Konzeptkunst

Grinsendes Semikolon

»Visueller Philosoph«: WordBank-Erfinder Ofir Feldman Foto: Stephan Pramme

Konzeptkunst

Grinsendes Semikolon

Der in Berlin lebende Israeli Ofir Feldman entwickelt eine »Weltbank der Wörter«

von Georg Kasch  23.11.2010 11:24 Uhr

Das Model auf der Broschüre legt den Finger auf die Lippen: Reden ist Silber, Schweigen Gold? In der »WordBank«, deren Werbung die Dame mit den braunen Augen ziert, wiegt beides gleich: Schweigen lässt sich hier ebenso investieren wie Wörter; man spart getrennt nach soziolinguistischen Sparten und nimmt Körpersprachkredite auf. Es gibt Giro- und Sparkonten, Telefon- und Internetbanking. Auch Investmentberatung wird angeboten.

multimedia-fiktion Tatsächlich ein Konto eröffnen, lässt sich jedoch hier nicht. Die WordBank ist Fiktion, ein multimediales Luftschloss, erbaut von Ofir Feldman. Mit professionell gestalteten Flyern, Werbe-Clips und einer ausführlichen Homepage, mit griffigen Vermarktungs-slogans und einer Firmengeschichte präsentiert der 33-jährige israelische Konzeptkünstler – er selbst bezeichnet sich auf seiner Homepage als »visuellen Philosophen« – seine WordBank als Elite-Einrichtung, der man bedenkenlos seinen Wortschatz anvertrauen darf.

Um den perfekten Schein zu entlarven und so einen Reflexionsraum zu eröffnen über Themen wie Virtualität, Ökonomie, Sprache. In Feldmans animierten, aus Schriftzeichen zusammengesetzten Wunderwelten mutiert so das ambivalente Semikolon zu Alices Grinsekatze, wird der Doppelpunkt zur Aufforderung, tiefer einzutauchen, prügeln die Frage- und die Ausrufezeichen so lange aufeinander ein, bis sie sich ineinander verlieben. »Das könnte schon was mit meiner Herkunft zu tun haben«, sagt der Israeli, »dieser Kampf zweier gegensätzlicher Parteien, die sich eigentlich brauchen.«

Sprache ist ein wiederkehrendes Thema Feldmans. Geboren und aufgewachsen in Israel, ging er nach New York, dann nach Rom, wo er »ganz klassisch Malerei« studierte. »Da wurde ich mit der christlichen Bildkultur konfrontiert, und mir ist erstmals bewusst geworden, dass ich aus einer schriftdominierten Kultur komme. Diesen Unterschied habe ich reflektiert.«

Auch Wirtschaft, die zweite Grundlage seiner WordBank, war für Feldman immer ein Thema – notgedrungen: »Ich habe in die Kunst investiert, aber die Kunst hat mir kein Geld zurückgezahlt.« Also musste der Künstler diversen Brotjobs nachgehen. Zu ihnen entwickelte er ein ambivalentes Verhältnis: Einerseits ernährten sie ihn und faszinierten ihn in ihrer Funktionalität, andererseits hielten sie ihn von der künstlerischen Arbeit ab.

preisgeld Da kam der mit 30.000 US-Dollar dotierte Siegerpreis in einem Kunstwettbewerb des Entertainmentportals Hobnox für Feldman wie gerufen, um sein Bankprojekt, an dem er seit sechs Jahren und mit vielen Helfern arbeitet, voranzutreiben. Inzwischen hat das Holon Museum of Digital Arts in Israel Feldmans Promotion-Clips für die Wortkonten in seine Datenbank aufgenommen. Und seit voriger Woche sind Teile des Projekts in einer Ausstellung in Jaffa zu sehen. Bis zum Jahresende soll die Bank-Homepage auch auf Englisch, Deutsch und Hebräisch erscheinen – bislang gibt es nur eine italienische Version.

Dann will der Israeli, der seit zwei Jahren in Berlin lebt, »weil hier in Sachen Kunst einfach mehr los und das Leben bezahlbar ist«, das Gesamtprojekt in einer Galerie präsentieren – mit allen Info-Videos in 14 Sprachen, Plakatmotiven und Werbeclips für die sechs Interpunktionszeichen: »In Zeiten von SMS und Twitter sind sie vom Aussterben bedroht«, sagt der Künstler mit einem Ernst, dem nicht zu trauen ist, »deshalb sollen die Clips sie promoten«. Auch sonst lauern Abgründe hinter der glatten Bank-Oberfläche. Ofir Feldman interessiert bei seinem Projekt stets auch die Macht der Sprache und ihre Funktion, Kontrolle auszuüben: »Der Gedanke, dass man Kunde einer Bank sein muss, um Zugang zu seinem Wortschatz zu bekommen, ist leider gar nicht so absurd.«

www.wordsbank.com

Geburtstag

Wider die Gedankenlosigkeit: Wolf Biermann wird 90

Als junger Mensch war für ihn die DDR das bessere Deutschland. Doch bald wurde Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann ihr schärfster Kritiker. Auch nach der Ausbürgerung blieb er ein wacher und kritischer Geist. Am 15. November wird er 90

von Thomas Bickelhaupt  05.11.2026

Meister der Melancholie

Leonard Cohen: »Jikan der Stille« lebte seine Religion - und auch eine andere

Seine Lieder sind geheimnisvoll, oft düster - und doch von beklemmender Schönheit. Leonard Cohen war nie zu greifen, mit niemandem zu vergleichen. Vor zehn Jahren ist er gestorben

von Alexander Brüggemann  05.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über den legendären Sänger

von Jan Lehr  05.11.2026

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026