Literatur

Halber Schnurrbart

Keret erzählt unter anderem von einer abrasierten Liebe. Foto: Thinkstock

Normalerweise ist es eine blöde Idee, wenn ein Schriftsteller über sich als Schriftsteller schreibt, der gerade dabei ist, etwas zu schreiben. Wer will das schon wissen, dieses Mühen um Sprache, die Überwindung der Schreibblockade? Oder wenn er von der Szene schreibt, in der er lebt, Verlagsleute, Journalisten. Es sei denn, man macht es so schön wie Etgar Keret in der Geschichte »Welches Tier bist du?«. Da geht es nämlich nur vordergründig um das Interview, das eine deutsche Fernsehkorrespondentin mit dem berühmten Autor machen will. Die von ihm verlangt, etwas zu schreiben, dann könne sie ihn dabei filmen: »Wunderbar. Ich liebe Ihre grauenhafte Haltung, wenn Sie schreiben, der

Dann kommt sein Sohn aus dem Kindergarten und umarmt ihn: So klein, und schon hat er begriffen, was er zu tun hat, wenn die Kameras laufen. «Meine Frau ist weniger gelungen, sagt die Korrespondentin des öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehens. Harmoniert weniger.» Die ganze Zeit ordnet sie ihre Haare. «Allerdings ist das kein echtes Problem, man kann sie nachher beim Redigieren jederzeit rausnehmen. Das ist das Schöne am Fernsehen. Im richtigen Leben ist das nicht so. Im Leben kannst du sie nicht rausnehmen, löschen.»

Leben Denn darum geht es: um das Leben. Hier um das Leben des Schriftstellers mit seiner Frau, die einfach nicht zu ihm passt. Die Frauen mit billigem Parfüm «Huren» nennt, aber auf ihren Sohn, auf sein Spiel, nicht eingehen kann – ausgerechnet die Deutsche kann es.

Um das Leben geht es auch in der Story, in der Maja, Avi’ads Frau, in einem Schreibworkshop Geschichten schreibt. Eine erzählt von einer Welt, in der «die Menschen nur die zu sehen imstande waren, die sie liebten. Der Held der Geschichte war ein verheirateter Mann, der in seine Frau verliebt war.» Und dann stößt sie mit ihm zusammen, setzt sich auf ihn. Da er befürchtet, dass sie ihn nicht mehr liebt, rasiert er sich den halben Schnurrbart ab – sie sieht es nicht. Als Avi’ads Frau ihm erzählt, dass sie die Geschichte in einem Kurs vorgelesen hat, lobt er sie etwas von oben herab und bittet sie später um Verzeihung: «Sie verzieh.»

Andere Geschichten erzählen von einem höflichen Jungen, der mitbekommt, wie sich seine Eltern streiten, seine Mutter ihrem Mann eine Ohrfeige gibt und der Vater am Abend sagt: «Aber du weißt, dass egal, was gesagt wird, ich dich immer immer liebe.» Und der Junge antwortet, weil er ein höflicher Junge ist, mit: «Ich weiß, danke.» Oder von Ella, die plötzlich einen Reißverschluss unter der Zunge ihres Freundes Ziki findet. Und als sie ihn aufzieht und die Ziki-Hülle abzieht, liegt Jürgen darin. Der ihr ständig Vorwürfe macht und schließlich nach Düsseldorf zurückkehrt. Und dann entdeckt sie auch unter ihrer Zunge einen Reißverschluss.

Entfremdung Etgar Keret, der in Deutschland leider noch lange nicht so bekannt ist, wie seine Kurzgeschichten es verdienten, erzählt mit leichter Hand von normalen Menschen, die plötzlich etwas bemerken. Oder gerade nicht – aber dafür merken wir, wie es um sie steht. Um den höflichen Jungen, der zu höflich ist, um seine Gefühle zu äußern. Um die Männer und Frauen, die sich längst voneinander entfernt und entfremdet haben und die dann plötzlich Geschichten schreiben, die einen zutiefst erschrecken.

Keret erzählt von einem geschiedenen Vater, der seinen Sohn nur ab und zu sehen darf und nicht weiß, wie er ihn vor der Oma beschützen soll, die ihn immer wieder in eine dunkle Kammer sperrt. Er erzählt von ängstlichen Menschen, also von uns. Von unseren Gefühlen, der Sehnsucht und den Katastrophen, die wir uns bereiten. Von der Fremdheit und dem Verlust der Welt.

Meistens sind es normale Geschichten, die ab und zu eine kleine Wendung ins Fantastische nehmen. Wie die Geschichte von Schakadi, der kurz vor seinem Tod in einem Flugzeug von einem Engel gesagt bekommt, dass er einen Wunsch frei hat. Und Schakadi, der Angst vorm Fallen hat, argumentiert so lange herum, bis der Engel wütend wird. «Weltfrieden! Du machst wohl Witze vor mir!» Aber versprochen ist versprochen. Währenddessen reinkarniert Schakadi in Form einer Guajave und hat immer noch Angst vorm Fallen.

Etgar Keret:
«Plötzlich klopft es an der Tür», Storys. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. S. Fischer, Frankfurt/M. 2012, 272 S., 18,99 €

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