Comedy

Grouchos Enkel

Dreimal Sacha Baron Cohen: als Brüno (l.), General Aladeen (M.) und Ali G (r.) Foto: imago

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Grouchos Enkel

Borat, Brüno, Ali G und Aladeen: Sacha Baron Cohens subversiver Witz

von Fabian Wolff  14.05.2012 08:27 Uhr

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Eigentlich muss man über den Komiker Sacha Baron Cohen nur eines wissen: Dass er bei seiner Barmizwa mit einer eigenen Rap-Crew selbst für die musikalische Unterhaltung gesorgt hat. Nach maf und haf gab es Hip-Hop. Im Jogginganzug zeigte Baron Cohen auf dem Boden seine Breakdancemoves.

Hier ist die ganze Karriere von Baron Cohen, dessen neuer Film Der Diktator jetzt startet, schon vorgezeichnet: Die Jüdischkeit, das Selbstbewusstsein, die Verkleidung und vor allem der fast kindliche Spaß an der Provokation. Sacha Baron Cohen ist der Pseudo-Gangsta Ali G, der kasachische Reporter Borat oder die schwule österreichische Fashion-Ikone Brüno. Ohne auch nur einmal aus der Rolle zu fallen, spielt er diese Figuren und interviewt seine ahnungslosen Gesprächspartner. Borat fragt einen Waffenhändler, mit welchem Kaliber er sich am besten gegen Juden verteidigen kann.

Brüno will von Modeexperten wissen, ob schlecht angezogene Promis nach Auschwitz gehören. Wie selbstverständlich kriegt er Antworten. Als Zuschauer kann man oft nicht entscheiden, was schlimmer ist – die furchtbaren Sachen, die Baron Cohens Figuren sagen und tun, oder die Gleichgültigkeit, mit der die Interviewten darauf reagieren. Das ist gewollt: Wie Lenny Bruce will Sacha Baron Cohen wissen, woher Vorurteile kommen und wie vermeintliche »Toleranz« funktioniert.

hip-hop Das hat – wie seine Barmizwa – viel mit Hip-Hop zu tun. So wie NWA sich als Albtraum des weißen Mannes präsentierten, als Bestätigung aller Ängste über Ghetto-Gangsta, ist Borats Kasachstan Code für westliche Horrorvorstellungen über die Dritte Welt. Etwa, wenn er bei einem Dinner Benehmen lernen soll und nach einem Toilettengang mit einer Tüte Kot an den Tisch zurückkehrt.

Weil mit Fäkalien gefüllte Tüten und ähnliche Requisiten oft bei Sacha Baron Cohen auftauchen, wird sein Witz nicht selten »vulgär« oder »platt« genannt. Aber wie bei South Park oder in den Filmen von Judd Apatow ist die Comedy von Baron Cohen gleichzeitig sehr dumm und sehr klug – wobei die Dummheit natürlich zur Klugheit gehört. So auch in seinem neuen Film, auch wenn Der Diktator keine Mockumentary wie Baron Cohens bisherige Filme ist, sondern komplett geskriptet.

Er spielt den General Admiral Aladeen, Herrscher der Republik Wadiya, exzentrisch wie Gaddafi und mit ähnlichen Erlösungsfantasien wie Saddam Hussein. Aladeen führt ein schönes Diktatorenleben, bis sein Premier Tamir (Ben Kingsley) ihn stürzt. Beschämt muss Aladeen ins New Yorker Exil, ins Herz des Feindes. Amerikas angesehensten Filmkritiker Roger Ebert erinnert Der Diktator an nicht weniger als das Marx-Brothers-Meisterwerk Duck Soup.

selbstbewusst Der Sacha Baron Cohen, der ohne Kostüm in Talkshows auftritt, könnte nicht weiter von seinen Figuren entfernt sein. Er ist ruhig und gelassen und vor allem unverschämt selbstbewusst, ohne arrogant zu wirken. Dan Mazer, der Schreibpartner von Baron Cohen, hat dafür eine Erklärung. Die beiden lernten sich als Schüler der Haberdashers’ Aske’s Boys’ School kennen.

In einem Interview beschreibt Mazer diese nominell anglikanische Jungenschule als Brutstätte für jüdische Komiker in England. »Auf einer weniger jüdischen Schule hätten wir uns darauf konzentrieren müssen, mit Geschick Kämpfen aus dem Weg zu gehen. Aber wir waren halt allesamt schwache jüdische Jungs, also gab es mit niemandem Ärger.«

Das entspricht so gar nicht dem Klischee des Außenseiters. Und überhaupt: Was soll das für ein jüdischer Komiker sein, der 1,90 Meter groß ist und als Model arbeitete? Der Filmkritiker Nathan Rabin hat einmal gesagt: »Ich traue keinem Juden, der nicht wenigstens ein bisschen neurotisch ist.« Von Neurosen spürt man bei Sacha Baron Cohen nichts. Damit steht er in einer Reihe mit anderen britischen Establishment-Juden wie dem Musikproduzenten Mark Ronson und dem Historiker Simon Sebag Montefiore.

zuspitzung Dennoch ist Baron Cohens Comedy eindeutig jüdisch – nicht nur wegen der Haltung, sondern auch in den Details. Wie sein großes Vorbild Peter Sellers verschwindet er in seinen Figuren. Und wie die drei Stooges oft Jiddisch sprachen, benutzt Baron Cohen oft Hebräisch.

Der Satz »Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden« von Alexander Roda Roda scheint wie auf Baron Cohen gemünzt. Borat hat Angst vor Küchenschaben, weil er sie für verwandelte Juden hält und wirft ihnen zur Beruhigung Dollarscheine hin. Solche Gags gibt es nur bei Sacha Baron Cohen, nicht bei Mel Brooks, nicht bei den Coens, nicht bei Sarah Silverman.

Die Intention dahinter ist klar. Ressentiments werden bis zur Lächerlickeit aufgeblasen. Ein merkwürdiges Gefühl ist es trotzdem, diese Szenen im Kino mit einem deutschen Publikum zu sehen. Es wird gelacht. Aber es ist nicht immer ein schönes Lachen. Gute Comedy ist eben immer auch gefährlich. Und gefährlicher als Sacha Baron Cohen ist im Moment keiner.

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