Rock

Graham Gouldman: »Wir haben nie übertrieben«

Der im Jahr 1975 veröffentlichte Song »I’m Not in Love« der Formation 10cc ist vieles auf einmal, nämlich zunächst einmal eine der schönsten Pop-Balladen aller Zeiten. Wer die Augen schließt und den Song hört, möglichst über einen guten Kopfhörer oder durch enorme Lautsprecher, wird in einer Zeitreise in die 70er-Jahre zurückkatapultiert.

Aufgenommen wurde »I’m Not in Love« von jüdischen Musikern, nämlich dem Bassisten Graham Gouldman, dem Sänger Kevin Godley und dem Gitarristen und Keyboarder Lol Cream. Zusammen mit ihrem nichtjüdischen Kollegen Eric Stewart waren sie von 1972 an die Band 10cc.

Mit »I’m Not in Love« schufen sie den perfekten Song, auch für Verliebte, der gleichzeitig eine musikalische Revolution darstellte. Den enthaltenen Chor mit nur vier Stimmen zu kreieren, wäre heute eine Sache von ein paar Mouseclicks. Damals sah dies allerdings anders aus: »Wir haben einfach die Stimmen, die wir verwenden wollten, auf mehreren Tonbandspuren aufgezeichnet, sie zu einem Stereopaar abgemischt und sie zurück in die Mehrspur übertragen«, erinnert sich Graham Gouldman im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Endgültige Mischung

»Letztendlich hatten wir auf der 16-Spur-Platine eine Stimme für jeden Fader und haben diese dann zusammengemischt«, so Gouldman. »Stelle dir also das Mischpult als Instrument ohne Tasten, aber mit Fadern (Tonreglern), vor. Also spielten wir vier die Fader, um die endgültige Mischung dieser Stimmen zu erstellen. Es war sehr aufregend, daran zu arbeiten, denn als wir es aufbauten, wussten wir nicht, was passieren würde.«

Inzwischen steht fest: »I’m Not in Love« wurde einer der überzeugendsten Pop-Rock-Songs, die jemals aufgenommen wurden. »Der Song hat etwas«, gibt Graham Gouldman gerne zu. »In unseren Chor-Stimmen gibt es Imperfektionen. Dieser Aspekt macht den Song ansprechender und menschlicher.«

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Weder musikalisch noch vom Benehmen ihrer Mitglieder her ist 10cc mit anderen einschlägigen Gruppen der 70er-Jahre vergleichbar. Von »sex, drugs and rock ’n’ roll« gab es für Gouldman und seine Kollegen nur den Rock ’n Roll. Hinter der Bühne warteten weder Groupies noch Drogen.

I’m not in love, so don’t forget it
It’s just a silly phase I’m going through
And just because I call you up
Don’t get me wrong, don’t think you’ve got it made

I’m not in love, no, no
(It’s because)

I like to see you, but then again
That doesn’t mean you mean that much to me
So if I call you, don’t make a fuss
Don’t tell your friends about the two of us

I’m not in love, no, no
(It’s because)

I keep your picture upon the wall
It hides a nasty stain that’s lying there
So don’t you ask me to give it back
I know you know it doesn’t mean that much to me

Nette, jüdische Jungs

»Wir haben nie übertrieben, denn wir waren nicht wirklich diese Art von Band. Es gab da drei nette, jüdische Jungs. Ich würde nicht sagen, dass wir perfekt waren. Gott bewahre! Aber wir haben uns generell gut benommen«, sagt der heute 77-jährige Graham Gouldman, der ohne Weiteres als 55-Jähriger durchgehen könnte.

Treue, alte Fans, aber auch neue, junge Entdecker der lebenden Legende können noch heute in den Genuss kommen, nicht nur »I’m Not in Love« live zu hören, sondern auch die anderen überzeugenden Hits von 10cc, inklusive »Wall Street Shuffle«, »Dreadlock Holiday«, »Rubber Bullets« und »Donna«, einen Song, dem man einen Frank Zappa-Einfluss attestieren könnte.

10cc ist nicht nur unverkennbar, sondern auch eine der jüdischsten Rock-Bands der Welt: »Natürlich spielte dieser Aspekt eine Rolle, aber keine bewusste. Unsere Gene und unser jüdisches Erbe beeinflussten uns offensichtlich, als wir die Songs schrieben. Einige der großartigsten Lieder und Musikstücke, die jemals gemacht wurden, sind dem jüdischen Geist entsprungen. Dies ist einfach eine Tatsache.«

»No Milk Today«

Die meisten Fans wissen wenig über die Herkunft von Graham Gouldman und seinen früheren, jüdischen Kollegen. Ihm selbst ist das Judentum allerdings wichtig: »Gerade gestern war ich in der Synagoge, der mein Sohn beigetreten ist, weil ich mit ihm zusammen sein wollte.«

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»Ich bin sehr stolz auf mein Jüdischsein«, sagt der Rockstar und Komponist, der bereits lange vor 10cc – in den 60er-Jahren – Hits wie »No Milk Today« oder »Bus Stop« für andere Gruppen schrieb. »Für mich ist es eine ethnische Zugehörigkeit, denn religiös bin ich weniger. Wenn ich Zeit habe, gehe ich dennoch mit einem Freund zu einer Lerngruppe, in der das Judentum und die Tora studiert werden. All dies interessiert mich sehr.«

Gerne denkt Gouldman an die alten Zeiten im heimischen Manchester zurück. »Es ist eine Universitätsstadt. Daher gab es viele Orte, an denen wir spielen konnten. Vor 10cc waren es Bands wie The High Spots, The Planets und The Whirlwinds, mit denen Graham Gouldman spielte - aus Überzeugung. «Wir spielten, weil wir es liebten. Ich erinnere mich nicht daran, jemals Geld damit verdient zu haben.»

Mit Ringo Starr in Israel

Später, mit 10cc, gestaltete sich die Situation anders: «Wir vertrauten darauf, dass wir erfolgreich sein würden. Wir hatten unser eigenes Studio. Hinzu kommt: Wir waren vier Instrumentalisten, vier Sänger und vier Produzenten. Ich muss sagen, dass wir uns unserer Sache sehr sicher waren. Aber nichts bereitete uns für den Moment vor, an dem unser erster Hit herauskam.» Es handelte sich um «Donna».

Seit Jahrzehnten ist Graham Gouldman mit 10cc unterwegs. Um ihn herum wurde die gesamte Band mehrfach ausgewechselt, aber er blieb. Nach Israel schafften es 10cc nie, aber Gouldman durchaus: «Mit Ringo Starr’s Allstar Band war ich dort. Zwei Nächte spielten wir in Tel Aviv. Einige von uns nutzen die Gelegenheit für Besichtigungen, auch in Jerusalem.»

Zur Terrorattacke der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 sagt Graham Gouldman: «Ich war entsetzt, als ich von dem Angriff hörte, und bin seither zutiefst beunruhigt.»

Ursprüngliche Motivation

Mit 77 ist Graham Gouldman nur unwesentlich jünger als Kollegen, die ebenfalls seit den 60er-Jahren aktiv sind, inklusive der Rolling Stones oder dem ebenfalls jüdischen Manfred Mann. Vom Reisen hat der 10cc-Co-Gründer auch deshalb langsam die Nase voll: «Es ist ein Mittel zum Zweck, nicht wahr? Der einfachste Teil des Tourens ist das Spielen. Das Reisen ist der schwierige Teil. Ich bin nicht so gerne von zu Hause weg.»

Er reist dennoch. Andauernd muss er in Flughafen-Lounges und Hotel-Lobbys ausharren. Die Transfers in Kleinbussen sind ebenso nervig. Aber die Konzerte sind eben wichtig. «Wir nehmen unsere Musik sehr ernst», sagt Graham Gouldman.

Seine ursprüngliche Motivation als aufstrebender Musiker in den 60er-Jahren: Er wollte Teil der Beatles sein. Viel später kam er diesem Wunsch durch seine Kooperation mit Ringo Starr am nächsten - in Israel und an anderen Orten dieser Welt.

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