Corona

Hightech contra Virus

Ein Labortechniker von Leumit Health Care Services bereitet einen Corona-Test vor. Foto: Flash 90

Die Gesundheitssysteme weltweit befinden sich gerade im Corona-Stresstest. Grund genug, auf die bisher größte Pandemie des 21. Jahrhunderts auch mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu reagieren. Denn mit Hühnersuppe kommt man gegen das Virus nicht an.

Diagnose Und solange kein Impfstoff zur Verfügung steht, konzentriert sich die Forschung auf vier wesentliche Bereiche: die Entwicklung schnellerer und kosteneffizienterer Diagnose-Instrumente, Konzepte zur kontaktlosen Fernversorgung sowie neue Therapiemethoden und, last but not least, Tools zur Gewinnung und Auswertung von Daten, um für künftige Krisen dieser Art besser gewappnet zu sein. Und genau da hat Israel einiges zu bieten.

Nachdem Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den staatlichen Notstand gegen den »unsichtbaren Feind« ausgerufen hatte, erlaubte er erstmals in der Geschichte Israels den Einsatz digitaler Überwachungsinstrumente, die eigentlich den Sicherheitsorganen vorbehalten waren. »Das ist eine Entscheidung, wie es sie seit der Gründung des jüdischen Staates noch nie gegeben hat.«

BEATMUNG Deshalb greift man auch auf das Know-how des Militärs zurück, allen voran der Teams der Einheit 81, einer der geheimsten Gruppierungen innerhalb der Armee. Normalerweise beschäftigt sich diese mit der Entwicklung von Technologien zur Unterstützung von Kampfeinsätzen. Derzeit rüsten aber Soldaten der Einheit 81 sogenannte BiPAP-Beatmungsgeräte, die eigentlich für den Hausgebrauch produziert wurden, für den Einsatz in Krankenhäusern um, weil diese Systeme wie überall auf der Welt gerade Mangelware sind – BiPAP steht für Biphasic Positive Airway Pressure und stellt eine künstliche Beatmungsform dar, die mit zwei unterschiedlichen Druckniveaus arbeitet.

Darüber hinaus überträgt man ein Konzept, das zum Transport von im Kampfeinsatz infizierten Soldaten entwickelt wurde, auf zivile Krankenwagen. Ziel ist es, die Fahrzeuge so umzurüsten, dass zwei strikt getrennte Zonen entstehen und der Schutz der Fahrer gewährleistet bleibt.

Ziel Eine möglichst große Zahl an Personen so schnell wie möglich auf Corona zu testen – das ist das Ziel eines Teams von Mikrobiologen am Technion in Haifa in Kooperation mit Experten des Rambam-Hospitals in der Hafenstadt. Das von ihnen ins Spiel gebrachte »Pooling« könnte helfen – eine Methode, die aus Kosten- und Zeitgründen bereits bei HIV-Tests in Afrika zum Einsatz kam.

Die Idee dahinter: Alle Tests werden im Regelfall immer nur an einer Person durchgeführt, was jedoch Ressourcen bindet. Das israelische Pooling-Protokoll dagegen ermöglicht es, bis zu 64 Personen gleichzeitig zu testen. »Nur in den seltenen Fällen, in denen die gemeinsame Probe positiv ist, müssen wir dann jedes Testat einzeln prüfen«, erklärt Yuval Gefen, Direktor des klinischen mikrobiologischen Labors im Rambam-Hospital.

Universitäten, Armee und Start-ups arbeiten Hand in Hand.

Roy Kishony, Leiter der Forschungsgruppe an der Biologischen Fakultät des Technion, ergänzt: »Selbst als wir eine Untersuchung mit 64 Proben durchführten, von der nur eine einzige positiv war, konnte das System das feststellen.« Die Zahl der pro Tag getesteten Personen ließe sich dank »Pooling« um ein Vielfaches erhöhen.

Symptome Zudem werden Virusträger ohne Symptome so schneller identifiziert. Generell ließen sich auf diese Weise mehr Daten in kürzerer Zeit generieren, weshalb auch Schritte zur Bekämpfung der Pandemie rascher umgesetzt werden können. Daher verstehen die Forscher ihren Ansatz als einen Weg, die Infektionskurve möglichst flach zu halten.

Aber noch mehr wäre möglich: »Wenn keiner der 64 bei einem Massentest geprüften Personen positiv ist, können Quarantäne-Regelungen eher gelockert werden und Personen, die ›clean‹ sind, wieder das Haus verlassen«, bringt Kishonys Kollege Idan Yelin den Nutzen dieser Methode auf den Punkt. »Wenn einer oder einige wenige positiv sind, müssen auch nur diese isoliert werden«, erklärt Yelin.

Bereits als die Coronavirus-Krise sich abzuzeichnen begann, setzte man auf den Erfindungsgeist des Landes. Wie das funktioniert, konnte man am Chaim Sheba Medical Center in Tel Haschomer beobachten. »Als wir wussten, dass Passagiere des Kreuzfahrtschiffs Diamond Princess, die dem Virus ausgesetzt waren, zu uns kommen, habe ich sofort mit unseren Telemedizin-Start-ups Kontakt aufgenommen«, so Eyal Zimlichman, Direktor des krankenhauseigenen ARC Innovation Center, das als eine Art »Brutkasten« hilft, aus Ideen tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. »Denn so konnten neue Technologien direkt in der Praxis getestet werden.«

TELEMEDIZIN Gleich vier Unternehmen machten mit. Eines davon ist TytoCare. »Die Telemedizin hat sich schnell als ein wesentliches Instrument zur Bekämpfung und Eindämmung der Verbreitung von Covid-19 erwiesen«, betont Dedi Gilad, Gründer und Geschäftsführer von TytoCare.

Sein Start-up hat den »TytoHome« entwickelt, ein modulares Untersuchungsgerät, mit dem die User – angefangen von der Körpertemperatur, über Herz- und Lungenfunktion bis hin zum Zustand von Haut, Ohren und dem Bauch – eine Vielzahl von Daten über ihren Körper erfassen und an externe Gesundheitsdienstleister weiterleiten können.

Die Technik kommt bereits in 16 israelischen Gesundheitszentren und bei ambulanten Patienten unter Quarantäne zum Einsatz. »Unser Gerät wird aber jetzt ebenfalls von Krankenhäusern in den Vereinigten Staaten, Spanien und Italien nachgefragt, die Corona-bezogene Programme für Patienten konzipieren«, sagt Gilad.

Nachfrage Auch »Temi«, eine andere ARC-Erfindung, erfreut sich reger Nachfrage. Als Roboter zur Versorgung von Senioren oder Kindern entwickelt, kann das Gerät, das 2019 vom »Time«-Magazin zu einer der 100 besten Innovationen gekürt wurde, auch die Körpertemperatur messen oder Essen bringen – in Zeiten von Quarantäne wichtige Features.

Das Chaim Sheba Medical Center tut aber noch mehr: Über Webinare will man das Wissen über das Coronavirus mit Kollegen in den Vereinigten Staaten und Singapur teilen. »Wir wollen unsere Partner auf der ganzen Welt bitten, ähnliche Technologien zu verwenden und Daten zu sammeln, die wir alle gemeinsam nutzen können«, sagt ARC-Direktor Zimlichman. »Im Moment geschieht das nur in Israel.«

Medizin

Die letzte Rettung

Wissenschaftler der Bar-Ilan-Universität haben neue Erkenntnisse bei der Behandlung syrischer Kriegsverletzter gewonnen

von Sabine Brandes  26.02.2021

Anthologie

»Wir haben überlebt!«

Nea Weissberg versammelt Stimmen jüdischer Frauen zu dem traumatischen Attentat im Herbst 2019

von Gerhard Haase-Hindenberg  26.02.2021

Will Eisner

Düsterer Humanist

Eine Ausstellung in Dortmund widmet sich dem Werk des Vaters der modernen Graphic Novel

von Moritz Piehler  26.02.2021

Sprachgeschichte(n)

»Kellner, ein Teller Borscht!«

Der jüdische Humor und seine Philosophie

von Christoph Gutknecht  26.02.2021

München

Erinnerungen in Zeiten der Pandemie

Den Auftakt des Programms im NS-Dokuzentrum macht die Schau »Ende der Zeitzeugenschaft?«

 25.02.2021

Interview

»Es ist seine Geschichte. Ich habe sie nur aufgeschrieben«

Takis Würger über sein neues Buch und die Zusammenarbeit mit dem Zeitzeugen Noah Klieger

von Philipp Peyman Engel  25.02.2021

Yishai Sarid

»Expertin für die Psychologie des Tötens«

Wie eine Gesellschaft nicht mit Kriegstraumata umgehen sollte

von Ayala Goldmann  25.02.2021

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Warum Brillenträger mehr Spaß an Purim haben

von Eugen El  25.02.2021

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  25.02.2021