Hyperrealismus

Gemälde wie Fotos

Unlängst ergriff Yigal Ozeri ein Tier. Das Chamäleon nannte der Maler aus Tel Aviv, der seit 1991 in New York lebt, seine Ausstellung im Herzen von Wien und erklärte freimütig: »Das Chamäleon bin ich.« Das sei eine treffende Charakterisierung, da er ja öfter in eine neue Rolle schlüpfe. Seine Motive veränderten sich seit der Jahrtausendwende radikal.

Dabei offenbarten die frühen Arbeiten bemerkenswerte malerische Reife, kompositorische und stilistische Sicherheit. Ozeri, 1958 geboren, war um die 40 Jahre alt und entwarf starke Stillleben, die er wie Landschaften konzipieren konnte: Bei Tischporträts konnte die Tischplatte zum Horizont werden. Ozeri, der neue Giorgio Morandi?

charme Ein Krug, eine Keksschale, ein leeres Trinkglas konnten einziger Bildgegenstand sein. Sie alle wirkten verloren im unbestimmten, menschenleeren Raum. Ihren Schöpfer stellte man sich introvertiert vor. Wenn man ihm dann begegnete, überraschten sein Charme sowie seine höfliche und souveräne Art im Umgang mit Medien wie Publikum.

Inzwischen hat Ozeri sein Repertoire fundamental umgekrempelt. Süßlich arrangierte Mädchen blicken dem Betrachter entgegen. Sie sehen aus, als ließen sie ihre blanken Brüste im Blätterwald knospen oder einen Haarfön auf ihre Mähne ansetzen, sodass sie fliegt, wie von einem kräftigen Windstoß verweht.

Die Damen könnten auch – je nach Verhüllungsgrad – für Deo, Slipeinlagen oder Margarine werben. Das Chamäleon lässt grüßen. Weit weg ist sein Werk, als sich Ozeri am spanischen Stilllebengott Zurbarán orientierte, in der Motivwelt des Memento mori zu Hause war oder den Tod des französischen Großmeisters der beredten Linie – Ingres – in Bleistift auf Papier brachte.

Seine erste Einzelausstellung in Europa richtete ihm 1989 die junge Wiesbadener Galerie Hafemann ein. »Frankfurt hatte als Partnerstadt von Tel Aviv zum Kunstaustausch eingeladen«, erinnert sich Gottfried Hafemann. »Anlässlich seines Aufenthaltes im Frühjahr 1989 in Frankfurt tauchte Ozeri in der Galerie auf, und wir verabredeten eine Ausstellung noch für dasselbe Jahr.« Was seine Kunst und Herangehensweise auszeichnet, sieht Hafemann, der Ozeri bis 2006 insgesamt sieben Solo-Auftritte widmete, gut heraus- gearbeitet im aktuellen Filmporträt von Vincent Zambrano: »Der Film Yigal Ozeri – The Chameleon beschreibt ihn als einen sich ständig Wandelnden.«

haargenau Doch mittlerweile hat Hafemann die Zusammenarbeit beendet: »Seit er in fotorealistischer Manier junge Mädels haargenau konterfeit, ist sein Erfolg unübersehbar, aber von meinem Kunstverständnis hat er sich zu sehr entfernt.« Ozeri malt nymphenhafte Damen – die das Männerherz umso mehr erweichen dürften, je betagter es ist – nach eigenen Fotos in Öl. Die Ergebnisse tragen Titel wie Olya im Wald und Zuzanna im Central Park. Cristal, eine farbige junge Frau, inszeniert er »wie eine Löwin«.

Gegenlichteffekte verschärfen die Irritation. Ozeris Anforderungen an die bildkalendertauglichen Modelle sind derweil nicht unüberwindlich. Michael Kaufmann von der Wiener Galerie Hilger, die ihn in Österreich vertritt, macht es kurz: Ozeri müsse bloß »von der Schönheit und dem Ausdruck« seiner Modelle »fasziniert« sein.

Die Freundschaft mit Hafemann hat Ozeris spezielles Frauenbild nicht beschädigt. »Wir lieben uns«, sagen sowohl Ozeri als auch der Galerist. Der Sprung ins Hyperrealistische jedenfalls machte Ozeri glücklich. »Ich begann abstrakt, malte semifigürlich und Landschaften«, sagt er. Bis er sich eines Tages gefragt hat: »Wie kann ich mich Künstler nennen, wenn ich keine Porträts male?« Fortan übte er das realistische Abbild: »Meine Technik entwickelte sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch.«

Sein Sujet »Frauen in den Natur« sieht er in der Tradition der Präraffaeliten. Mit der fotorealistischen Methode bedient er ohne Umschweife Ur-Sehnsüchte: »Meine Arbeit beschäftigt sich mit Intimität.«

Politik Eine Form auch von Eskapismus angesichts der Auswüchse der Trump-Regierung? In New York mache sich Mutlosigkeit breit, so Ozeri: Schließlich lebt die Stadt von der Unterschiedlichkeit seiner Bewohner.

»Ich bin einer der vielen, die traurig und tief beschämt angesichts der gegenwärtigen Situation sind«, bekennt der Künstler. »Alles wird schwieriger in den USA, nicht nur für Juden. Doch ich glaube fest, dass wir diese Administration bekämpfen können mit kollektivem Be- wusstsein – und der Kunst.«

Rheinland-Pfalz

SchUM-Kulturtage Speyer präsentieren jüdisches Leben

Ob ein Kochkurs mit dem Landesrabbiner oder jiddische Lieder mit dem Oberkantor: Die SchUM-Kulturtage laden ab Oktober mehr als einen Monat lang dazu ein, die jüdische Kultur kennenzulernen

 14.09.2026

Aufgegabelt

Datteln auf Mohnsamen-Toffee

Rezepte und Leckeres

 14.09.2026

Nachruf

Sie lehrte Israel das Träumen

Ada Yonath, Nobelpreisträgerin für Chemie, wurde durch ihre Forschung zum Ribosom berühmt

von Sabine Brandes  14.09.2026

Berliner Leuchtturmprojekt

Musikalische Stolpersteine jetzt in fünf Bundesländern

Mehrere Tausend in Gehwegen eingelassene »Stolpersteine« halten europaweit die Erinnerung an Verfolgte des Naziregimes wach. Jetzt gibt es auch »Stolperstein«-Podcasts

 14.09.2026

Pink

»Ich wurde als Jüdin geboren«

Die amerikanische Sängerin reagiert auf Hass-Kommentare zu einem Repost

von Katrin Richter  14.09.2026

Fritz Busch

»Verräter raus!«

Vor 75 Jahren starb der Dirigent. 1933 vertrieben ihn die Nazis vom Pult der Sächsischen Staatskapelle

von Claudia Irle-Utsch  14.09.2026

Jubiläum

Filme für das Land der Täter: 80 Jahre CCC Filmkunst

1946 gründet der Holocaustüberlebende Artur Brauner die »CCC Filmkunst«. Sie wird zur erfolgreichsten unabhängigen Produktionsfirma im Nachkriegs-Europa, liefert Kassenschlager - und thematisiert immer wieder die Schrecken der NS-Zeit

von Gerhard Midding  14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  14.09.2026

Streaming-Hit

»Nobody Wants This«: Staffel drei startet im Oktober

Diesmal ist auch die Comedienne und Schauspielerin Sarah Silverman beteiligt. Sie verkörpert Rabbinerin Eden

 14.09.2026