Porträt

Hautsache

Yael Adler ist Dermatologin in Berlin. Jetzt hat sie einen Bestseller über unser größtes Organ geschrieben

von Ralf Balke  12.09.2016 19:27 Uhr

Warnt vor zu viel Botox: Die Mimik kann empfindlich beeinträchtigt werden und zu Missverständnissen in der Kommunikation führen, sagt Yael Adler. Foto: Stephan Pramme

Yael Adler ist Dermatologin in Berlin. Jetzt hat sie einen Bestseller über unser größtes Organ geschrieben

von Ralf Balke  12.09.2016 19:27 Uhr

Die Haut, in der ich wohne lautet der Titel eines Horror‐Melodrams des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar aus dem Jahr 2011. Die Geschichte dreht sich um den Chirurgen Robert Ledgard, gespielt von Antonio Banderas, der von der Idee fasziniert ist, eine neue und robustere Körperhülle für Menschen zu entwickeln, die sie perfekt vor aller Unbill der Welt schützen soll.

Fasziniert von der Haut ist ebenfalls die Berliner Dermatologin Yael Adler – selbstverständlich auf eine weniger verstörende Art als bei dem Protagonisten des Films. Und das schon seit frühester Kindheit. »Mein Großvater Roland Weissberg war gleichfalls Hautarzt«, berichtet die 43‐Jährige, die in Frankfurt und Berlin ihr Medizinstudium absolviert hatte. »Zwar habe ich ihn nie persönlich kennenlernen können, weil er vor meiner Geburt bereits verstorben war.«

Dafür habe er zahlreiche Fachbücher hinterlassen, die in der elterlichen Bibliothek standen. »Diese waren, wie damals üblich, mit aufwendig gemalten Bildern von allen nur erdenklichen Hautkrankheiten illustriert«, erinnert sich Yael Adler. »Genau diese bunten Zeichnungen haben mich schon als kleines Mädchen irgendwie gefesselt. Stundenlang konnte ich davor sitzen und sie mir anschauen.«

fachärztin Seit nunmehr 19 Jahren ist sie selbst praktizierende Medizinerin und heute Fachärztin für Haut‐ und Geschlechtskrankheiten mit eigener Praxis im Berliner Grunewald. Aber ihre Arbeit ist für die zweifache Mutter alles andere als zur reinen Routine geworden. Dafür gibt es gute Gründe. »Für mich hat die Haut nach wie vor absolut nichts von ihrer Faszination verloren.« Denn was den wenigsten bewusst sein dürfte, ist die Tatsache, dass sie mit durchschnittlich zwei Quadratmetern Fläche das größte menschliche Körperorgan überhaupt ist. Und zwar eines, das sich wie kaum ein zweites als multitaskingfähig erweist. Schließlich geht es um mehr als nur eine bloße Körperhülle, vielmehr um wesentlichen Schutz und Versorgung.

Unsere Haut dient unter anderem der Wärmeregulierung, sie ist zugleich Fett‐ und Flüssigkeitsspeicher und schützt – last but not least – vor Krankheitserregern und Sonnenstrahlen. »Vorausgesetzt, sie ist gesund und funktioniert«, betont die Expertin. Wenn dies nicht der Fall ist, dann kann das unzählige Ursachen haben, die man auf den ersten Blick gar nicht vermuten würde: umweltbedingte Allergien, falsche Pflege, einseitige Ernährung, Stress, psychische Belastungen oder sogar ernsthafte organische Erkrankungen wie Krebs – die Palette ist breit gefächert.

»Deshalb muss ich mit meinen Patienten intensive Gespräche führen, ihnen oft viele Fragen stellen und die gesamte Haut gründlich untersuchen.« Auf diese Weise geht Adler den möglichen Auslösern eines Problems systematisch auf den Grund. »Ich verstehe mich dabei als Detektivin, die sich immer wieder aufs Neue auf Spurensuche begibt«, erzählt sie lachend. »Genau das macht meinen Beruf so spannend und abwechslungsreich.«

journalismus Nach dem Abitur hatte Yael Adler kurzzeitig überlegt, eine journalistische Laufbahn einzuschlagen. »Auch in diesem Beruf muss man viel fragen und gründlich recherchieren.« Doch ihre Eltern, der Vater ist der Judaist und Religionswissenschaftler Karl Erich Grözinger, die Mutter die Literaturwissenschaftlerin Elvira Grözinger, rieten ihr zum Medizinstudium. »Dahinter steckt die sehr jüdische Erfahrung, dass es sinnvoll ist, einen Beruf zu erlernen, den man überall auf der Welt ausüben kann.«

An Talent hätte es jedenfalls nicht gefehlt. Denn schreiben kann sie ebenfalls. Und nicht nur Fachartikel. So erschien vor wenigen Tagen ihr Buch Haut nah – Alles über unser größtes Organ. Auf Anhieb schafft es Yael Adler damit auf Platz sieben der Spiegel‐Bestsellerliste für Sachbücher. Ihr Erfolgsrezept: Auf unterhaltsame Art Wissenswertes über die Haut zu vermitteln. »Ohne Tabus oder falsche Scham«, wie sie stets betont. So räumt die Dermatologin mit zahlreichen Mythen auf – beispielsweise, dass das ausgiebige Benutzen von Pflegeprodukten automatisch eine Hilfe bei dermatologischen Problemen ist. »Wer zu viel seift, der stinkt«, schreibt sie. Und erklärt, warum die Haut sogar zu riechen vermag.

Oder sie greift das Thema Botox auf. »Ich stehe diesem Mittel sehr differenziert gegenüber«, erzählt Adler. »Zum Feintuning oder Korrigieren kleinerer ›Störfaktoren‹ wie Zornesfalten oder Ähnlichem kann es durchaus sinnvoll sein.« Problematisch aber wird der großflächige Einsatz von Botox. »Was die wenigsten wissen: Die Mimik verändert sich dann ganz dramatisch. Emotionen wie Traurigkeit oder Empathie kann das Gesicht anschließend nicht mehr richtig zum Ausdruck bringen und auch weniger bei anderen registrieren.«

WAhrnehmung Das hat Folgen auf die zwischenmenschliche Wahrnehmung, führt zu Missverständnissen, mitunter sogar zu Aggressionen, weil die so behandelte Person ihren Gefühlszustand nur noch unzureichend nach außen kommunizieren kann. »Darüber spreche ich ausführlich in meinem Buch«, sagt die Dermatologin. »Zudem erzählen Falten die Geschichten von Menschen, können ihren Charakter betonen. Warum also sollte man sie beseitigen?«

Das Journalistische hat Yael Adler offensichtlich nie richtig losgelassen. Seit 2003 ist sie regelmäßig im Fernsehen zu sehen, thematisiert in zahlreichen Beiträgen für ARD, ZDF, RTL oder den rbb Hautprobleme oder beantwortet Zuschauerfragen. Immer ohne reißerischen Ton, manchmal humorvoll, stets jedoch sachlich. »Das Feedback war einfach gewaltig.« Deshalb sprach eine Literaturagentin sie eines Tages an, ob daraus nicht ein Buch entstehen könnte. Die Idee für Haut nah war geboren. Stoff genug für mehrere Bücher hätte sie wohl gewiss aus ihrer täglichen Praxis. Und sie greift anekdotisch das auf, was wohl alle Mediziner aus erster Hand kennen. »Kaum ein Abendessen bei Freunden oder eine Feier, wo mitunter nicht eine wildfremde Person einen um ärztlichen Rat fragt.«

Wenn man zudem Fachärztin für Haut‐ und Geschlechtskrankheiten ist, kann das zu filmreifen Situationen führen. »Auf einer Party begann ein anderer Gast, den ich nie zuvor gesehen hatte, mir von einem gewissen Problem zu berichten, und bat mich, mal einen genaueren Blick darauf zu werfen.« Kurz darauf fand sie sich mit ihm in einem viel zu engen Gäste‐WC wieder, wo der Mann die Hosen herunterließ. »Er hatte ganz offensichtlich Feigwarzen.« Das Souvenir einer dreiwöchigen »Beziehungspause« von seiner Partnerin, die gleichfalls vor der Toilette wartete und das Ergebnis wissen wollte. »›Tut mir leid – ärztliche Schweigepflicht‹, sagte ich ihr.«

verhalten Der Erfolg ihres Buches habe sie »umgehauen«. Bereits heute liegen Verträge beziehungsweise Lizenzen für 15 Übersetzungen vor, sogar eine Hörbuchversion entstand. »Wie bereits in meiner täglichen Arbeit in der Praxis und in den Sendungen geht es mir darum, Menschen mündig zu machen. Konkret heißt dies: Ich gebe ihnen die Informationen an die Hand, die sie brauchen, um selbst etwas an ihrem Verhalten zu ändern, um Hautprobleme in den Griff zu kriegen.«

Aus diesem Grund hat Yael Adler eine Zusatzqualifikation als Ernährungsmedizinerin erworben. »Denn die Haut kann nicht nur Spiegel unserer Seele sein, sondern auch dessen, was wir täglich so alles zu uns nehmen.« Exemplarisch dafür sind die Diskussionen um die Folgen einer Unverträglichkeit von dem im Weizen enthaltenen Gluten. Und sie empfiehlt eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse.

»Die traditionelle aschkenasische Küche kann da nicht wirklich punkten«, lautet ihr Fazit. »Mit einer Ausnahme. Die bei Juden aus Europa und Amerika so beliebten Fischsorten Hering und Lachs sind ganz exzellente Lieferanten von Vitamin D und Omega‐3‐Fettsäuren.« Auch wenn das nicht jedem gefällt: »Die sefardische Küche ist da eindeutig besser aufgestellt, weil viel mehr frisches Gemüse und ballaststoffreiche Zutaten zum Einsatz kommen. Aber der traditionelle Apfel mit ein wenig Honig ist super gesund.« Eine gute Nachricht pünktlich zu Rosch Haschana.

Yael Adler: »Haut nah – Alles über unser größtes Organ«. Droemer Knaur, München 2016, 336 S., 16,99 €

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