Kriegsnostalgie

»Harter Nationalkitsch«

Ein Exemplar von 60.000 Foto: Marco Limberg

Kriegsnostalgie

»Harter Nationalkitsch«

Wiesenthal Center fordert Verbot der »Landser«-Hefte. Die Bundesprüfstelle urteilte milder

von Wolf Scheller  05.08.2013 19:10 Uhr

Die sich seit den 50er-Jahren auf dem Kriegsnostalgie-Markt mit wechselndem Erfolg behauptende Zeitschrift »Der Landser« ist nach jahrzehntelangem Dämmerschlaf mal wieder ins Gerede gekommen. Dankbar dürfen ihre Macher dafür dem Simon Wiesenthal Center in den USA sein, das den historisch versierten Journalisten Stefan Klemp beauftragte, sich den Inhalt der obskuren Publikation einmal genauer anzusehen.

Der um diese Aufgabe nicht zu beneidende Autor überprüfte 29 Ausgaben und fand dabei heraus, dass in 24 Heften Menschen zu »Helden« verklärt wurden, deren Einheiten während des Zweiten Weltkriegs Verbrechen begangen haben. Gemeint waren Waffen-SS und Totenkopf-Verbände.

Was für eine Überraschung! Auf einmal ging dem Vorstand des Simon Wiesenthal Center ein Licht auf, mit wem man es hier zu tun hat. Und jetzt soll die deutsche Justiz klären, ob es »in den bislang veröffentlichten Publikationen eine absichtliche Verzerrung der Geschichte gibt, wie wir es glauben, oder nicht« – so der Vorstand und Gründer des Wiesenthal Center, Rabbiner Marvin Hier.

Trivial Eigentlich kann man sich bei dieser Fragestellung nur verdutzt die Augen reiben. Wer sich jemals mit den schmuddeligen und pseudodokumentarischen Abenteuergeschichten dieser seit 1970 unter dem Dach der Bauer Media Group wöchentlich erscheinenden Zeitschrift beschäftigt hat, weiß, dass hier auf trivialste Manier unter dem Vorwand von Authentizität vor der Kulisse des Zweiten Weltkriegs das Loblied der deutschen Wehrmacht gesungen wird, die ihren Schild sauber gehalten und sich im Großen und Ganzen nichts hat zuschulden kommen lassen.

»Der Landser«, 1957 vom Erich-Pabel-Verlag gegründet, traf auf ein günstiges Klima in der alten Bundesrepublik. Unter dem Protektorat der Alliierten hatten die Weltkriegsverlierer wieder mit der Aufrüstung begonnen. Es gab noch viele, die als Soldaten »dabei« gewesen waren und jetzt mit ihrer Erfahrung wieder gebraucht wurden. Irgendwie sehnten sich viele nach leicht konsumierbarer »Literatur« über die »Heldentaten« deutscher Soldaten. Das waren keine schlechten Voraussetzungen für die damaligen Groschenhefte, in denen es von Ritterkreuzträgern und fröhlichen Landsern nur so wimmelte.

Erich Pabel, der Verleger, beschäftigte als Autoren vorwiegend »Fachleute«, die mit ihren Sudeleien schon vor dem Krieg die Wehrhaftigkeit der heranwachsenden Jugend anzuspornen versuchten. Solche Talente wurden dann auch während des Krieges vom sogenannten Reichsjugendführer Baldur von Schirach gehegt und gepflegt. Und Pabel frohlockte: »Die Schaffung der Bundeswehr hat diese Serie erst geschaffen.«

Schönfärberei Bis 1959 lief die produzierte Kriegsromantik wie geschmiert. Dann aber änderte sich das Klima in der Bundesrepublik, auch unter dem Eindruck der jetzt zunehmend publik werdenden Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Forschung. Die weitgehend schönfärberische »Erinnerungsliteratur« geriet mehr und mehr in den Hintergrund. Vor allem fand jetzt auch der Holocaust im öffentlichen Bewusstsein breite Aufmerksamkeit.

Das Geschäft mit den Kriegsromanen wurde nun auch von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften unter die Lupe genommen, und dabei geriet insbesondere die »Landser«-Serie des Pabel-Verlags in die Schusslinie der Kritik. Seine Produkte wurden im Rundfunk als »harter Nationalkitsch« bezeichnet. Das Resümee einer NDR-Sendung war geradezu vernichtend: »Stil, Form, Aussage und Inhalt der bundesdeutschen Kriegs-Groschenliteratur decken sich auf unheimliche Weise mit dem Stil, der Form, der Aussage und dem Inhalt der Berichte der sogenannten Propagandakompanien des Großdeutschen Reiches während des Zweiten Weltkriegs – in 50 von 100 Fällen haben sich nicht einmal die Autoren geändert.«

Index Indiziert wurden im Laufe dieser Debatte Kriegsbücher und Kriegsromanhefte, darunter auch mehrere »Landser«-Hefte, aber in manchen Fällen urteilte die Bundesprüfstelle eher milde über den »Landser«: »Hier handelt es sich zwar um billigsten, verlogenen Kitsch in Schmierenmanier und mit sentimental-albernen Zwischenszenen, aber eben nur um Unsinn, ohne dass besondere jugendgefährdende Umstände hervortreten.« Wie auch immer: »Der Landser« gab nicht auf, und dass in dieser Zeitschrift der Krieg verherrlicht wurde und wird, hat seine Macher nie gekümmert.

In einer ersten wissenschaftlichen Untersuchung von Klaus F. Geiger aus dem Jahr 1974 wurde der Redaktion bescheinigt, dass im »Landser« die Wirklichkeit des Zweiten Weltkriegs »verfälscht wiedergegeben wird«. Die Inhalte, so die Studie, »stellen auch einen Betrug am Leser, namentlich am jugendlichen Leser dar«. Auch daran hat nichts geändert. Seit der Wiedervereinigung liegt die Auflage nach Angaben des »Spiegel« bei etwa 60.000 Exemplaren pro Heft.

Dass es den »Landser« immer noch gibt, obwohl die aktive Kriegsgeneration nahezu ausgestorben ist, dürfte auch damit zusammenhängen, dass viele junge Menschen heute kaum noch berufliche Perspektiven haben und daher leicht für militaristisch-nationalistisches Gedankengut empfänglich sind. Das hat erst jüngst eine interne Studie der Bundeswehr belegt. Doch jetzt will das Wiesenthal Center ausgemacht haben, dass »Der Landser« die Grenze des Tolerierbaren überschritten habe, weil im Heft insinuiert werde, dass die Angehörigen der Waffen-SS und der Totenkopf-Verbände »nur einfache Soldaten im Krieg gewesen« seien – was sie in der Tat nicht waren.

Mörderbande Die SS-Totenkopfverbände waren bekanntlich vor allem für die Konzentrationslager »zuständig«. Sie setzten sich weitgehend aus allen Arten von sozial Deklassierten zusammen, auch aus Österreich und den Balkanländern – »Knüppel- und Revolveraktivisten, die jeden sozialen Halt unter den Füßen verloren hatten«, wie es Eugen Kogon formuliert hat. Eine Mörderbande, gewiss, der keine Heldenverehrung zukommt. Auch die Angehörigen der Waffen-SS verdienen keine nachgereichte Sakralisierung.

Aber haben wir das nicht alles schon sehr lange gewusst, und hätte man das auch im fernen Amerika nicht schon lange wissen können? Nein, es gibt beim »Landser« wirklich nichts zu beschönigen!

Sie heißen »An der Reichsgrenze«, »Treu bis zum Ende« oder »Durch den Feind hindurch«: Die Hefte des Magazins »Der Landser« bieten laut Selbstdarstellung »Schilderungen der ungeheuren Strapazen und Opfer, die der Krieg 1939–1945 tagtäglich von den Soldaten und Offizieren forderte«. Das Wiesenthal Center hat Bundesjustizministerium und Bundesinnenministerium aufgefordert, die Hefte wegen Glorifizierung der Waffen-SS zu verbieten. Die Bauer Media Group dagegen erklärte, alle ihre Publikationen stünden »im Einklang mit den in Deutschland geltenden Gesetzen«.

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