzeugung »Ich« zu sagen – das war mir nie gegeben.

Weil das Ich immer im Werden ist?
Weil man es nicht kennt! (lacht) Vom ersten Moment seines Lebens an spielt man ja. Probiert man sich aus, spielt mit sich selbst, verdrängt, lernt oft Dinge, die Glück zurückstrahlen. Man lernt, das herauszustreichen, womit man die anderen beglückt, und das zurückzunehmen, von dem man merkt, dass es die anderen sauer macht. Dadurch entsteht langsam, aber sicher eine adaptierte Persönlichkeit. Nicht vollständig adaptiert, jedem bleibt irgendwo ein Rest von Aufsässigkeit. Aber Adaption an die Umgebung, hat schon Darwin gewusst, ist die einzige Möglichkeit des Überlebens. Dass ich dieser Typ geworden bin, mit dieser Laufbahn, das ist eigentlich eher Zufall. Hätte ja völlig anders laufen können. Ich hätte auch Wash-Boy in einem Restaurant in Amerika werden können. Oder in Auschwitz enden!

Aber aus Ihnen wurde ein bekannter Autor und Filmemacher. Da muss doch mehr mitspielen als reiner Zufall?
Ich glaube tatsächlich, dass irgendwo in uns eine erst langsam bewusst werdende, noch nicht fest geformte Masse existiert, die immer da ist und die uns in gewisse Richtungen pusht. Haben Sie die Chance oder die Energie, das Glück, dieser Ihnen gegebenen Richtung zu folgen, so können Sie etwas werden. Doch ist das Schicksal oder auch Ihre eigene Lebenslaufbahn dagegen …

Und Sie hatten Glück?
Ich hatte das ungeheure Glück, dass ich dieser noch nicht fest gefahrenen Masse zumindest halbwegs folgen konnte. Aus Lehm Ziegel machen. Darum geht es. Der feuchte Lehm ist das, worauf es ankommt. Oder anders gesagt: die Scheiße in Ihnen. Häufig genug sind es ja ganz miese Dinge, die da liegen und die man erst zu schönen Dingen machen muss. In dieser Beziehung hatte ich ein irrsinniges Glück. Das weiß ich und sage es auch immer.

Als Sie 1962 mit dem »Pariser Journal« begannen, hatten Sie kaum Erfahrung mit dem Medium Fernsehen, sondern vor allem als Hörfunkjournalist gearbeitet. Wie kam man ausgerechnet auf Sie?
Der zuständige Filmemacher hatte die 3.000 Mark Handkasse, die er nach Paris mitgenommen hatte, um das nächste Journal zu drehen, in einer Nacht am Pigalle durchgebracht. Am nächsten Tag rief mich der Produktionsleiter vom WDR an und sagte: »Können Sie sich vorstellen, diese Sendung zu übernehmen?« Ich wusste noch nicht einmal, um welche Sendung es ging, aber sagte: »Ja! Selbstverständlich!« In solchen Momenten muss man ins kalte Wasser springen.

Ein guter Journalist muss Neugierde haben, heißt es.
Viel mehr als Neugierde! Mit Neugierde kommt man als Rechercheur weiter. Aber als Gestalter müssen noch andere Dinge dazukommen! Bei mir war das die innere Not, in der ich mich befand, die Isolation, der Verlust der Identität, den die Emigration mit sich bringt. Und jetzt hatte ich die Möglichkeit, über andere Menschen zu mir selbst zu kommen. Das war es. Dass ich über andere Leute erfahren wollte, wer ich bin. Es ging um Selbstrettung! Und das kam rüber, das hat das Publikum zu uns hingezogen, ohne dass ich überhaupt eine Ahnung hatte, dass das so funktioniert. Dazu kam natürlich meine Auseinandersetzung mit Paris, die ja weiß Gott keine pure Liebe war. Eher eine Streitliebe, eine Hassliebe, bis heute. Das waren alles Spannungsverhältnisse, und aus dieser Spannung heraus entstanden die Sendungen.

Sie haben zahlreiche Dokumentationen gedreht. In denen sind Sie selbst nie zu sehen, anders als heutige Dokumentarfilmer, die sich gerne vor der eigenen Kamera tummeln. Aber Sie tauchen in einer amerikanischen Wochenschau aus dem Zweiten Weltkrieg auf, als amerikanischer Soldat.
Das war im Elsass. Meine Aufgabe war es, deutsche Gefangene zu vernehmen. Da kam dieses amerikanische Filmteam und fragte mich: »Hey fellow, you speak German?« Es gab an der Front ein Haus, in dem sich angeblich ein letztes Widerstandsnest von Nazis befand. Vor der Kamera sollte ich brüllen: »Kommt raus, ihr Schweine!« Später filmte man mich im Gespräch mit einer alten deutschen Frau. Mein Vater hat das gesehen. Er schickte mir dann ein Foto aus dem Film und schrieb auf die Rückseite: »Warum nicht rasiert?«

Seltsame Reaktion!
In der Tat. Ich hatte gedacht, er würde schreiben: »Ach du Armer, irgendwo an der Front!« oder etwas in der Art. Aber das war typisch für meinen Vater. Nach der Pogromnacht im November 1938, er war eine Woche in Haft gewesen, kam er total unrasiert, mit zerbrochener Brille, nach Hause. Sich so vor seinen Kindern zu zeigen, war ein noch größerer Albtraum, als in der Haft verprügelt worden zu sein. Er konnte es nicht ertragen, wenn man unrasiert war. Meinen Bart mochte er überhaupt nicht.

Werden Sie mit Ihrem charakteristischen Bart noch manchmal auf der Straße erkannt?
Ein paar Mal ist es schon passiert, dass ein alter Fan, ein Professor oder so, seiner Gruppe von Studenten sagte: »Und hier habe ich die Ehre, Ihnen vorzustellen: Georg Stefan Troller!« Allgemeines Schweigen. Keiner hatte von mir gehört. Furchtbare Situation. Aber so ist es eben.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

Georg Stefan Troller wurde am 10. Dezember 1921 in Wien geboren. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1938 flüchtete er in die USA. Nach Europa kehrte er 1943 als amerikanischer Soldat zurück. Seine journalistische Laufbahn begann Troller 1950 beim RIAS. Von dort wechselte er zum WDR und wurde mit seinem »Pariser Journal« bekannt. Ab 1971 berichtete er für das ZDF aus der französischen Hauptstadt. Trollers rund 2.000 Fernseh-Interviews, für die er zahlreiche Auszeichnungen erhielt, zeichneten sich durch ihre betont subjektive Befragungsweise aus und wirkten stilbildend für eine ganze Generation von deutschen TV-Reportern. Seine Lebenserinnerungen verfilmte Axel Corti als erfolgreichen TV-Dreiteiler unter dem Titel »Wohin und zurück«. Die Produktion wurde für einen Oscar nominiert.

Amulette

Erfurter Ausstellung zeigt israelische Kunst

Die Galerie Waidspeicher zeigt Werke israelischer Künstlerinnen und 555 Hamsa-Amulette aus Jerusalem. Das Motiv der Hamsa in Form einer geöffneten Hand ist im Judentum, im Islam und im Christentum gebräuchlich

von Matthias Thüsing  10.03.2026

München

Ermittlungen zu Nazi-Parole gegen Fleischhauer eingestellt

Der Kolumnist bedient sich bei einem Podcast eines Slogans der Nationalsozialisten, um damit den AfD-Nachwuchs zu kritisieren. Deshalb wird gegen ihn ermittelt - jedoch nicht besonders lang

 10.03.2026

TV-Tipp

Die Puppe mit dem Hitlergruß: Das turbulente Leben der Unternehmerin Käthe Kruse

»Ich kauf‘ Euch keine Puppen - macht Euch selber welche!« Max Kruses junge Geliebte nahm diese brüske Absage wortwörtlich und wurde berühmt. Arte zeichnet die bewegte Biografie von Käthe Kruse nach

von Manfred Riepe  10.03.2026

New York

Ben Stiller: »Krieg ist kein Film«

Immer wieder nutzt die US-Regierung bekanntes Film- oder Musikmaterial für eigene Videoclips - wohl ohne zu fragen. Jetzt beschwert sich deswegen Schauspieler Ben Stiller

 10.03.2026

Comedy

Streichelzoo mit Fischen

Die Serie »JoJo & Simha: Exploring Berlin3000« erzählt auf Social Media von drei tollpatschigen jüdischen Handwerkern der Zukunft

von Pascal Beck  09.03.2026

Women’s Asian Cup

Trump fordert von Australien Asyl für iranische Fußballerinnen

Die Spielerinnen hatten sich vor dem Anstoß im Robina Stadium geweigert, die iranische Nationalhymne zu singen

 09.03.2026

Magdeburg

Auftakt für jüdische Kultur in Sachsen-Anhalt

Ministerpräsident Sven Schulze betonte als Schirmherr die Bedeutung der Kulturtage als klares Signal der Solidarität mit Jüdinnen und Juden in Sachsen-Anhalt

 09.03.2026

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026

Berlin/Los Angeles

Weimer lädt Chalamet in die Oper ein: »Kann mal daneben liegen«

Interessiert sich wirklich niemand mehr für Oper und Ballett? So findet es zumindest »Marty Supreme«-Star Timothée Chalamet. Wie der Kulturstaatsminister den Oscar-Anwärter umstimmen will

 08.03.2026