Literatur

Gelbwesten und Antidepressiva

Kann Michel Houellebecq hellsehen? Vor rund vier Jahren, fast zeitgleich mit den Anschlägen auf die Redaktion der Zeitschrift Charlie Hebdo und den koscheren Hyper Cacher durch islamistische Terroristen, erschien Houellebecqs Roman Unterwerfung. Darin zeichnete der Misan­throp ein Frankreich, in dem islamistische Kräfte im Staat immer mehr Einfluss gewinnen.

Sein Protagonist wird in diesen Strudel hineingezogen, am Ende wird die Grande Nation zu einem islamischen Staat – der Judenhass in dem Land grassiert, die jüdische Gemeinschaft flüchtet zunehmend nach Israel. Der Autor selbst verschwand ebenfalls kurz nach dem Erscheinen seines Buches von der Bildfläche.

PROVOKATEUR In Houellebecqs neuem Roman Serotonin setzt der chronische Provokateur nun genau an dieser Stelle an: am Niedergang der französischen Republik. Das große, einst reiche Land versinkt im Chaos der Revolten. Gerade so, als hätte Houellebecq die Proteste der »Gelbwesten«, die in diesen Tagen zornig auf die Straßen strömen, vorausgeahnt. Mit einer Auflage von 320.000 Exemplaren beim französischen Verlag Flammarion und 80.000 in Deutschland scheint der Run auf sein Buch garantiert.

Die Reaktionen auf seine Skandal-Romane sind ebenfalls absehbar: »Rassist«, »misogynes Ekelpaket«, empören sich die einen, »genial«, »visionär«, schwärmen die anderen. Nicht nur hartgesottenen Feministinnen wird sein Roman stinken.

Doch da all dies irgendwie auf Houelle-becqs gesamte Prosa zutrifft, kann man angesichts seiner ordinären Metaphorik, die stets Tabus bricht und nun einmal nicht »political correct« ist, auch einfach amüsiert darüberstehen, wenn er vom Leder zieht. Wie eben in Serotonin.

PROTESTE Die ersten 100 Seiten plätschern für Houellebecqsche Verhältnisse sogar ziemlich harmlos dahin. Sein Protagonist Florent-Claude Labrouste, 46 Jahre, Agraringenieur im Ministerium, gelangweilt von seinem eintönigen Leben, trennt sich von seiner japanischen Freundin Yuzu, kündigt Wohnung und Job und taucht ab.

Er verliert sich selbstmitleidig in Anekdoten über seine gescheiterten Liebesbeziehungen und trifft auf einer Reise in die Normandie seinen Studienfreund Aymeric, der nun als Bauer sein Land beackert; trotz harter Arbeit kann er – wie so viele andere französische Bauern – kaum von seinen Einkünften leben. Diese Wut treibt auch Aymeric auf die Straße; es endet in einer blutigen Revolte der Bauern. Labroustes Freund stirbt heldenhaft im Gefecht.

Labrouste hingegen versinkt in der Volkskrankheit der westlichen Konsumgesellschaft: Depressionen. Besserung verspricht allein ein Antidepressivum, das die Ausschüttung des Glückshormons Serotonin erhöht, allerdings zum Verlust der Libido und zu Impotenz führen kann.

Vom Glücksempfinden ist sein tragischer Held weit entfernt. Er glaubt an nichts. Allein ein Funken Hoffnung auf die Liebe bleibt – und die Freude auf die 14 verschiedenen Hummus-Sorten, die es bei seinem Lieblingsisraeli gibt.

Michel Houellebecq: »Serotonin«. DuMont, Köln 2019, 335 S., 24 €

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