Erinnerung

Gedenken für die YouTube-Generation

Ode an das Überleben: Szenen aus »Dancing Auschwitz« Foto: youtube

Erinnerung

Gedenken für die YouTube-Generation

Ein Online-Video zeigt einen tanzenden Schoa-Überlebenden in Auschwitz und sorgt für Kontroversen

von Fabian Wolff  20.07.2010 11:32 Uhr

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Ihre Bewegungen sind unsicher, aber ausgelassen. Fünf Menschen tanzen an Orten jüdischen Leidens – dem Tor des Lagers Auschwitz, dem Deportationsbahnhof Radegast bei Lodz, in Theresienstadt und Dachau. Die australische Künstlerin Jane Korman filmte während einer privaten Polen- reise sich, ihre drei Kinder und ihren Vater, den Schoa-Überlebenden Adolek Kohn, schnitt die Aufnahmen zusammen, unterlegte sie mit dem 70er-Jahre-Disco-Hit I Will Survive von Gloria Gaynor und stellte das so entstandene Video Dancing Auschwitz vor sechs Monaten auf YouTube. Rund eine halbe Million Menschen haben sich dort den Clip angesehen. Die Reaktionen reichten von Bewunderung über Skepsis bis Abscheu.

Ähnlich war es schon nach der ersten Aufführung des Films in einer Galerie in Melbourne gewesen. Nachdem die Zeitung Jewish Australian News über das Projekt berichtete, empörten sich Leser, darunter andere Überlebende: »Wie können Sie auf den Gräbern unserer Märtyrer tanzen?« Korman wurde vorgeworfen, auf billige Schockeffekte zu setzen, nur um auf sich aufmerksam zu machen. Die Künstlerin verteidigte sich. Sie wisse, dass ihr Video despektierlich sei, aber es gehe ihr um die Freude ihres Vaters, überlebt zu haben. Und sie bestand darauf, die teilweise zögerlichen Tanzschritte seien auch als Zeichen der Beklemmung und Trauer zu verstehen.

virales video Der Skandal blieb lokal, bis die israelische Zeitung Haaretz vor zwei Wochen über den Clip berichtete, der inzwischen ein weltweit verbreitetes Phänomen geworden war, ein virales Video, wie sonst nur Aufnahmen von Hundewelpen und stürzenden Kleinkindern. In Deutschland machte als einer der Ersten Mario Sixtus, Online-Journalist und Videoproduzent, auf den Clip aufmerksam, den er als »das Bewegendste, was mir seit Längerem untergekommen ist« auf Facebook, Twitter und in seinem Blog postete: »Ich fand es großartig, wie da den Tätern der Stinkefinger gezeigt wurde. Für mich ist das eine Ode an das Leben!« Auch Sixtus’ Follower zeigten sich ergriffen: »Wen das nicht rührt, der ist tot, jede Träne ist eine Widmung.«

Skeptischer ist Johnny Häusler, Betreiber des Blogs Spreeblick. Ohne Worte, nur mit einem Link auf den Haaretz-Artikel veröffentlichte er den Clip. »Ich habe mich gefragt: Finde ich das okay? Das ist echt schwierig zu beurteilen.« Die Diskussion der Spreeeblick-Leser zum Beitrag war lebhaft, ein letztes Urteil wollten aber auch sie nicht fällen. Das, so befand man, stehe anderen zu: Adolek selbst, seiner Familie, anderen Überlebenden.

Nazikommentare »Nazi-Kommentare, die ich löschen musste, gab es keine«, sagt Häusler. Die fand man woanders. Die rechtsextreme Site Altermedia empfahl den Clip zynisch »allen Freunden des modernen Ausdrucks-tanzes«. Nutzer wie »Stolzer Reichsdeutscher« und »Ehrenmal« erfreuten sich daran, »wie begabt die Jüdlein tanzen kön- nen« und schimpften auf die »Holocau$t-Lüge«. Jane Korman selbst vermutet, dass die globale Verbreitung ihres Videos darauf zurückgehen könnte, dass australische Nazis den Clip für sich entdeckten und ihn an Gesinnungsgenossen in aller Welt weiterleiteten. Vorwürfe, dass sie indirekt die Schoa verharmlose, weist die Künstlerin aber entschieden zurück. Sie habe statt der »vielleicht betäubenden Archivfotos« für die jüngere Generation neue Bilder der Schoa schaffen wollen.

Das ist Jane Korman perfekt gelungen. Wenn auch vielleicht unbewusst, hat sich die Künstlerin die YouTube-Ästhetik zu eigen gemacht: technisch etwas unbeholfen, mit passender musikalischer Untermalung und nicht länger als vier Minuten. Der 89-jährige Adolek Kohn, der mit einem Survivor-Shirt vor einem Verbrennungsofen steht und das Victory-Zeichen macht, könnte Teil des Erinnerungskanons werden, jedenfalls für die Internet-Teenager, die Korman ansprechen wollte.

Inzwischen ist der ursprüngliche Clip von YouTube allerdings gelöscht worden. Nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern weil die unerlaubte Nutzung des Lieds I Will Survive gegen australisches Copyright verstößt.

www.youtube.com/watch?v=j7PtrFJtseg

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