Nahoststudien

Heimliches Vorbild

Zeugnis jüdischen Lebens in früheren islamischen Imperien: Synagoge von Fes/Marokko Foto: picture alliance / Robert B. Fishman

Mit der islamischen Expansion ab dem Jahr 630 im Nahen Osten und Nordafrika bis hin nach Spanien lebten die Juden der Region unter muslimischer Herrschaft. Ein Großteil von ihnen sprach Arabisch. »Die arabische und die jüdische Welt sind sich in Vergangenheit und Gegenwart viel ähnlicher, als das häufig wahrgenommen wird«, sagt Johannes Becke, Professor für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

Genau diese Verflechtungen möchte nun das auf vier Jahre ausgerichtete und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt »Jenseits von Konflikt und Koexistenz« unter die Lupe nehmen. Sechs Postdoktorandenprojekte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg versuchen sich an einer Neubewertung der jüdisch-arabischen Beziehungsgeschichte; Johannes Becke fungiert dabei als einer der Gastgeber des Forschungsprojekts.

Erschließung »Die Methode der Verflechtungsgeschichte ist besonders geeignet für die Erschließung der jüdisch-arabischen Geschichte, weil sowohl religiöse wie alltägliche Praktiken von Jüdinnen und Juden und Musliminnen und Muslimen sich durch das enge Zusammenleben über viele Jahrhunderte stark angenähert und miteinander verflochten haben«, argumentiert Becke. Sowohl religiöse Gesetze der Scharia und Halacha als auch Liturgien und Schriften (Koran und Tora), poetische Formen, musikalische Praktiken, wissenschaftliche und philosophische Konzepte wiesen jeweils Parallelen und Resonanzen auf, ist der Professor überzeugt.

So finden sich noch heute Überreste jüdischer Stadtviertel in den Städten der früheren islamischen Imperien.

So finden sich noch heute Überreste jüdischer Stadtviertel in den Städten der früheren islamischen Imperien. Das Zusammenleben sei im Osmanischen Reich durch den Staat organisiert worden; die jüdische Gemeinschaft habe aber zusätzlich über eigene Strukturen der Autonomie verfügt. Kernelemente der islamischen Praxis wie Pflichtgebet, Beschneidung, Speisegebote könnten wiederum auf das Judentum zurückgeführt werden.

Die sechs Postdoktoranden Nathan Gibson, Teresa Bernheimer, Tamir Karkason, Michal Ohana, Menna Abukhadra und Nimrod Lin behandeln eine Fülle von Aspekten der jüdisch-arabischen Beziehungen: von der Suche nach prominenten jüdischen Persönlichkeiten in arabischen und judäo-arabischen Quellen des Mittelalters über jüdische und muslimische Konzepte zu Farbbezeichnungen, jüdisches Denken und jüdische Aufklärung im Nordafrika der frühen Neuzeit bis zur Geschichte der arabischen Israel-Studien und der Mista’arawim, der arabisierten Milizen in der zionistischen und israelischen Geschichte. In Vorträgen, Workshops und Podcasts sollen die jungen Forscherinnen und Forscher ihre Ergebnisse erarbeiten.

narrativ Dergestalt strebe das Projekt »eine Neuprofilierung des im Westen dominierenden Narrativs vom modernen Niedergang des jüdischen kulturellen Lebens in der arabischsprachigen, islamisch geprägten Welt« an, so Becke. In der Vergangenheit hätten demografische Veränderungen und Ambivalenzen gegenüber dem Islam auch in der Wissenschaft oft zu polarisierenden Blicken auf das historische Verhältnis zwischen Arabern und Juden geführt. Hervorgehoben wurden, so der Nahostforscher, entweder Konflikte zwischen den Gemeinschaften oder eine romantisierte Utopie des Zusammenlebens.

Auch vor dem Hintergrund des arabisch-israelischen Konflikts seien die jüdisch-arabischen Beziehungen weiterhin eng miteinander verflochten. »Die jüdisch-israelische Kultur war tief von palästinensisch-arabischen Vorbildern geprägt, und der Zionismus stellt sowohl einen politischen Gegner als auch ein heimliches Vorbild in der arabischen Welt dar«, folgert Becke. ja

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