Film

»Geld ist eine Hure«

Mr. Stone, Ihr Name ging im Sommer durch die Medien, weil Sie sich über »jüdisch dominierte Medien« geäußert hatten. Sind Sie da richtig zitiert worden?
Dafür habe ich mich schon entschuldigt. Es war eine missverständliche Äußerung, die mir in ihrer Verkürzung leidtut. Aber es ist natürlich Unsinn, mir Antisemitismus zu unterstellen. Schließlich habe ich selbst jüdische Wurzeln.

Sie sprechen von Ihrem Vater, der Börsenhändler an der Wall Street war. Was haben Sie von ihm für Ihren Film gelernt?
Eine Menge. Mein Vater arbeitete 50 Jahre an der Wall Street. Er hat mich einmal gefragt: »Warum macht keiner mal einen guten Film über Wirtschaft?« Ich glaube, diese Frage hat mich zu dem ersten »Wall Street«-Film motiviert. In gewissem Sinn war die Wirtschaft zur Zeit meines Vaters eine wunderbare Welt. In den 50ern und 60ern habe ich ein bisschen davon mitbekommen: Es gab damals eine Ehrlichkeit und eine Integrität und einen Glauben an den Kapitalismus, die ich an meinem Vater sehr gemocht habe. Er hat es ganz ernst gemeint, wenn er sagte: Kapitalismus kann funktionieren – wenn er mit ein bisschen Regulierung und einer gewissen Bescheidenheit einhergeht. Er hat mir auch ein paar Grundsätze beigebracht, von denen ich bis heute überzeugt bin: Kein Profit ohne Produktion. Solche Ideen sind in den ersten Film eingeflossen.

Gordon Gekko, der Held von »Wall Street«, hat nichts von Ihrem Vater?
Nichts! Gekko ist geradezu die Antithese zu meinem Vater. Er ist ein unmoralischer Bastard. Er ist brillant in dem, was er tut. Er ist ungemein erfolgreich. Schauen Sie nur die Ausgangslage im zweiten Film an: Gekko kommt aus dem Gefängnis, er hat seine Macht und seinen Einfluss verloren, er hat ein Buch geschrieben, in dem er klug alle Schattenseiten des aktuellen Wirtschaftssystems analysiert, und er schafft es gleichzeitig, trotzdem wieder einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Warum fasziniert ein Bastard wie Gordon Gekko uns so sehr?
Die Leute lieben Sieger. Mich selbst fasziniert er nicht besonders. Ich habe in der Wirklichkeit viele Typen wie Gekko getroffen. Die meisten von ihnen sind völlig amoralisch. Wenn Sie so viel Geld machen wollen, müssen Sie 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche an nichts anderes denken als an Geld. Weil Sie davon besessen sind. Weil sSie gewinnen wollen. Gewinnen, gewinnen, gewinnen. Das ist kein Spiel für Amateure. Leute wie Gekko haben Sex mit Geld. Geld ist eine Hure, die niemals schläft. Man darf selbst auch nicht schlafen. Sonst ist sie am Morgen weg

»Wall Street 2« läuft zwei Jahre nach dem Crash von 2008 in den Kinos an. Kommt der Film nicht zu spät?
Nein, denn »Wall Street 2« ist kein Film über die Finanzkrise. Es ist ein Film über sechs Leute in dieser Finanzwelt. Banken sind gesichtslos und anonym – schon ihrer Definition nach. In »Wall Street 2« gebe ich ihnen mit George Brolin und Eli Wallach ein Gesicht. Ich bin Dramatiker und glaube an Menschen. Sie geben dem Anonymen ein Gefühl. Ich habe deshalb in dem Film einen ganzen Aspekt völlig weggelassen: die Derivate. Der Derivatemarkt ist viel größer als der Aktienmarkt. Er hat eine Zerstörungskraft, die größer ist als die der Neutronenbombe – und keiner weiß genau, wie er funktioniert. Wie wollen Sie Derivate erklären? Das gehört in einen Dokumentarfilm.

Haben wir eigentlich genug aus der letzten Finanzkrise gelernt?
Hmm … Gute Frage. Ich denke, vielleicht hätten wir die Banken untergehen lassen sollen. Zur Hölle mit ihnen! Es wären sehr interessante Zeiten geworden. Diese ganzen Leute, die so gern deregulieren wollen, die sollten bitte schön nach ihren eigenen Regeln leben und behandelt werden. Der Markt hat über sie sein Urteil gesprochen. Wer mit dem Schwert lebt und herrscht, soll auch durch das Schwert umkommen. Der Wiener Ökonom Schumpeter hat vom Kapitalismus als einem System »schöpferischer Zerstörung« gesprochen. Es wäre ein großes Chaos geworden für zwei, drei Jahre, aber heute wären wir in einer besseren Position.
Es hieß damals, ein Untergang der Großbanken würde die gesamte Wirtschaft mit sich reißen: »Too big to fail« – zu groß, um zu scheitern.
»Too big to fail« – das ist ein ganz bescheuerter Ausdruck. Es ist auch eine falsche Denkweise, die ich von anderen Bereichen her kenne. Mit dem Motto »Too big to fail« verteidigt man auch immer wieder große Militäroperationen, obwohl sie längst gescheitert sind: Vietnam, Irak, heute Afghanistan. »Too big to fail« heißt eigentlich nur: Es ist schon gescheitert. Es ist ein Codewort für Desaster.

Glauben Sie, dass das Finanzsystem in der Lage ist, seine langfristigen Probleme zu lösen?
Ich glaube, dass unser jetziges Vorgehen nichts Gutes bewirkt. Die Banken sind krank, und sie tun nichts für Arbeitsplätze, für die Wirtschaft, sie kosten nur Steuergeld. Die Leute müssen einen Bruch spüren. In meinem Film geht es um Vertrauen. Wir misstrauen heute den Banken. Die Menschen fragen sich: Wozu ist eine Bank gut? Sie leiht mir kein Geld, wenn ich es brauche, und sonst nimmt sie viel Geld von mir. Vielleicht ist eine gewisse Destabilisierung eine gute Sache. Weil dann alle etwas lernen. Rüttelt alle mal am System! Was erreichen wir auf die sanfte Tour? Das Einzige, was Leute bewegt, ist Angst. Schauen Sie auf die Klimakonferenzen: Erst, wenn die Leute wirklich Angst bekommen, wenn sie begreifen, dass es so nicht weitergeht, ändern sie etwas. Die Regierung in den USA tut überhaupt nichts.

Dabei war Obama bei seiner Wahl ein Hoffnungsträger. Sie haben schon drei US‐Präsidenten porträtiert – Kennedy, Nixon, George W. Bush. Wäre Obama für sie auch eine interessante Filmfigur?
Weniger. Mich interessieren Dramen, nicht Nachrichten. Die Geschichte von Obama hat bisher noch keine Form. Ihm fehlt Charisma. Er hat nicht diesen Clinton‐Touch, diese instinktive echte Nähe zu den Menschen. Barack Obama hat das Aussehen, er hat das Hirn, er kann gut reden. Aber hat er das Herz?

Hatte sein Vorgänger George W. Bush, den Sie in dem Film »W« porträtiert haben, Herz?
(Lacht) George W. Bush ist ein deformierter Charakter, aber ganz bestimmt faszinierend, weil er so viel Erfolg hatte. Er hat verwirklicht, was er wollte: Er brach alle Verträge, er zerstörte die UN, er brach den Willen der Europäer – es ist nicht zu glauben, dass der Typ mit alldem, was er verbrochen hatte, so einfach davongekommen ist. Nur weil er so ignorant ist. Wenn man dumm genug ist, wenn man keine Zweifel hat, kann man alle anderen kaputt machen. Nixon hatte zu viele Zweifel, war zu sensibel, deshalb hat er sich selbst kaputt gemacht. Dummheit funktioniert.

Was steht bei Ihnen als nächstes Projekt an?
Sie müssen sich nächstes Jahr meine Dokumentation »The Untold History of the United States« angucken. Die ist fürs Fernsehen entstanden, in zwölf Teilen. Sie erzählt, wie Amerika ein Empire wurde, von 1900 bis 2002. Das hat noch keiner gemacht. Ein sehr ehrgeiziges Projekt. Ich habe drei Jahre daran gearbeitet und bin sehr stolz darauf.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Oliver Stone
wurde 1946 in New York als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter geboren. Nach einem abgebrochenen Studium und Wehrdienst in Vietnam wandte er sich dem Filmemachen zu. Seinen Durchbruch hatte Stone 1986 mit dem mehrfach Oscar‐prämierten Vietnamkriegsfilm »Platoon«. Es folgten Kinoerfolge wie »Wall Street«, »JFK«, »Natural Born Killers« und »Nixon«. In »Wall Street 2 – Geld schläft nicht«, der diese Woche in Deutschland anläuft, verkörpert, wie im ersten »Wall Street«-Film von 1987, Michael Douglas die Hauptfigur Gordon Gekko, der, nachdem er eine Gefängnisstrafe wegen Börsenmanipulation abgesessen hat, in den Strudel der Finanzkrise von 2008 gerät.

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