Berlinale

Hauptsache kritisch

Moritz Bleibtreu in der »Teilacher«-Verfilmung ist ein Highlight der Berlinale. Bemerkenswert: Viele andere Filme mit jüdischem Bezug fallen mit »Israelkritik« auf. Foto: Montage: Marco Limberg

Es ist ein zwölfminütiger Wettlauf gegen die Zeit. Der IDF-Rekrut Yonash bekommt völlig unerwartet am Wochenende frei. Aber es muss schnell gehen: raus aus den staubigen Militärklamotten, rein in eine saubere Uniform. Seven Minutes (Sheva Dakot) ist der vierte Kurzfilm des jungen Regisseurs Assaf Machnes, einem der jungen Talente des Landes, erzählt mit viel Witz und Selbstironie. »In Israel ist einfach alles, was du machst, politisch«, sagt Machnes. »Selbst ein Film über eine Katze, die Milch trinkt, ist ein politischer Film.«

Wer im Programm der 67. Berlinale nach Produktionen aus Israel sucht, muss sie auch unter »Palästina« suchen und findet knapp ein Dutzend, oft mit plakativer politischer Botschaft. Der Junge aus H2 (The Boy From H2) der georgischen Filmemacherin Helen Yanovsky ist so ein Beispiel. Die Geschichte des jungen Palästinensers Muhammed Burqan, der in H2 lebt, einem unter israelischer Kontrolle stehenden Stadtteil von Hebron, läuft im Wettbewerb der »Berlinale Shorts«. Produziert hat den Kurzfilm die umstrittene Menschenrechtsorganisation B’Tselem aus Israel, auf deren Gehaltsliste auch die Regisseurin Yanovsky steht.

terroristen Auch Istiyad Ashbah (Ghost Hunting) des palästinensischen Filmemachers Raed Andoni hat eine klare Botschaft. Per Zeitungsanzeige hat Andoni ehemalige palästinensische Insassen der Haftanstalt Moskobiya in Jerusalem gesucht, einem Vernehmungszentrum des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet. Mit den ehemaligen Gefängnisinsassen lässt Andoni in einer leeren Halle in Ramallah Verhörräume und Zellen maßstabsgetreu nachbauen und die Verhöre nachspielen. Die inszenierte Neuauflage des Erlebten ist eine sehr persönliche Konfrontation für Andoni, denn der Regisseur saß selbst als 18-Jähriger in Moskobiya. Der Film läuft im »Panorama« und hofft auf den erstmals zu vergebenen Preis im Bereich Dokumentarfilm.

Agitprop in Reinkultur lässt der Film des in Kuwait geborenen und in Ramallah arbeitenden Filmemachers Mohanad Yaqubi erwarten. Sein Film Off Frame aka Revolution until Victory (Off-Rahmen aka Revolution bis zum Sieg) beginnt mit einer aufmunternden Grußbotschaft Jassir Arafats (»Wir haben aus Flüchtlingen Kämpfer gemacht«) und mit tapferen Terroristen im Untergrund. Yaqubi spürt den »Fragmenten einer Revolution nach«, wie das Programm der Berlinale schwärmt. Er nutzt dazu Filme aus der Zeit des palästinensischen Widerstandskinos, die seinerzeit mit finanzieller Unterstützung lupenreiner Diktaturen in Ost-Berlin, Moskau, Bagdad und Kuba produziert wurden. Für Filmhistoriker sicher ein Geschenk, für Historiker aufschlussreich, Aufklärung wider Willen.

Womöglich auch eine Zumutung, aber nur auf den ersten Blick: Darf man eine »Miss Holocaust Survivor« küren? Seit 2012 wird in Haifa jedes Jahr die schönste unter etwa 300 Frauen ausgewählt, die alle mindestens 75 Jahre alt sind und die Schoa überlebt haben. Ein Film, der die Zuschauer mit ihrer Vorstellung von Opfern konfrontiert. »Dass ich an dem Wettbewerb teilgenommen habe, das ist auch meine Rache an den Nazis«, sagt im Film die erste Miss Holocaust, Chava Herschkowitz.

Jiddisch Im Forum der 67. Berlinale laufen gleich zwei israelische Filme. Mit Menashe stellt Joshua Z. Weinstein seinen ersten abendfüllenden Spielfilm vor. Er spielt in Borough Park in Brooklyn, einer der größten jüdisch-orthodoxen Gemeinden außerhalb Israels. Hier wird Englisch gesprochen und Iwrit, aber am liebsten Jiddisch. Und genau deshalb ist der ganze Film auf Jiddisch gedreht, eine cineastische Rarität.

Der Titelheld Menashe ist ein Sonderling unter Sonderlingen. Die Gemeinde will ihn wieder verheiraten. Er aber kann sich eine Zukunft mit einer anderen Frau als seiner gerade verstorbenen Lea nicht vorstellen und lehnt deshalb alle ihm Zugeführten ab. Eine Tragikomödie, für die Woody Allen Pate gestanden haben könnte.

In Low Tide (Motza el hayam) von Daniel Mann geht es wieder um das israelische Militär, diesmal während der Gaza-Operation »Gegossenes Blei« 2009. Es ist die verzwickte Geschichte des 35-jährigen Yoel Kanovich, der seine Einberufung verbummelt, weil er andere Sorgen hat: die Trennung von seiner Frau, der plötzliche Tod des Vaters und der Verlust des Arbeitsplatzes als Geschichtslehrer. Bis er einer jungen französischen Journalistin begegnet, die sein Leben von Grund auf verändert.

Teenager Einer vergessenen Ikone der säkularen jüdischen Arbeiterbewegung widmet sich Heinz Emigholz in seinem Dokumentarfilm über den Architekten und Bauhaus-Absolventen Samuel Bickels. Eine Annäherung an Bauten des fast vergessenen Architekten aus Lemberg, der sich nach der Machtergreifung als Einziger seiner Familie nach Palästina hatte retten können.

Seine Bauten waren schnörkellos und nur auf die Bedürfnissen der Kibbuzniks ausgerichtet: Speisesäle, Kinderhäuser, Landwirtschaftsgebäude. Eine wiederentdeckte Architektur mit Verfallsdatum: Bickels’ Bauten stehen leer und verfallen. Emigholz’ Film Bickels (Socialism) lässt sie wieder auferstehen.

Im Hauptwettbewerb läuft The Dinner des israelischen Filmemachers Oren Moverman, der 2009 mit seinem Regiedebüt The Messenger den Silbernen Bären für das beste Drehbuch bekommen hat. In The Dinner mit Richard Gere und Steve Coogan in den Hauptrollen sitzen zwei Brüder mit ihren Frauen beim gemütlichen Essen in einem Spitzenrestaurant, bis es ungemütlich wird: Ihre Kinder haben vielleicht eine schreckliche Tat begangen. Ein Video ist aufgetaucht, auf dem Jugendliche einen Obdachlosen zu Tode prügeln, und die Teenager auf dem Film könnten ihre Kinder sein. Eine monströse Situation, aus der die Eltern einen Ausweg finden müssen.

teilacher Als »Berlinale Special« wird Es war einmal in Deutschland ... zu sehen sein, ein Spielfilm nach dem Bestseller von Michel Bergmanns Teilacher-Trilogie. Moritz Bleibtreu in der Rolle des David Bermann, der sich, den Nazis entkommen, ausgerechnet im Nachkriegsdeutschland durchschlägt. Mit Witz, Tricks und Dreistigkeit umgarnen die Teilacher an Haustüren die weibliche Kundschaft und verkaufen Bettwäsche, um damit die Ausreise in die USA oder nach Eretz Israel zu finanzieren. Doch eine amerikanische Offizierin ist ihnen auf den Fersen. Sie bohrt unerbittlich besonders in Davids Vergangenheit herum.

Für filmhistorisch Interessierte schließlich hält die Reihe »Classics« wieder besondere Entdeckungen bereit, in diesem Jahr etwa Avanti Popolo (1987) des Regisseurs Rafi Bukaee, eine Tragikomödie aus dem Sechstagekrieg. Der Film war 1987 als bester fremdsprachiger Film für einen Oscar nominiert, ging aber leer aus. Was Tradition hat: Israel ist das am häufigsten nominierte Land ohne Trophäe.

www.berlinale.de

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