Yuval Noah Harari

Gott, das bin ja ich!

Sieben Jahre lang schrieb der amerikanische Musikwissenschaftler und Informatiker David Cope an einem Computerprogramm, das schließlich 5000 Choräle im Stil von Johann Sebastian Bach komponierte – an einem einzigen Tag. In einem Konzertsaal in Oregon spielten professionelle Pianisten die Stücke vor Klassikliebhabern im Wechsel mit Originalkompositionen. Anschließend sollte das Publikum die Aufführungen richtig zuordnen.

In seinem neuen, mit großer Spannung erwarteten Buch Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen erzählt der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari, was dabei herauskam: Die Zuhörer – so sehr sie sich danach sehnten, die seelenlose Rechenroutine der elektronischen Maschine von der Großartigkeit menschlicher Geistes‐ und Empfindungsgabe zu unterscheiden – zeigten sich dazu außerstande. Was vom Computer komponiert war, berührte sie im tiefsten Inneren. Manche Leistung des Komponisten hielten sie für pures Elektronikwerk.

superwesen Der Computer wird den Menschen ersetzen, prophezeit Yuval Noah Harari, und zwar ganz und gar. Schachspieler mussten sich schon längst hoch funktionalen und intelligenten Schachcomputern geschlagen geben. Setzer sind Satzcomputern gewichen. Doch schon in naher Zukunft wird es auch Versicherungsvertreter erwischen und Lkw‐Fahrer, Verkäuferinnen und Schiedsrichter, Journalistinnen, Küchenchefs und Bauarbeiter, so Hararis These. Selbst die Arbeit von Managern und Juristen wird sich durch Algorithmen bestens ersetzen lassen, wie auch die Jobs in der Computerbranche selbst. Wer sollte besser programmieren können als der superintelligente Computer von morgen?

Gleichzeitig wird es der Demokratie an den Kragen gehen, glaubt Harari: Wozu brauchen wir noch Wahlen, wenn Facebook ohnehin weiß, wie wir entscheiden werden? Zu den neuen Göttern und privilegierten Superwesen werden die Besitzer der intelligenten Computer werden, die sich mit ihrem Geld zugleich auch die zukünftige individualisierte Hightech‐Medizin leisten können. Und der Rest der Menschheit? Er wird vor die Spielkonsole gesetzt und mit Medikamenten ruhiggestellt.

Harari, dessen jungenhafte Ausstrahlung im krassen Gegensatz zu seinen wuchtigen Weltentwürfen steht, lehrt an der Hebräischen Universität Jerusalem. Als Universalhistoriker blickt er aus schwindelnder Höhe auf die Globalgeschichte der Menschheit hinab, und wenn die Sehnsüchte und Belange des Einzelnen darin nur eine verschwindend geringe Rolle spielen, liegt das nicht an ihm. 2013 erschien sein Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit über die Entwicklung des Homo sapiens von der Frühzeit bis in die Gegenwart, das sich drei Jahre auf der israelischen Bestsellerliste hielt und in 38 Sprachen übersetzt wurde.

Kreationen Darin erklärte der Historiker, wie es unserer Spezies gelang, die Höhle hinter sich zu lassen und die Welt zu erobern. Denn noch vor 100.000 Jahren war der Homo sapiens ein unbedeutendes Tier, das unauffällig in einem abgelegenen Winkel des afrikanischen Kontinents lebte. Unsere Vorfahren teilten sich den Planeten mit mindestens fünf weiteren menschlichen Spezies, und die Rolle, die sie im Ökosystem spielten, war nicht größer als die von Gorillas, Libellen oder Quallen.

Nun schreibt der Autor die Menschheitsgeschichte in mögliche Zukunftsszenarien weiter. Die neue Macht der Computer ist für ihn nur ein folgerichtiges nächstes Kapitel in der Entwicklung des »Homo Deus«, des selbst ermächtigten Menschen, der sich nun von seinen eigenen Kreationen überrollt sieht.

Denn der alte Gott, der für fruchtbare Felder, reichlich Kinder und ein gesegnetes Alter sorgen sollte, hat ausgedient, sagt Harari. »O Herr, mögest du Regen bringen, unserem Geschlecht Nachwuchs schenken und uns schützen bis ins hohe Alter« – das sind die Gebete von gestern, schreibt Harari. Der Mensch erledigt das längst im Alleingang und hat die Geborgenheit religiösen Sinns gegen Technik und wissenschaftliche Erkenntnis eingetauscht. Hararis Hauptthese: »Die Geschichte begann, als die Menschen Götter erfanden, und wird enden, wenn die Menschen zu Göttern werden.«

fortschritte Wer kümmert sich heute um die Bewässerung der Felder? Wer pflanzt kinderlosen Frauen eine Leibesfrucht in den Bauch? Wer hat die Lebenserwartung so weit steigen lassen, dass Menschen problemlos 90 Jahre alt werden können? Im Gegensatz zu den Unkenrufen über den miserablen Zustand der Erde mache sich der Mensch als Gott gar nicht schlecht, meint Harari. Sicher sei in manchen Landstrichen die Kindersterblichkeit noch immer schändlich hoch, und jeder Krieg stürze Mitmenschen ins Unglück.

Dennoch steigen Lebenssicherheit und Lebensqualität stetig an, gewalttätige Konflikte und Krankheiten sind auf dem Rückzug. Selbst die Sinngebung nimmt Homo sapiens in die eigenen Hände, indem er mit dem Humanismus eine neue Religion pflegt: Wo früher Gottes Gesetz Sinn stiftete und ein moralisches Reglement bot, tauscht der moderne Mensch sich so lange über seine Gefühle und Erfahrungen aus, bis alle verstehen und einverstanden sind.

Wie in einem Actionfilm springt Harari mit schnellen Schnitten zwischen Vogelperspektiven und beklemmenden Nahansichten hin und her. Das liest sich rasant, schnell und spannend, zumal der Autor die Exkursion in den Seitenaspekt liebt. Ob Kunst, Medizin, Makroökonomie, Kriegstechnik, Soziologie oder Paarpsychologie – Harari kennt sich in allem wunderbar aus und verleibt es seiner Argumentation ein. Dennoch ist es gerade die suggestive Wucht seiner Werke, die Zweifel hervorruft. Sind Menschen tatsächlich Datenströme ohne jeden freien Willen, wie der Autor behauptet?

datenströme Dagegen gibt es gewichtige Einwände, aus der Biologie, der Philosophie, der Wissenschaftstheorie und sogar aus der Geschichte – doch Yuval Noah Harari erwähnt sie nicht. Und weil ihm wenig einfällt zu der Frage, warum elektronische Datenströme den »Datenstrom Mensch« nicht ablösen sollten, schweigt er sich zu der Frage »Was können wir tun?« so weitgehend aus, dass Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen am Ende doch große Ratlosigkeit hinterlässt. Die aber ist vom Autor möglicherweise durchaus gewollt, führt sie doch zu der Frage: Können wir etwas tun?

Yuval Noah Harari: »Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen«. Übersetzt von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck, München 2017, 576 S., 24,95 €

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