Film

»Ich bin anfangs auf viel Misstrauen gestoßen«

Der Regisseur Raphael Bondy

Herr Bondy, seit Ende Januar läuft Ihr Film »No Promised Land«, Ihre Abschlussarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste, in der Schweiz, zuvor lief er beim Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg. Wovon handelt er?
Es geht um Sehnsucht nach Heimat und die Frage nach Identität. Im Speziellen die Identität von äthiopischen Juden und ihren Wunsch nach Zugehörigkeit. Jahrtausendelang träumten diese Menschen davon, ins Heilige Land zurückzukehren. Als dieser Wunsch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Realität wurde, kam die große Enttäuschung. Diese schwarzen Juden, die über viele Jahrhunderte in der ländlichen Isolation und Abgeschiedenheit von der restlichen Welt lebten, wurden quasi über Nacht in das industrialisierte und multikulturelle Israel geschleudert. Dieser Kulturschock sowie Vorurteile und Diskriminierung aus der israelischen Bevölkerung haben dazu geführt, dass viele der mittlerweile rund 135.000 äthiopischen Juden, die heute in Israel leben, nicht richtig integriert sind und noch immer auf Anerkennung warten. In Äthiopien waren sie die Juden, und in Israel sind sie die Schwarzen.

Woher rührt Ihre Motivation für das Thema?
Eigentlich wollte ich zuerst einen Film über den neuen Antisemitismus in Europa machen und konzentrierte mich auf das Thema der Auswanderung französischer Juden nach Israel. Während meiner Recherche in Netanja, an der »israelischen Côte d’Azur«, habe ich dann von landesweiten Demonstrationen schwarzer Juden erfahren. Da ich ein ziemlich idealisiertes Bild vom jüdischen Staat hatte und ich fast nichts über die äthiopisch-jüdische Gemeinde wusste, war ich schockiert zu erfahren, mit welchen Problemen diese Menschen tagtäglich in Israel zu kämpfen haben. Der Fokus meines Films änderte sich, und ich entschied mich für dieses neue Thema.

Wie fanden Sie die Protagonisten?
Das war fast der schwierigste Teil meiner Arbeit, da ich als weißer Europäer auf viel Widerstand und Misstrauen aus der äthiopischen Gemeinde gestoßen bin. Als ich anfangs einige Aktivisten getroffen hatte, verweigerten diese mir, bei ihren Versammlungen dabei zu sein. Erst als ich über meinen israelischen Kameramann, der schon Filme über Äthiopier gedreht hatte, die richtigen Kontakte knüpfte, gewann ich ihr Vertrauen. Ich engagierte einen Regieassistenten und Übersetzer, der selbst Äthiopier ist. So öffneten sich viele Türen.

Wo haben Sie gedreht?
In Tel Aviv, Petach Tikva, Hadera, Holon, Aschkelon, Rechovot, Ramat Gan, Ben Schemen, Netanya, Binyamina und der Wüste. Der Dreh war sehr schwierig und oftmals sehr chaotisch, da ich komplett der Laune meiner Protagonisten unterstellt war, die oftmals plötzlich nicht mehr mitmachen wollten oder wochenlang nicht auf meine Anrufe reagierten. Mein Regieassistent brachte mir dann bei, ein bisschen mehr Chuzpe zu zeigen und mich durchzusetzen.

Sie kommen aus einer kreativen Familie. Wie hat sie Sie beeinflusst?
Ich wuchs mit meiner Mutter und zwei Halbschwestern in Zürich auf, mein Vater starb, als ich fünf war. Kunst und Kultur, auch die jüdische, spielten bei uns zu Hause immer eine große Rolle. Meine Mutter, Dominique Bondy, ist Psychoanalytikerin und Malerin, mein Großvater Francois Bondy war ein berühmter Journalist und Essayist, und mein mittlerweile verstorbener Onkel war der Theaterregisseur Luc Bondy. Alle nahmen mich von klein auf oft ins Theater und ins Kino mit.

Welche Filmideen planen Sie für 2020?
Unter anderem ein persönliches Porträt über eine junge Frau, die ein tief sitzendes Kindheitstrauma zu verarbeiten versucht. Ein anderes Projekt handelt von Eltern, die ihre entführten Kinder suchen und dabei die Hoffnung, sie wiederzufinden, nicht aufgeben. Außerdem verfolge ich noch immer meine ältere Idee, einen Film über den neuen Antisemitismus zu machen.

Mit dem Schweizer Filmregisseur sprach Maria Ugoljew.

Susan Sideropoulos

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