Sprache

Ganz im Ernst

Sommer-Ironie: Hagelschauer in Berlin Foto: dpa

Schriftliche Botschaften können leicht zu Missverständnissen führen. Denn wenn der Blick in ein lächelndes oder ernstes Gesicht fehlt, ist es oft schwer, nur anhand der Buchstaben in einer Nachricht auf die Stimmung und die Intention des Verfassers zu schließen. Unsere Urgroßeltern setzten deswegen manchmal auf die Sprache der Briefmarken, die, je nach Anordnung auf dem Umschlag, zusätzlich zum womöglich unter dem wachsamen Auge der Eltern eher neutral geschriebenen Brieftext »Ich liebe Dich«, »Es tut mir leid« oder »Vergiss mich nicht« sagten.

Heute sollen Smileys dafür sorgen, dass der Empfänger die an ihn gerichtete Botschaft auch richtig versteht. Lachend deuten sie einen Scherz an, zwinkernd Ironie. Und auf Twitter gibt es verschiedene Hashtags, die die Intention eines Betrags zeigen sollen. #Sarcasm, also Sarkasmus, lautet einer von ihnen.

Hashtag Für manche Menschen, die Schwierigkeiten haben, Ironie und Sarkasmus zu verstehen, sind diese Kennzeichnungen aber nicht besonders hilfreich. Besonders Autisten und Menschen mit Asperger-Syndrom soll ein neues Übersetzungsprogramm nun dabei helfen, Postings richtig zu verstehen und dadurch leichter am Internetleben teilhaben zu können.

SIGN (Sarcasm Sentimental Interpration GeNerator) hat es sich zum Ziel gesetzt, Postings in ihre tatsächliche Aussage zu übersetzen. Aus einem Tweet, in dem jemand das wechselhafte Sommerwetter mit den Worten »Supersommer #sarcasm« oder einen besonders misslungenen neuen Film als »Was für eine Meisterleistung #sarcasm« beschreibt, macht das am israelischen Technion-Institut in Haifa erstellte Programm dann die Wahrheit: »Das Wetter ist schlecht« und »Von dem Film ist abzuraten«.

»Sentiment analysis« nennt sich das – also die Analyse von Gefühlen. In manchen Bereichen sind diese Verfahren schon relativ weit ausgearbeitet; Textdokumente können mittlerweile dahingehend untersucht werden, ob bei einem Unternehmen beschäftigte Verfasser sich innerlich von der Firma verabschiedet haben, oder ob jemand ein Terrorist sein könnte, der die Sicherheit des Landes gefährdet.

Körpersignale Sarkasmus richtig und vor allem automatisch zu identifizieren, war bisher jedoch ein Problem, denn dazu ist im alltäglichen Leben viel mehr nötig als Worte: Körpersignale, stimmliche Veränderungen und Sprechpausen zeigen im direkten Gespräch an, wenn jemand das Gesagte nicht ernst oder nicht wörtlich meint.

Lotam Peled, Doktorand am Technion, hat für SIGN Tausende sarkastische Tweets gesammelt, ausgewertet und dafür gesorgt, dass sie von Mitarbeitern in das eigentlich Gemeinte, also meist in das Gegenteil übersetzt wurden. Sowohl der Ursprungstweet als auch die Übersetzung wurden anschließend in das Programm eingespeist, damit es »lernen« kann. Langfristig soll SIGN dann selbstständig in der Lage sein, seinem jeweiligen Nutzer Postings so darzustellen, wie sie gemeint waren.

Neben der Kennzeichnung per Hashtag verwenden viele User Smileys, um schriftliche Botschaften abzurunden. Ein Lächeln, ein Zwinkern, ein Augenrollen genügt, und schon, so ist man sich allgemein sicher, versteht der Adressat gleich viel besser, was man ihm eigentlich sagen möchte. Das ist ein fataler Irrtum: Eine neue internationale Studie unter Federführung der Universität von Rotterdam kommt zu dem Ergebnis, dass Menschen, die in beruflichen Mails Emoticons benutzen, von ihnen unbekannten Empfängern ihrer Nachrichten als deutlich inkompetenter eingestuft werden als solche, die keine Smileys verwenden. Diese laut Eigenbezeichnung »erste systematische Untersuchung des Effekts von Smileys im Berufsleben« bezieht sich auf »first impression formation«, also auf die Faktoren, die zum ersten Eindruck führen, den jemand von einer Person bekommt.

Inkompetenz Die an der Studie beteiligte israelische Postdoktorandin Ella Glikson von der Ben-Gurion-Universität im Negev sagte dem amerikanischen Sender CNN, sie sei zuvor eigentlich sicher gewesen, dass Smileys als positiv wahrgenommen würden. »Aber schon unsere ersten Resultate überraschten mich. Daher fokussierten wir uns auf berufliche E-Mails und erhielten Ergebnisse, die andere Experimente bestätigten.« Die Studie war breit angelegt: 549 Teilnehmer aus 29 Ländern absolvierten verschiedene Tests, in denen ihre Reaktionen auf Mails und Fotos von ihnen unbekannten Menschen erfasst wurden.

»Ein Smiley ist kein Lächeln«, weiß Glikson nun. Denn während im wirklichen Leben ein lächelnder Mensch als »attraktiver, ernsthafter, vertrauenswürdiger, wärmer und auch kompetenter eingeschätzt wird« als ein nicht lächelnder, werden mit den kleinen Emoticons all diese positiven Attribute explizit nicht assoziiert. Nicht einmal als besonders freundlich wurden die Botschaften, die Smileys enthalten, eingeschätzt – dabei gelten die runden gelben Gesichter doch als Möglichkeit, auch im Berufsleben eine gewisse Lockerheit und gute Laune zu demonstrieren.

»Menschen glauben, dass ein Emoji (wie die Smileys im Japanischen heißen) ein virtuelles Lächeln ist«, fasst Glikson zusammen. »Aber unsere Studie zeigt, dass dies am Arbeitsplatz im Kontakt mit Leuten, mit denen man zum ersten Mal zu tun hat, ganz und gar nicht der Fall ist.« Ihr Rat: »Emoticons sollten im Job nur dann verwendet werden, wenn man den Adressaten schon kennt.«

Andernfalls drohen Konsequenzen, wie Gerben A. van Kleef, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Amsterdam, betont: »Dadurch, dass der Smiley-Verwender für inkompetenter gehalten wird, ändert sich das Verhalten des Adressaten ihm gegenüber: Er teilt bei Weitem nicht mehr so viele Informationen mit ihm.«

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