Geschichte

Hitlers Politik der Straße

Geschichte

Hitlers Politik der Straße

Der Historiker Daniel Siemens legt eine umfassende Untersuchung über die SA vor

von Wolf Scheller  27.06.2019 17:03 Uhr

Die Zahl seriöser Untersuchungen über die Geschichte der SA ist einigermaßen überschaubar. Jetzt hat der aus Bielefeld stammende, aber in England lehrende Historiker Daniel Siemens eine ebenso kluge wie gut lesbare Darstellung der Entstehung und des Untergangs der für Hitlers Aufstieg wichtigsten Organisation veröffentlicht.

In der Tat stehen am Anfang des Hitler-Regimes keine ideologischen Recken. Unter den vielen Gruppen und Grüppchen, die sich als vaterländische Verbände verstanden, trat seit Mitte der 20er-Jahre immer mehr Hitlers NSDAP in den Vordergrund. Sie zeichnete sich vor anderen durch eine besonders aggressive, mehr als üblich vor allem antisemitische Sprache aus.

MASSENBEWEGUNG Sie war auch kein patriotischer Klub und auch kein Wehrverband, sondern schuf sich vielmehr einen eigenen Wehrverband, die »Sturmabteilung«, abgekürzt SA, die ursprünglich für den persönlichen Schutz ihres »Führers« zuständig war, aber im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und nach dem kurzlebigen Verbot im Gefolge des gescheiterten Hitler-Putsches zum rabiaten Kampfverband der »Bewegung« wurde.

Hitler erreichte nach der Entlassung aus seiner Festungshaft in Landsberg die Wiederzulassung von NSDAP und SA, der freilich eine militärische Ausbildung untersagt war, obwohl Drill und Uniform erhalten blieben. Ende 1926 entstand die »Oberste SA-Führung«, der auch die SS und die Hitlerjugend unterstellt wurden.

Aus der Splittergruppe war eine Massenbewegung geworden, die 1929 bereits 100.000 Mitglieder umfasste. Sie wurden nach Möglichkeit in »Heimen« mit eigener Verpflegungsstation untergebracht, was wiederum vor allem junge Männer anzog, denen sich in diesen Notjahren keine Perspektive bot. Hier wurden die Weichen für den Straßenkampf gestellt. Die SA-Einheiten veranstalteten überall in Deutschland Propagandamärsche, zackig mit Militärmusik. Oft waren sie gut motorisiert. Die Parteiführung hatte vorgesorgt.

KÄMPFE Die Krakeeler sprengten Treffen der politischen Gegner, provozierten planmäßig in Gegenden, in denen Sozialdemokraten und Kommunisten wohnten. Sie überfielen deren Parteilokale und lieferten sich Straßen- und Saalkämpfe, bei denen im Laufe der Jahre Hunderte oft schwer verletzt wurden oder gar zu Tode kamen. In den letzten beiden Jahren vor Hitlers Machtergreifung wurden in diesem Dauerbürgerkrieg mehr als 400 Tote gezählt.

Schon vor der Machtergreifung gab es mehr als 400 Tote in Straßenkämpfen.

Siemens gelingt es in seiner Darstellung, die Antriebskräfte für diesen Straßenterror herauszuarbeiten – zum Teil erinnern seine Ergebnisse auf fatale Weise an Vorkommnisse, mit denen sich heutzutage europäische Demokratien wieder auseinandersetzen müssen: militante Männlichkeit, geboren aus nationalistischen und rassistischen Ressentiments, vor allem aber die Gefahren, die aus dem Gefühl sozialer Minderwertigkeit entstehen.

FANATIKER In der SA versammelte sich eine gefährliche Mischung von Rabauken, Fanatikern, aber auch Anhängern eines nebulösen »rechten Sozialismus«. Ihre Aggressivität führte immer wieder zu Verboten von Demonstrationen sowie dem Tragen von bestimmten Uniformen und Abzeichen. Als die preußische Polizei bei Hausdurchsuchungen weiteres Bürgerkriegsmaterial zutage förderte, drängten die Länderregierungen auf ein direktes und gezieltes Verbot von Hitlers Bürgerkriegsarmee. Die Parteiführung reagierte mit der Auswechslung der SA-Führung. Der neue Mann an der Spitze hieß jetzt Ernst Röhm, der die gesamte SA neu organisierte und dafür seine guten Verbindungen zur Reichswehr nutzen konnte, die wiederum in der neuformierten SA ein wertvolles »Element der Landesverteidigung« sah.

Röhms Ermordung auf Hitlers Befehl in der »Nacht der langen Messer« 1934 sorgte freilich nur vorübergehend für einen gewissen Bedeutungsverlust dieser Schlägerarmee. Kurze Zeit später agierte die SA als eine Art Polizei im Braunhemd.

REICHSTAGSBRAND Nach dem Reichstagsbrand eröffnete sie die landesweite Jagd auf KPD und SPD und terrorisierte in aller Öffentlichkeit das jüdische Leben in Deutschland. Ungestört errichtete sie überall im Land »wilde« Konzentrationslager, die Vorboten des staatlich gesteuerten Massenmordes. Nach Kriegsbeginn ging das Gros der SA in der Wehrmacht auf. Einzelnen SA-Führern gelang es sogar, in den diplomatischen Dienst zu kommen. Viele SA-Kämpfer, die häufig vom Land kamen, wurden zur »Germanisierung« des europäischen Ostens eingesetzt. Siemens stellt die etwas steil anmutende These auf, dass die Brutalität der SA maßgeblich die Vorgehensweise von SS und Wehrmacht im Krieg beeinflusst habe. Dass die SA vorwiegend aus »nationalistischen Idealisten« bestanden habe, die Mehrzahl einen »anständigen Nationalsozialismus« vertreten habe, darf indes auch bezweifelt werden.

Siemens äußert am Schluss dieser wichtigen Untersuchung Fragen, die dem Umgang mit dem Thema in der Nachkriegszeit gelten. Es hat sich nämlich bei der Judenverfolgung eben nicht um gewisse »Verirrungen« Hitlers gehandelt. Es geht um Verbrechen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellten. Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR kam die SA aber relativ milde davon. Die meisten ehemaligen SA-Männer zeigten keinerlei Bereitschaft, sich – wie Siemens schreibt – zu ihrer »in der Regel freiwilligen Verbundenheit mit dem Nationalsozialismus und zu ihrer Rolle als Beschützer der ›Volksgemeinschaft‹ zu bekennen«.

Daniel Siemens: »Sturmabteilung. Die Geschichte der SA«. Siedler, München 2019, 592 S., 36 €

Leipzig

Jennifer Rush lernte Deutsch mit dem Sandmännchen

Die Sängerin mit jüdischem Familienhintergrund kam als Kind nach Deutschland. Warum das für sie ein Schock war und wie ihr das Fernsehen beim Ankommen geholfen hat

 01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Reggio Emilia

Konzert von Kanye West in Italien abgesagt

Hintergrund sind Kanye Wests antisemitische Aussagen und die damit verbundene Sorge, große Proteste könnten die Sicherheit gefährden

 01.06.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  01.06.2026

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  01.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Literatur

»Sie verdichten, was zu zerfallen droht«

Die Schriftstellerin Yasmina Reza ist mit dem Frank-Schirrmacher-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren die Laudatio von Christian Berkel

von Christian Berkel  31.05.2026

Geburtstag

Mit exaktem Blick – Dagmar Nick zum 100. Geburtstag

Die Lyrikerin feierte in München mit einer Lesung ihren Jahrhundert-Geburtstag

von Michael Schleicher  30.05.2026

Zeitreise

Historische Frankfurter Judengasse wird virtuell erlebbar

In den Alltag von Jüdinnen und Juden im Jahr 1864 in Frankfurt am Main eintauchen, sich als Passant in der historischen Judengasse bewegen und mit Bewohnern sprechen: Das Jüdische Museum Frankfurt hat eine internetbasierte Zeitmaschine entwickelt

von Jens Bayer-Grimm  29.05.2026