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Godot lässt grüßen

Dass zwischen Schein und Sein manchmal ein tiefer Abgrund klafft, davon wissen nicht nur Nutzer von Partnerbörsen ein Lied zu singen. Auch bei Verlagsvorschauen wird oft mehr versprochen als in Wirklichkeit gehalten. Seit vorigem Sommer kündigt der Suhrkamp Verlag »ein einzigartiges zeithistorisches Dokument« an, »eine Auseinandersetzung über entscheidende Fragen jüdischer Geschichte und jüdisches Selbstverständnis nach der Shoah, geführt von zwei der bedeutendsten Denker deutsch-jüdischer Herkunft im 20. Jahrhundert«. Die Rede ist vom Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Gershom Scholem. Erst sollte er im Herbst 2009 erscheinen, dann im Winter. Doch das Buch, es kommt nicht. Zuletzt hieß es, der 600 Seiten starke Band werde am 6. Februar veröffentlicht. Wurde er nicht. Aktuell wird man auf den 21. Juni vertröstet.

Na wenn schon, mag mancher einwenden. Ein Buch erscheint, ein anderes nicht. Die Welt hat wichtigere Probleme. Und, mal ehrlich: Wer außerhalb des Feuilletons und abgesehen von ein paar Spezialisten interessiert sich überhaupt für Arendt oder gar für Scholem?

Und dennoch ist da etwas Merkwürdiges. Die Herausgeberin des Briefwechsels, Marie Louise Knott, veröffentlichte am 2. Januar einen zweiseitigen, mit hübschen Fotos aufgemachten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen über Arendt, Scholem sowie Walter Benjamin und Teile seines familiären Umfeldes. Darüber hinaus kündigte sie das baldige Erscheinen des Bandes an. Es wäre unfair, von dem en gros und en détail von Halbheiten und unglück-lichen Metaphern strotzenden Artikel bereits auf die Qualität der Kommentierung zu schließen. Und noch spekulativer wäre es, wenn man die Verzögerung auf etwaige Probleme in der Materialbeherrschung zurückführen wollte.

Denn wer die Briefe einmal in der Hand hatte, der weiß, was die Herausgeberin alles leisten muss. Sie wird tief hinabtauchen müssen in Scholems komplizierte Stellung zum Zionismus, seine in allen erdenklichen Sprachen gemachten Bemerkungen in den Handexemplaren hinzuziehen müssen, seine Stellung zur arabischen Frage zu bedenken haben, um überhaupt seine Reaktionen plausibel erläutern zu können. Und damit ist nur ein winziger Teil der Editorenverantwortung gegenüber Scholem beschrieben. Das Gleiche gilt auch für Arendt, mit anderen Vorzeichen. Das wäre aber nur der erste Teil der herkulischen Arbeit. Denn es geht in dem Briefwechsel selten nur um akademischen Schnickschnack, sondern um die Zukunft Israels, den Eichmann-Prozess, das Werk Benjamins und die Rettung des Erbes des deutschen Judentums.

Vielleicht ist es ja auch ein gutes Zeichen, dass die Veröffentlichung so lange braucht. Vielleicht müssen wir einfach warten, damit alles gut wird. »So viel Gutes kann man innerhalb einer so kurzen Zeitspanne ja überhaupt nicht verdauen«, schrieb Scholem an Arendt 1958. Uns würde es völlig reichen, wenn das Buch endlich auf dem Tisch läge.

Leipzig

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