Tagung

Gibt es jüdische Architektur?

Blick auf das 1928 erbaute Deutschlandhaus am Gänsemarkt in Hamburg, das 2019 abgerissen werden soll. Foto: dpa

Kaum jemand in Deutschland oder in Israel kennt heute noch den Namen Wilhelm Haller, der Ende des 19. Jahrhunderts in Polen geboren wurde und 1956 in Tel Aviv starb. Dabei war der Mann, der sich nach seiner Migration nach Palästina in Ze’ev Haller umbenannte, einer der prägendsten deutsch‐jüdischen Architekten seiner Zeit. Vor allem aber lässt sich anhand von Hallers Werk exemplarisch das Konzept von jüdischer Architektur diskutieren. In Hamburg versammelten sich nun Wissenschaftler aus der ganzen Welt, um sich mit genau diesem Thema in einem dreitägigen Symposium auseinanderzusetzen.

Die Beschäftigung mit Wilhelm Haller war es auch, die Ulrich Knufinke ursprünglich dazu veranlasste, sich mit der Frage nach jüdischer Identität in der Architektur zu beschäftigen. In seinem Eröffnungsvortrag erklärte Knufinke den Ansatz des 4. Kongresses unter dem Motto »Jewish Architects – Jewish Architecture?«. Man wolle gemeinsam durch eine nachvollziehbare epochenübergreifende Herangehensweise den Begriff der jüdischen Architektur neu etablieren und modernisieren. Es sei das erste Mal, so Knufinke, dass das Konzept auch in einem internationalen Kontext betrachtet wird.

GESCHICHTE »Jüdische Architektur gibt es nicht als essenzielle Kategorie, also aus sich selbst heraus jüdische Baukunst«, sagte Knufinke. Deshalb habe man den Titel der Veranstaltung auch mit einem Fragezeichen versehen. »Es gibt aber immer wieder jüdische Architekturen, also Bauformen mit einer bestimmten Zugehörigkeit oder die in einer bestimmten Tradition stehen.« Interessant fand Knufinke nicht nur die Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Forscherkreisen und deren reges Interesse an Diskussion und Austausch, sondern auch, dass einmal mehr die Frage der Definitionshoheit erörtert wurde.

Bis zum 19. Jahrhundert war es Juden nicht erlaubt, offiziell im Baugewerbe zu arbeiten.

»Im Hinblick auf jüdische Architekten ist es ja so, dass sie sich entweder selbst so definieren oder eben dazu gemacht wurden von der Mehrheitsgesellschaft oder auch antisemitischen Kreisen. Es spielt also eine Rolle, ob man das selbst möchte oder nicht«, so Knufinke. Diese Thematik noch einmal dezidiert herauszuarbeiten, sei ein wichtiger Teil des Symposiums gewesen, resümierte er.

Das Symposium gab dem Ursprung eines jüdischen Architekturbegriffs ausreichenden Raum, indem sich das erste Panel mit der älteren Geschichte beschäftigte. Historiker und Architekten aus Deutschland und den USA verdeutlichten noch einmal, wie unklar der Beruf des Architekten lange definiert war, und versuchten, den Spuren erster jüdischer Baumeister zu folgen. Denn bis zum 19. Jahrhundert war es Juden nicht erlaubt, offiziell im Baugewerbe zu arbeiten. In den Jahren danach entwickelte sich ein rasanter Aufstieg in das Berufsfeld, vor 1933 gab es in Deutschland bereits etwa 450 jüdische Architekten.

PRÄGUNG Der Grundsatz des Symposiums war es, exemplarische Biografien als Diskussionsvorlage zu nutzen. Lange galt zum Beispiel Albrecht Rosengarten als ein Pionier der jüdischen Architektur in Deutschland. Er zeichnete unter anderem für den Bau der bekannten Synagoge in Kassel verantwortlich. Doch schon vor ihm hatte es Salomon Sachs geschafft, zum Oberhofbaumeister aufzusteigen. Eine herausragende Position für einen jüdischen Beamten in Preußen. Doch Sachs durfte nur Bauaufträge beaufsichtigen, und so ist er vielen nicht als Architekt im Bewusstsein.

Die Spuren führen aber in Europa noch viel weiter zurück. Schon im Mittelalter lassen sich einzelne jüdische Baumeister nachweisen, zum Beispiel an einer Synagoge in Süditalien aus dem zwölften Jahrhundert. Oft sind sie in den Aufzeichnungen dann aber schwer wiederzufinden. Auch in Deutschland haben die Forscher immer wieder Hinweise auf jüdische Architekten aufspüren können. Im »Nürnberger Memorbuch« oder den Frankfurter »Baubüchern« tauchen jüdische Namen im Zusammenhang mit Bauprojekten auf. Offiziell machten sich die jüdischen Architekten erst ab dem 19. Jahrhundert einen Namen und begannen auch, einen eigenen Stil zu prägen, wie beispielsweise der Pfälzer Ludwig Levy.

Auf dem Kongress sollte besonders der internationale Brückenschlag einer jüdischen Identität beleuchtet werden. So entstand zum Beispiel parallel zu Levys Laufbahn auch in den USA eine erste eigene Generation jüdischer Architekten. Auch hier steht ein Name exemplarisch sowohl für die Prägung einer eigenen architektonischen Identität als auch für die Schwierigkeit, sich außerhalb der eigenen Gemeinschaft zu etablieren. Arnold Brunner galt als »der Architekt der New Yorker jüdischen Gemeinde«, berichtete Samuel Gruber von der Syracuse University. Das Besondere an Brunner sei gewesen, dass er sich eben nicht auf Tempel und Synagogen beschränkte, sondern auch andere Gemeinschaftsgebäude entwarf. Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude und ein Stadion in New York gehören zu seinem vielfältigen Erbe.

PRIVATLEUTE Und dennoch, obwohl Brunner als äußerst »clubable«, also in den Klubs der High Society als gesellschaftsfähig galt, schaffte er es kaum, Aufträge außerhalb der jüdischen Community zu bekommen. Es sollte noch Jahrzehnte bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern, so Gruber, bis auch Privatleute und Unternehmen unter nichtjüdischer Führung in Erwägung zogen, einen jüdischen Architekten für ihre Bauvorhaben zu engagieren.

Der Hamburger Kongress versuchte, ein weites Panorama jüdischen Architektendaseins zu zeigen, und beschäftigte sich dabei zum Beispiel ausführlich mit der Rolle jüdischer Frauen in der Architektur. Denn als in der Weimarer Republik erstmals auch Studentinnen zugelassen wurden, waren unter der Minderheit der Architekturstudentinnen anteilig erstaunlich viele Jüdinnen. Auch hier folgte der Kongress dem Prinzip, exemplarische Biografien zu nutzen, um darüber hinausgehende Erfahrungen zu beleuchten. So wurden den der Öffentlichkeit kaum bekannten Architektinnen Judith Stolzer‐Segall und Phyllis Lambert jeweils eigene Vorträge gewidmet. Immer wieder setzten sich die vorgestellten Architekten mit der jüdischen Identität ihrer Arbeit auseinander. Vielfach lässt sich die Korrespondenz von Werken jüdischer Architekten auch weltumspannend belegen.

In der Weimarer Republik waren erstaunlich viele jüdische Frauen unter den Architekturstudenten.

Begleitend zum Symposium gab es eine interessante fotografische Wiederentdeckung: In der Handelskammer wurden 125 Fotos des Hamburger Architekten Fritz Block ausgestellt. Block hatte gemeinsam mit Ernst Hochfeld das Deutschlandhaus geplant und gilt als engagierter Fotograf der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens. Mit seiner Emigration in die USA verschwand auch seine Fotografie aus dem Sichtfeld. Nun sind seine Bilder erstmals wieder in Deutschland zu sehen.

Der Kongress solle schließlich auch dazu dienen, wünschte sich Ulrich Knufinke, aktuelle kulturelle Debatten, die die Architektur berühren, mit einzubeziehen. Dabei gehe es um kulturelle Identität und die Repräsentation von Minderheiten. Er erhoffte sich, dass sich aus dem Symposium neue Ideen für Wissenschaftsprojekte ergeben, die sich an modernisierte Bedürfnisse anpassen.

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