Jubiläum

»Good Sex with Dr. Ruth« - Deutsches Exilarchiv feiert 75-jähriges Bestehen

Dr. Ruth Westheimer 2013 in ihrem New Yorker Büro Foto: picture alliance / STORY/picture alliance

Auf dem Titelblatt der US-Zeitschrift »People« vom 15. April 1985 prangt das sympathische Foto von Ruth Westheimer (1928-2024), darüber die Überschrift »Good Sex! with Dr. Ruth«. Die spätere Sexualtherapeutin wurde als Zehnjährige von ihren jüdischen Eltern 1939 aus Frankfurt am Main mit einem Kindertransport in die Schweiz geschickt und überlebte den Holocaust, anders als die Eltern.

1956 siedelte sie in die USA um und wurde zur berühmten Sex-Aufklärerin. Die Zeitschrift in der überarbeiteten Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 belegt den Erfolg der Exilantin. Am 5. Dezember feiert das einzigartige Archiv in Frankfurt am Main das 75-jährige Bestehen und die Wiedereröffnung der erweiterten Ausstellung »Exil. Erfahrung und Zeugnis«.

Die in der Deutschen Nationalbibliothek gesammelten Werke zeigten viele Facetten des Exils auf, erläutert die Leiterin Sylvia Asmus.

Briefe von Thomas Mann und Hannah Arendt, Manuskripte von Otto Klemperer, Postkarten von Else Lasker-Schüler - das Archiv vereint neben allen von deutschen Exilanten während der NS-Herrschaft im Ausland veröffentlichten Werken auch Archive und Nachlässe. Längst nicht alle konnten an ihre berufliche Laufbahn in Deutschland anknüpfen. Bambi, Kamel und Giraffe, in der Ausstellung gezeigte Stofftiere der Designerin Charlotte Bondy, brachten ihrer Schöpferin im Londoner Exil um 1940 beispielsweise keinen Erfolg.

Briefe von Thomas Mann und Hannah Arendt, Manuskripte von Otto Klemperer, Postkarten von Else Lasker-Schüler

Das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 ist nach den Worten von Asmus die einzige Stelle in Deutschland, die ausschließlich Literatur und Materialien von Emigranten aus NS-Deutschland sammelt, und das seit 75 Jahren. Emigranten im »Schutzverband deutscher Schriftsteller in der Schweiz« gaben 1948 gemeinsam mit der damals neu gegründeten Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main den Anstoß zu einer »Bibliothek der Emigrantenliteratur«. Im November 1949 rief der Schutzverband zu einer Sammlung von Werken auf. Am 2. Dezember wurde der Aufruf in der New Yorker Zeitschrift »Aufbau« veröffentlicht.

Die Bibliothek solle nicht nur »ein Hilfsmittel literarischer Forschung« sein, sondern auch »eine Kundgebung für die in Deutschland 1933-1945 verbannte, verbrannte und unterdrückte Literatur und deren geistige Nachfolge, ein Kampfmittel gegen das sich von neuem erfrechende Nazitum«, proklamierte der Verbandsvorstand. Das Interesse an Exilanten war in der Nachkriegszeit jedoch gering. 20 Jahre später änderte sich das: 1969 schrieb der Deutsche Bundestag die Sammlung des Archivs von Exilliteratur per Gesetz fest.

33.000 Monografien, 36.000 Zeitschriftenbände und 351 Nachlässe

Nach der Wiedervereinigung 1990 erfolgte nicht die räumliche, aber die organisatorische Zusammenführung der Bestände an Exilliteratur in Frankfurt und an der Deutschen Bücherei in Leipzig. Aktuell verfügt das Archiv über rund 33.000 Monografien, 36.000 Zeitschriftenbände und 351 Nachlässe. Fast alle Werke sind nach Angaben von Asmus inzwischen digitalisiert, die Zeitschriften seien auf dem Weg dahin.

Forscher können per Videoschaltung mit einer Dokumentenkamera die Originale auch aus der Ferne in Augenschein nehmen.

Inzwischen hält das Archiv auch Interviews mit Zeitzeugen fest. Kurt Salomon Maier (94) und Inge Auerbacher (89), beide aus dem badischen Kippenheim stammend, wurden in den USA mit 900 Fragen interviewt. Besucher der interaktiven Ausstellung »Frag nach« im Deutschen Exilarchiv oder per Internet (fragnach.org) können der Videopräsentation Fragen stellen, und die Interviewten antworten mittels einer künstlichen Intelligenz auf die jeweilige Frage.

Lesen Sie auch

Das Archiv spreche auch in die Gegenwart, hebt die Leiterin hervor. In ihm könne abgelesen werden: »Was bereitet den Boden für eine Entrechtung und wie beginnt Ausschluss?«. Das Archiv lehre, wie eine Gesellschaft aussehen müsse, in die sich Immigranten gut einbringen können: Dies gelinge mit Offenheit und Wertschätzung, mit Sprachkenntnis und Zugang zum Arbeitsmarkt. »Man lernt den Wert der Demokratie schätzen«, betont Asmus.

Daher verharrt das Archiv auch mit Veranstaltungen nicht in der Vergangenheit. So sprechen etwa Exilanten in Deutschland, wie der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu oder der türkische Journalist Can Dündar, über ihre Exilerfahrungen in der Gegenwart. Am 5. Dezember feiert das Archiv in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt sein Jubiläum. Als Gastredner ist unter anderen der Schriftsteller und Psychologe Frido Mann, ein Enkel Thomas Manns, eingeladen. Asmus ist überzeugt: Das Deutsche Exilarchiv diene im besten Fall dazu, die eigene Verantwortung für die Gesellschaft zu erkennen.

Köln/Murwillumbah

Der neue Dschungel-Cast: Genialer Coup oder totaler Flop?

Gil Ofarim und Co.: Das neue Dschungelcamp-Ensemble sorgt für geteilte Meinungen. Während die einen den Cast lieben, gibt es auch auffällig viele Debatten darüber. Lohnt sich das Einschalten diesmal?

von Jonas-Erik Schmidt  22.01.2026 Aktualisiert

Hollywood

Goldie Hawn lüftet das Geheimnis einer langen Beziehung

»Er ist mein Sexobjekt«: Die jüdische Schauspielerin spricht offen über Leidenschaft, Patchwork-Glück und warum Freiheit ihre Beziehung zu Kurt Russell so besonders macht

 22.01.2026

TV-Tipp

Doku über Margot Friedländer am Holocaust-Gedenktag - Gegen das Vergessen

Nicht nur für sechs Millionen Juden, sondern für alle unschuldig Ermordeten des Nazi-Regimes wollte Margot Friedländer immer als Überlebende des Holocaust sprechen - zum Beispiel in diesem bewegenden Dokumentarfilm

von Jan Lehr  22.01.2026

Kulturkolumne

Meditieren mit Guru oder mit der Techniker Krankenkasse?

Auf der Suche nach einem glücklichen Leben ohne Stress: Mein langer Weg zur Achtsamkeit

von Ayala Goldmann  22.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  22.01.2026

Award

»Auch wenn es dunkel ist« ist Hörspiel des Jahres 2025

Das Hörspiel »Auch wenn es dunkel ist. Berichte vom 7. Oktober« gibt Opfern des Überfalls der Hamas auf Israel 2023 eine Stimme. Das Dokumentarstück interpretiere nicht und klage nicht an, lobte die Jury

 22.01.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  22.01.2026

Kino

Gedenken oder knutschen?

Der Coming-of-Age-Film »Delegation« nimmt Reisen israelischer Jugendlicher in ehemalige deutsche KZs in Polen unter die Lupe

von Ayala Goldmann  22.01.2026

Medien

Sophie von der Tann für Grimme-Preis nominiert

Die umstrittene ARD-Journalistin Sophie von der Tann führt die Liste der Nominierungen für den Grimme-Preis an. In allen Kategorien dominieren die Öffentlich-Rechtlichen. Zugleich gibt es Kritik an zahlreichen Leerstellen

von Jana Ballweber  22.01.2026