Geschichtsthriller

Gebrochene Helden

Patrick Rotmans Roman über jüdische bewaffnete Widerstandskämpfer im besetzten Frankreich

von Michael Koltan  07.12.2010 09:50 Uhr

Feindbild Jude: Deutsches Propagandaplakat gegen die Résistance Foto: Archiv

Patrick Rotmans Roman über jüdische bewaffnete Widerstandskämpfer im besetzten Frankreich

von Michael Koltan  07.12.2010 09:50 Uhr

Wer glaubt, dass Quentin Tarantino sich seine jüdische Freischärlertruppe in Inglourious Basterds komplett aus den Fingern gesogen hat, kann sich durch Patrick Rotmans Die Seele in der Faust eines Besseren belehren lassen. Es gab tatsächlich im besetzten Frankreich eine Gruppe von Partisanen, die den Nazis ihre eigene Medizin zu schmecken gab: Terror. Ihr spektaku lärster Erfolg war das Attentat auf den SS-Standartenführer Julius Ritter am 28. September 1943 mitten in Paris. Patrick Rot- man hat die reale Geschichte dieser Gruppe namens FTP-MOI (Francs-tireurs et partisans – Main-d’œuvre immigrée) seinem Roman Die Seele in der Faust zugrunde gelegt. Für historisch interessierte Leser liefert das ausführliche Nachwort von Elfriede Müller die wichtigsten Fakten nach.

Filmreif Die Mitglieder der FTP-MOI waren, anders als Tarantinos »Basterds«, keine Amerikaner, sondern Immigranten meist jüdischer oder armenischer Herkunft. Und sie waren Kommunisten – ihre Aktionen wurden nicht von Washington, sondern von Moskau aus koordiniert. Rotman erzählt die Geschichte dieser Gruppe, angefangen von der Rekrutierung bis zur Hinrichtung der meisten ihrer Mitglieder Ende 1943. Es ist eine Story, die alles hat, was ein guter Thriller braucht: Schurken und Helden, Action, Liebe, Verrat. Die Versuchung lag nahe, sie als melodramatischen Reißer zu erzählen über einen heroischen, letztendlich aussichtslosen, aber dennoch nicht vergeblichen Kampf: Résistance-Kitsch als billiges Vehikel zur Identifikation mit den moralischen Siegern.

Rotman hat dieser Versuchung widerstanden. Statt eines einfachen Historienromans erzählt er die Geschichte indirekt und doppelt gebrochen. Ich-Erzähler ist ein Regisseur namens Patrick Versau, der einen Spielfilm über einen FTP-MOI-Kämpfer namens Sascha Altberg plant. Dieser will, so Versaus Szenario, in einer Zeit, da ihm als Kommunist und Jude tagtäglich der Tod droht, sein Ende wenigstens selbst wählen, indem er mit der Waffe in der Hand gegen die Nazis kämpft. Wir erleben nun, wie der Regisseur mit Zeitzeugen spricht – Saschas überlebendem Bruder Paul, Serge, dem Militärchef der Partisanengruppe, aber auch dem für die Verhaftung verantwortlichen Bullen Rodier.

Parallel dazu lesen wir Szenen aus Versaus Drehbuchentwurf. In dieser gedoppelten Struktur liegt der literarische Kniff des Romans. Der Leser erfährt dieselbe Geschichte zweimal, einmal in der selbst bereits fiktiven Erzählung der Zeitzeugen und dann noch einmal in Form der Drehbuchszenen als Fiktionalisierung der ersten Fiktion. Damit kann Rotman die Probleme thematisieren, die auftreten, wenn man ein komplexes historisches Geschehen als einfache Geschichte von Helden und Schurken erzählen will: Die Drehbuchszenen führen uns scheinbar direkt an die Schauplätze des Geschehens, wir haben den Eindruck, unmittelbar dabei zu sein.

Doch in Wirklichkeit sind sie potenzierte Fiktion, nämlich die immer hilfloser werdenden Versuche des Ich-Erzählers, sich einen Reim auf das widersprüchliche Verhalten der historischen Akteure zu machen, auf die Verfälschungen, Geschichtsklitterungen und auch direkten Lügen, mit denen er sich konfrontiert sieht.
Verrat Da ist zum Beispiel Saschas Geliebte Éva, die die Gruppe denunziert, obwohl ihre Eltern deportiert wurden, und die nach dem Krieg ihre offensichtlich nach wie vor guten Beziehungen zum Staatsapparat nutzt, um ein erfolgreiches Bordell aufzumachen. Der Regisseur im Roman steht vor dem Problem, diese widersprüchliche Figur (modelliert nach der sehr realen Pariser Puffmutter Lucienne Goldfarb) für seinen Film plausibel zu machen. Das Bild, das er dafür findet, ist das einer sado-masochistischen Beziehung Évas zu dem Polizisten Rodier, in der die Rollen nicht so eindeutig sind, wie man es in der schwarz-weißen Welt der Heldenepen gerne hätte.

Im Laufe der Recherchen nehmen Versaus Probleme, für die historische Wahrheit Bilder zu finden, immer mehr zu. Die reale Geschichte erweist sich als zu komplex, als dass sie mit dem einfachen Kinoschema eines strahlenden Helden im Kampf gegen das absolut Böse bewältigbar wäre. Und so gibt Versau am Ende des Romans desillusioniert das Filmprojekt auf. Nicht so Patrick Rotman (der im Übrigen in Frankreich ein profilierter Filmemacher ist).

Woran der Film im Roman scheitert, gelingt dem Buch bravourös. Indem er die Schwierigkeiten beim Darstellen der historischen Wahrheit mit zum Thema macht, ist Rotman in der Lage, die einfachen Schwarz-Weiß-Schemata zu durchbrechen, ohne in historischen Relativismus zu verfallen. Und dabei dennoch eine aufregende Geschichte über Kampf, Liebe und Verrat in finsteren Zeiten zu erzählen.

Patrick Rotman: Die Seele in der Faust. Deutsch und mit einem Nachwort von Elfriede Müller. Assoziation A, Berlin 2010, 214 S., 18 €

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